Umwelt : Olympische Disziplin

Peking probt für Olympia. Deshalb gilt ein Fahrverbot für die Hälfte der rund 3,3 Millionen Fahrzeuge. So soll unter anderem die Luftqualität verbessert werden. Wie lebt es sich nun in Peking – und vor allem, wie bewegt man sich nun fort?

Benedikt Voigt[Peking]
Peking Dunstglocke
Dunstglocke über Peking Während der Olympischen Spiele gilt ein Fahrverbot für Millionen von Autos. -Foto: dpa

Am Montag um 17 Uhr 30 im Untergeschoss der Pekinger U-Bahn-Station Jianguomen entdeckt Frank Tao, dass er einen Fehler gemacht hat. „Normalerweise fahre ich in Peking mit dem Fahrrad oder dem Taxi“, sagt der Student. „Heute habe ich die U-Bahn genommen, weil ich in der Nähe einen Termin hatte.“ Nun muss sich Frank Tao mit einem Dutzend anderer Passagiere streiten, um einen Wagen der U-Bahn-Linie 1 zu besteigen. Bis quer über den Bahnsteig stehen die Menschen, fährt eine U-Bahn ein, quetschen Helfer die Leute in den Waggon. „Was ist denn heute nur los?“, wundert sich Frank Tao.

Frank Tao dürfte zu den wenigen Leuten in Peking gehören, die noch nicht gemerkt haben, dass in ihrer Stadt die olympische Zeitrechnung begonnen hat: Seit Sonntag gilt bis zum 20. September ein Fahrverbot in der Olympiastadt für die Hälfte der 3,29 Millionen registrierten Fahrzeuge. Der gestrige Montag war nun der erste Werktag unter den neuen Bedingungen. Die Pekinger U-Bahn-Gesellschaft hatte mit bis zu vier Millionen zusätzlichen Passagieren gerechnet. Obwohl am Samstag drei neue U-Bahn- Linien eröffnet wurden, gab es Engpässe. Mindestens die Umsteigestation Jianguomen musste am Morgen zeitweise geschlossen werden. Dort durfte zwischenzeitlich in die U-Bahn-Linie nicht mehr eingestiegen werden. „Es gibt einen großen Ansturm an Passagieren“, sagte ein U-Bahn-Mitarbeiter der Nachrichtenagentur Reuters, „wir mussten aus Sicherheitsgründen zeitweise schließen.“

Obwohl am Montag nur Fahrzeuge mit ungeraden Nummernschildern auf Pekings Straßen fahren durften, stauten sich am Morgen die Autos auf der zweiten Ringstraße so sehr, dass die Polizei unplanmäßig die olympische Spur freigeben musste. Diese ist seit Sonntag auf den nördlichen Hauptverkehrsstraßen Pekings in Betrieb. Die sonst so wagemutigen Pekinger Taxifahrer trauen sich seitdem nicht einmal, diese Spur zum Überholen zu benutzen. Sie ist Fahrzeugen mit Olympia-Sondergenehmigung vorbehalten.

Aber warum ist diese Spur bereits zweieinhalb Wochen vor Beginn der Olympischen Spiele am 8. August in Betrieb genommen worden? „Damit sich die Bürger in Peking daran gewöhnen können“, sagt Sun Weide, Sprecher des Pekinger Olympia-Organisationskomitees Bocog. Außerdem seien die Olympischen Spiele ja nicht mehr weit, fügt Sun Weide hinzu. Er verteidigt die Maßnahme, obwohl sich am Montag fast überall in Peking während der Rushhour das gleiche Bild bot: Auf den olympischen Fahrbahnen fuhr so gut wie kein einziges Fahrzeug, auf den anderen Spuren staute sich der Verkehr. „Im Moment sind schon einige Mitglieder der olympischen Familie in der Stadt, es ist wichtig, dass sie zu den Wettkampfstätten kommen“, sagt Sun Weide. „Und es werden immer mehr.“

Peking hatte das Fahrverbot eingeführt, um den Verkehrsfluss zu verbessern und die notorisch schlechte Luft in der Stadt zu bekämpfen – damit die Athleten bei den Olympischen Spiele frei durchatmen können.

Tatsächlich war der Himmel am Sonntag klar und blau, doch schon an Montagmorgen sank der Smog wieder leicht über dem Central Business District. „Die Luftqualität und die atmosphärischen Bedingungen sind zweierlei Dinge“, sagt Sun Weide. Es gebe strahlend blaue Tage, an denen die Luftqualität trotzdem schlecht sein könne und umgekehrt. Peking hat in den vergangenen Jahren rund zwölf Milliarden Euro für Umweltschutzmaßnahmen ausgegeben.

Während der Olympischen Spiele planen die Organisatoren auch, Raketen mit Silberjodid in die Luft zu schießen, um die Wolken vor der Stadt abregnen zu lassen – und so Regen über dem Olympiagelände zu verhindern. Kenneth Rahn von der Universität Rhode Island, der mit chinesischen Kollegen die Luftqualitätsdaten Pekings ausgewertet hat, bleibt skeptisch. Der Fahrverbotstest im vergangenen Jahr habe sich wahrscheinlich nur mit weniger als zehn Prozent positiv auf die Luftqualität ausgewirkt, sagte er der Zeitschrift „Wired“. Und auch dem Raketenexperiment traut Kenneth Rahn nicht wirklich: „Die Natur ist größer und stärker als das chinesische Volk und chinesische Raketen.“ Der Westen wisse das seit 50 Jahren, aber China glaube, dass Wissenschaft und Technik alles lösen könnten.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar