Zeitung Heute : Umsatzplus für den Maschinenbau

Die Zulieferer der Solarbranche erwarten ein zweistelliges Wachstum – jedes Jahr

Karsten Schäfer

Zahlenkolonnen schieben sich über die Bildschirme der vier Laptops. Vor jedem sitzt ein Programmierer, hochkonzentriert. Sie tippen, machen Eingaben und blicken dabei wie gebannt auf die Werte und Parameter in den Tabellen. Plötzlich tut sich was. Auf einem kleinen Transportband setzt sich eine rechteckige Siliziumscheibe, ein so genannter Wafer, in Bewegung. Doch weiter als einen Meter kommt er nicht. Dann herrscht wieder Stille. „Die Mitarbeiter stehen unter einem enormen Druck“, sagt Romy Schildhauer, Firmensprecher von Jonas & Redmann in Berlin. Sie wollen das so genannte Wafer-Inspektionssystem direkt in eine Fertigungslinie für Solarzellen integrieren. Dort könnte es die frisch gebackenen Wafer überprüfen und minderwertige Scheiben sofort aussortieren.

Das Inspektionssystem wurde im vorigen Jahr auf einem großen Branchenkongress in Mailand vorgestellt. Es ist nur eins von vielen Beispielen dafür, wie kleine und mittelständische, aber auch große Unternehmen der Solarindustrie aus den Kinderschuhen helfen. Diese Maschinen- und Anlagenbauer machen es überhaupt erst möglich, moderne Fabriken für Solarzellen mit mehreren hundert Megawatt Solarleistung pro Jahr zu errichten. Es liegt in den Händen dieser Zulieferer, die Kosten für die Solartechnik zu senken. Denn die Zeit der Garagenbetriebe läuft ab. Wurde die Solarbranche einst von einigen Enthusiasten gegründet, die ihre Solaranlage im Hinterhof noch selbst bastelten, steht die Branche heute mit einem Bein in der industriellen Massenfertigung.

Large Scale Manufacturing nennt man das im Wirtschaftsjargon, wenn eine Technologie den Sprung in die Automatisierung schafft. So plant beispielsweise der Berliner Ingenieurdienstleister Ib Vogt die neuen Fabriken, die derzeit in ganz Deutschland entstehen, inklusive Versorgung der Produktionsanlagen mit Stoffen und Chemikalien aller Art. „Es gibt Kunden, die haben sehr klare Vorstellungen über die Technologie, die sie verwenden wollen“, sagt Carolus Kerber, Leiter der Ingenieursparte bei Ib Vogt. Dann gebe es aber auch Kunden, die nur wenige Vorstellungen von ihrer zukünftigen Produktionsstätte hätten. Das seien in der Regel Investoren, die neu in den Markt kämen. Je nach Vorgaben und Wünschen der Kunden entwickeln Projekteure wie Ib Vogt ein Modell der künftigen Fabrik, wenn nötig bis zu den einzelnen Produktionslinien. Seit 2002 hat sich der Umsatz von Ib Vogt jedes Jahr verdoppelt, bis zu fast acht Millionen Euro im Jahr 2006. Im gleichen Zeitraum stieg die Zahl der Mitarbeiter von fünf auf 140. Wichtigster Kunde ist der Zellenhersteller Q-Cells in Thalheim. „Bei Q-Cells haben wir unsere größten Anlagen“, resümiert Kerber. „Mit Q-Cells ist der professionelle Einstieg in die Photovoltaik gelungen.“ Inzwischen konzentriert sich Ib Vogt ausschließlich auf Solarfabriken.

Sobald eine Fabrik steht und die Produktionsanlagen installiert sind, kann die Fertigung der begehrten Solarzellen starten. Ausgangsstoffe sind entweder zylindrische Siliziumkristalle von höchster Reinheit, so genannte Ingots, oder multikristalline Siliziumblöcke. Spezialsägen schneiden diese Ingots und Blöcke in kleinere Ziegel (Bricks), bevor sie von Drahtsägen in Tausende hauchdünner Scheiben, die so genannten Wafer, zertrennt werden. Diese Wafer sind heute nur noch zwei Zehntelmillimeter dick. Um das harte und spröde Silizium in derart dünne Scheiben zu zersägen, ist viel Erfahrung nötig. Erfahrung, die das Schweizer Unternehmen Meyer Burger schon 53 Jahre lang mit Spezialsägen für die Halbleiterindustrie sammelt. Inzwischen werden die Sägen auch in der Solarindustrie eingesetzt. „Auf dem Gebiet sind wir sicher führend, weil unsere Maschinen sehr stabil gebaut sind, mit einer sehr hohen Präzision“, erläutert Marketingchef Werner Buchholz.

Auch bei Meyer Burger bringt die Photovoltaik neuen Schwung ins Geschäft. Lag der Umsatz im Jahr 2005 noch bei fast 60 Millionen Franken, stieg er 2006 auf 82 Millionen, an denen die Photovoltaik einen Anteil von rund 75 Prozent hatte. 2007 hat das Unternehmen den Umsatz auf mehr als 180 Millionen Schweizer Franken erhöht. „Unser Auftragseingang hat sich enorm entwickelt“, bestätigt Buchholz.

Ein starker Akteur ist die amerikanische Firma Applied Materials, die in den vergangenen zehn Jahren im Durchschnitt rund eine Milliarde Dollar jährlich für die Forschung ausgegeben hat. Seit vierzig Jahren baut das kalifornische Unternehmen Produktionstechnik für die Halbleiterindustrie und ist heute weltweit der größte Zulieferer der Elektronikindustrie. Im Sommer 2006 beschlossen die Bosse, in das Solargeschäft einzusteigen, mit einer Dependance in Alzenau. Die Technik war vorhanden, denn die Anlagen von Applied Materials für die Herstellung von Flachbildschirmen scheiden Silizium auf Glasplatten ab.

Fast das gleiche Verfahren ist zur Produktion von Dünnschichtsolarzellen nötig. „Das heißt, die Technologie, die wir seit Anfang der 90er Jahren in Kalifornien für die Flachbildschirme entwickelt haben, verwenden wir jetzt fast eins zu eins für Solarzellen“, sagt Winfried Hoffmann, Chefingenieur der Solarsparte von Applied Materials. „Das sind praktisch die gleichen Anlagen, mit denen wir jetzt auch auf großer Fläche Dünnschichtmodule bei unseren Kunden herstellen.“

Inzwischen bietet Applied Materials komplette Produktionslinien für die Herstellung von Dünnschichtmodulen.

Auch bei den kristallinen Solarzellen kann Applied Materials große Erfolge melden: Zusammen mit dem Fraunhofer-Institut für solare Energiesysteme in Freiburg haben es die Alzenauer geschafft, die Antireflexschicht aus Siliziumnitrid auf die Solarzellen direkt aufzusputtern. Diese Schicht soll verhindern, dass die Sonne an der Oberfläche des Solarmoduls reflektiert wird. Dann wäre ein großer Teil der Energie verloren. Bisher wurde das Siliziumnitrid chemisch abgeschieden. Das Sputtern hingegen funktioniert auch auf größeren Flächen. Und bei hohen Stückzahlen ist es billiger.

Mittlerweile hat sich das Geschäft der Fabrikausrüstung für die Hersteller von Solartechnik zu einer tragenden Säule des deutschen Maschinenbaus entwickelt. Die deutschen Hersteller von Fertigungstechnik und Fabrikausrüstung für die Elektronik erwarten in diesem Jahr ein Umsatzplus von elf Prozent. Das ist ein Ergebnis der jüngsten Umfrage unter den Mitgliedern des Fachverbandes Productronic, die der Verband des deutschen Maschinen- und Anlagenbaus (VDMA) halbjährlich durchführt. 2007 war das Wachstum in der Productronic noch gebremst. Allerdings wird das Wachstum 2008 laut VDMA erst zur Jahresmitte volle Fahrt aufnehmen. „Wir erleben hier den üblichen Zyklus der Halbleiterbranche, verstärkt durch eine temporäre Beruhigung der übrigen Elektronik“, erklärt Volker Pape, Vorsitzender des VDMA-Fachverbandes Productronic. „Die Elektronikfertigung wächst aber mittel- und langfristig zuverlässig.“

Das Wachstum in der klassischen Fertigung von Halbleitern und Leiterplatten findet derzeit hauptsächlich in Asien statt. Gleiches gilt für Flachdisplays. In Asien hat sich in den vergangenen Jahren starke eigene Zulieferbranchen gebildet, die mit den deutschen Firmen konkurriert. Eine Ausnahme sind die Maschinen und Anlagen für die Herstellung von Solarzellen und Solarmodulen, die derzeit mit zweistelligen Zuwachsraten und einem starken deutschen Markt glänzen. Solarstromtechnik wird ähnlich wie Mikrochips aus Siliziumwafern produziert. Die Knappheit des Siliziums wirkt sich jedoch abschwächend auf die Dynamik in der Photovoltaik aus. Ende 2008 soll dieser Engpass behoben sein. „Viele unserer Mitglieder haben die Photovoltaik genutzt, um sich erfolgreich zu diversifizieren“, betont Pape.

Die positiven Erwartungen für 2008 spiegeln sich auch in der Arbeitzeit der Beschäftigten: Im April 2007 planten nur 23 Prozent der Befragten Überstunden, jetzt tun das 48 Prozent. Kurzarbeit spielt keine Rolle. 51 Prozent der befragten Firmen wollen Personal einstellen. Der durchschnittliche Auftragsbestand liegt bei 3,2 Produktionsmonaten und dürfte sich im Laufe des Jahres erhöhen. Im Fachverband Productronic sind derzeit 64 Fabrikausstatter und Maschinenhersteller der gesamten Prozesskette in der Elektronikfertigung vertreten.

In diesem Jahr werden die deutschen Zulieferer und Fabrikausstatter rund eine Milliarde Euro mit Solartechnik umsetzen. Im Juli wird es erstmals einen amerikanischen Ableger der Fachmesse Intersolar in Kalifornien geben: in unmittelbarer Nachbarschaft zu einer Messe der Halbleiterbranche.Karsten Schäfer ist Chefredakteur der Fachzeitschrift „Photovoltaik“.

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