Zeitung Heute : Umweltgifte: Stoffe, die krank machen

Andreas Lohse

Aus nahe liegenden Gründen halten die meisten Menschen ihre Fenster jetzt geschlossen. Doch sollte man trotz der Kälte auf das regelmäßige Lüften der Wohnung nicht verzichten - sonst kann "dicke Luft" durch Schadstoffe entstehen. Zwar wurde die Verwendung etlicher der als so genannte Umweltgifte erkannten Stoffe in den vergangenen Jahren verboten, und sie dürften folglich auch in unseren Wohnungen kaum noch vorkommen. An erster Stelle stand hier lange Zeit das krebserregende Formaldehyd, das zur Herstellung von Spanplatten und Sperrholz benutzt wurde. Doch kommen auch neue Produkte aus den Chemieküchen hinzu oder werden zumindest jetzt erst wahrgenommen, wie jüngst die Stiftung Warentest herausfand.

So brachte die Analyse von rund 600 Hausstaubproben erschreckende Ergebnisse: In fast jeder dritten fand man Spuren des Weichmachers Diethylhexylphthalat (DEHP). Er wird verwendet, um aus spröden, leicht zerbrechlichen Kunststoffen biegsame und nutzbare Gegenstände zu machen. In Tierversuchen wurde nachgewiesen, dass DEHP die Hoden schädigen kann, aber auch die Leber.

Spuren von DEHP fanden sich in immerhin 99 Prozent der untersuchten Hausstaubproben, mehr noch: "Fast jede dritte Probe war belastet, sechs Prozent sogar stark", heißt es bei den Warentestern. Die Konzentration von DEHP sei dabei mitunter so hoch gewesen, dass ein Kleinkind "allein durch das Schlucken von Hausstaub mehr als die tolerierbare Menge aufnimmt". Sogar ungeborene Kinder können schon belastet werden, Säuglinge nehmen Schaden über die Muttermilch. In Beißringen für Kinder ist der Stoff seit Dezember 1999 verboten. Nicht verboten ist er bislang in PVC-Bodenbelägen und Vinyltapeten, Duschvorhängen, Tischdecken und Türdichtungen.

Neu anzuschaffende Fußbodenbeläge sollten also nach Möglichkeit umwelt- und gesundheitsschonend sein: Holz, Linoleum, Naturstein oder Fliesen bieten sich an und sind PVC-Belägen vorzuziehen. Auch bei Tapeten muss nicht auf Struktur verzichten, wer von Vinyl lieber die Finger lässt: Die strukturierte Rauhfaser ist teilweise sogar mit Umweltsiegel erhältlich. Ist die Wohnung bereits mit PVC ausgestattet, sollte im Zweifel zumindest der Teppich im Kinderzimmer gewechselt werden.

Ähnlich gefährlich wirken Flammschutzmittel. Sie greifen ins Hormonsystem ein und können Ungeborene schädigen. "Jede vierte Probe war mit bromierten Flammschutzmitteln belastet, jede zehnte stark", erkannten die Warentester. Enthalten sind Flammschutzmittel zum Beispiel in Parkettversiegelungen, im Schaumstoff von Polstermöbeln, in Montageschaum und beschichteter Tapete, ferner in Computern und Fernsehgeräten. Erhärtet sich der Verdacht auf Schadstoffe in der Wohnraumluft, empfiehlt es sich, einen Arzt aufzusuchen. Ärztekammer und Krankenkassen helfen den Leidenden, auf Umweltgifte spezialisierte Mediziner zu finden. Oft gibt nur eine ausführliche Recherche in der Wohnung über etwaige Krankheitserreger Aufschluss.

Doch zunehmend belasten nicht nur üble Dünste unseren Alltag, sondern auch mehr oder weniger aufdringliche Düfte: Limonenöl im Duftschälchen regt den Geist an, Kerzen verbreiten Vanillearoma, Räucherstäbchen schaffen die Illusionen von Orient - suggeriert zumindest manche Werbung. Egal, wie die Duft- und Aromastoffe verwendet werden: Zu viel davon ist nicht nur unangenehm, sondern womöglich gefährlich.

Das Umweltbundesamt (UBA) warnt vor einem unüberlegten Einsatz solcher Essenzen in Innenräumen. Studien haben gezeigt, so heißt es in einer Stellungnahme der aus Wissenschaftlern bestehenden UBA-Kommission "Innenraumlufthygiene", dass "Duft- und Aromastoffe eine mögliche Ursache für Allergien und allgemeine Befindlichkeitsstörungen sein können". Sie bestehen aus natürlichen oder künstlichen Substanzen, für die gesundheitliche Bewertung spiele der Ursprung jedoch keine Rolle, so die Kommission. Es sei nicht genau zu bestimmen, wie einzelne Aromen mit bereits in der Luft vorhandenen Stoffen reagieren und wie diese in neuen Verbindungen wirken, zumal man nie sicher sagen kann, was sich überhaupt schon alles in der Raumluft befindet. Die Kommission: "Bei der gesundheitlichen Bewertung vor allem der aus natürlichen Extrakten hergestellten Duftstoffe gibt es zum Teil noch große Unsicherheiten und viele offene Fragen."

Allergiker und empfindliche Menschen sollten deshalb im Umgang mit Duft- und Aromastoffen besondere Vorsicht walten lassen, am besten aber ganz darauf verzichten. Wer gelegentlich unter "Befindlichkeitsstörungen" leidet, sollte prüfen, ob sich ein Zusammenhang zur heimischen Duftlampe herstellen lässt.

Mit Sicherheit aber verbessern weder Spray noch Raumparfüm die Luftqualität. Üblen Gerüchen sollte man nachgehen und ihre Quellen beseitigen - es könnten auch Schadstoffausdünstungen aus Teppichen und Möbeln sein. "Ist die Qualität der Innenraumluft schlecht, muss man etwas dagegen tun und es nicht einfach überdecken", sagtDetlef Ullrich vom Umweltbundesamt. Sonst verschlimmere sich langfristig womöglich das persönliche Befinden, obwohl die Luft kurzfristig scheinbar besser werde.

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