Zeitung Heute : Umstellt von sieben Feinden

Wie Fischer als Hessens Umweltminister gegen Hanau stritt

Jürgen Schreiber

Als Joschka Fischer noch erheblich grüner hinter den Ohren war, gab es ein Problem. Kaum war Hessens damaliger „Minister für Energie und Umwelt" mit Nike-Turnschuhen ins Amt eingetreten, krachte es im Bündnis mit der SPD an allen Ecken und Enden.

Dank 5,9 Prozent der Stimmen bei der Landtagswahl hatten sich Fischers Partei Ende 1985 an der Seite des Genossen Holger Börner an die Macht gezittert. Die Koalition begann dramatisch, Börner sank bei den Verhandlungen nach einem Schwächeanfall aufs Sofa. Der 37 Jahre junge Fischer trug Stoppelbart, der heutige Würdenträger galt Medien als „personifizierter Bürgerschreck". Kurz nach seiner Vereidigung fuhr er spornstreichs zur Großdemo gegen die in Wackersdorf geplante Wiederaufbereitungsanlage. Mischlingshund Dagobert wich ihm nicht von der Seite.

Dann kam der Februar 1987. Eben hatte der Alternative zum einjährigen Dienstjubiläum theatralisch verkündet, gemessen an dem mit 7500 Mark netto dotierten Job sei „eine Odyssee die reinste Lustreise". Zudem fände er es „einfach ätzend", sich um 7 Uhr schon aus dem Bett „zu hieven". Das ihm gewidmete Echo fasste der Ex-Sponti so zusammen: „Viel is noch nich, aber sonst ganz originell, der Herr Minister." Aus Frust hatte er sich zehn Kilo angefressen. Im Atomland Hessen eskalierte der Dauerkrach um die Hanauer Plutonium-Fabrik. Die Firma ein für alle Mal zu schließen, war ein grünes Muss. Aber Wirtschaftsminister Steger (SPD) verkündete: Der Betrieb wird weiter genehmigt! Die Nachricht schlug im Ministerflügel wie eine Bombe ein. In Zimmer 1007 spielte Fischer mit den Getreuen Georg, Roland und Tom sofort den „worst case" durch. Er zog als Anti-Atom-Minister durchs Land, gebot jedoch nur über eine Abteilung „Druck und Dampf". Die Atomaufsicht war bei den Sozis verblieben, der gelernte Polier Börner hatte ihn nicht ungeschickt eingemauert. Als wollte die SPD ihren Fischer verspotten, fiel stattdessen das Eichwesen an ihn. Der Grüne fühlte sich im Amt eh immer gleichzeitig „von sieben Feinden umstellt".

„Hopp oder dopp", die Koalition stand auf der Kippe. Beim internen Rollenspiel übernahm Joschka persönlich den Part von SPD-Börner. Fazit: Alles weise auf die Regie des Regierungschefs hin, Steger handele in dessen Auftrag. „Wenn es um den Ausstieg geht, dann bremst die SPD, dass die Funken stieben", giftete Fischer. Börner brachte immerhin zwei Zentner Lebendgewicht aufs Pedal. Auf Schlag „fünf vor zwölf“ lud der Grüne zur Pressekonferenz, stellte ultimativ die Koalitionsfrage. Danach orakelte er vor der Partei über seinen Rücktritt. Börner schrieb ihm daraufhin, und Fischer musste seinen Hut nehmen. Nun macht Hanau wieder Schlagzeilen, Schröders rot-grüne Regierung will die Plutonium-Fabrik nach China verkaufen. Ihretwegen endete Fischers erste Ministerkarriere abrupt nach 14 Monaten. Die Geschichte wiederholt sich nicht.

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