Umwelt : Das Klima ist ihr Betrieb

Der Weltklimarat feiert sein 20-jähriges Bestehen. Welchen Einfluss hat seine Arbeit auf die internationale Politik, und was hat er bisher erreicht?

Dagmar Dehmer

Pünktlich zum 20-jährigen Bestehen des Weltklimarats (IPCC) werden seine Prognosen einmal mehr von der Realität überholt: Im Norden Indiens hat der Monsun so viel Regen gebracht, dass drei Millionen Menschen aus ihren Häusern flüchten mussten, mehr als 80 Menschen sind bei der Hochwasserkatastrophe schon ums Leben gekommen. Vor der Südostküste der USA rast Hurrikan „Gustav“ auf New Orleans zu, und vor den Bahamas braut sich schon der nächste Tropensturm zusammen. In Südafrika dagegen gibt es mitten im Winter Buschbrände, während gleichzeitig Teile des Landes im Schnee versinken. Die Statistik der internationalen Katastrophendatenbank (www.emdat.be) liest sich wie ein Anhang zum IPCC-Report über die Auswirkungen des Klimawandels. Für das Jahr 2007 listet er bei den zehn tödlichsten Naturkatastrophen neun Mal Wetterkatastrophen auf: Zyklon „Sidre“, bei dem im November 2007 in Bangladesch mehr als 4200 Menschen starben; Flutkatastrophen in Indien, China und Pakistan mit zahlreichen Toten. In Ungarn wütete dagegen eine Hitzewelle, bei der 500 Menschen starben.

Ein einflussreicheres Wissenschaftlergremium als den IPCC hat es noch nie gegeben. Vor 20 Jahren haben die Weltmeteorologie-Organisation (WMO) und das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (Unep) den Weltklimarat gegründet. Im IPCC tragen alle Klimaforscher von Rang ihr Wissen über die globale Erderwärmung zusammen, über ihre Auswirkungen und die Möglichkeiten gegenzusteuern.

Vier Mal haben die rund 150 im IPCC zusammengeschlossenen Wissenschaftler einen Statusbericht vorgelegt, den jüngsten im vergangenen Jahr. Und zumindest drei Mal hat ihre Arbeit sichtbare Konsequenzen gehabt: Der erste Statusreport erschien 1990. Erstmals bekamen die Regierungen, die den Erkenntnissen der Wissenschaftler in einer gemeinsamen Konferenz zustimmen mussten, geballte Informationen über den Klimawandel an die Hand. Dieses Verfahren hat der IPCC beibehalten: Die Arbeit der Wissenschaftler muss in zähen Verhandlungen mit den Regierungen gegen Abschwächungsversuche verteidigt werden. Oft erfolgreich. Der erste IPCC-Report führte im Jahr 1992 dann letztlich zur Verabschiedung der Klimarahmenkonvention beim Erdgipfel in Rio.

Der zweite Statusbericht erschien 1995, pünktlich zur ersten Weltklimakonferenz in Berlin. Sie endete mit dem Berliner Mandat. Diese Verhandlungen führten zwei Jahre später in Japan zum Kyoto-Protokoll. Der dritte Statusbericht 2001 fiel in eine schwere Krise der Klimadiplomatie. Im Herbst 2000 war der fünfte Weltklimagipfel in Den Haag gescheitert. Die letzte Rettung war es, die Konferenz zu unterbrechen und ein halbes Jahr später in Bonn weiterzuverhandeln. Inzwischen war der erste Teil des dritten IPCC-Reports erschienen. Womöglich hat er ein endgültiges Scheitern der Klimaverhandlungen verhindert. Doch die Folgekonferenzen in Marrakesch, Delhi, Mailand und Buenos Aires verloren sich in Details zur Ausgestaltung des Kyoto-Protokolls. Erst mit der elften Klimakonferenz in Montreal kam wieder Bewegung in den internationalen Verhandlungsprozess, der im vergangenen Jahr durch den vierten Statusreport des IPCC deutlich an Beschleunigung gewann.

2007 dürfte mit Abstand das erfolgreichste Jahr des IPCC gewesen sein. Nicht nur, dass alle drei Teilberichte des IPCC – über die physikalischen Grundlagen des Klimawandels, über seine Auswirkungen und Anpassungsmöglichkeiten sowie über Möglichkeiten, den Klimawandel aufzuhalten – weltweit gewaltige Aufmerksamkeit erregten. Im Dezember erhielt der IPCC gemeinsam mit dem amerikanischen Politiker Al Gore den Friedensnobelpreis für seine Arbeit. Sämtliche Autoren des vierten Statusreports können sich seither als Teil-Nobelpreisträger fühlen. Darunter sind auch deutsche Klimaforscher, allein eine Handvoll vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, etwa der Gründer, Hans-Joachim Schellnhuber, sein Stellvertreter Ottmar Edenhofer oder der Meeresforscher Stefan Ramstorff und sein Kollege Wolfgang Cramer. Ottmar Edenhofer hat bei der noch bis zum 4. September dauernden IPCC-Tagung gute Chancen, zum Chef der „Arbeitsgruppe Drei“ gewählt zu werden. Sie befasst sich mit den Gegenstrategien zur Erderwärmung und ist wegen dieser Themenstellung die umstrittenste. Der IPCC wird bis zum fünften Statusreport, mit dem wohl kaum vor 2013 zu rechnen ist, mehrere Themen speziell unter die Lupe nehmen. Das erste Ergebnis dieser Arbeit wird bei der IPCC-Tagung in Genf bereits diskutiert. Dabei geht es um die Veränderungen im Wasserzyklus durch den Klimawandel.

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