Zeitung Heute : Umzug in eine vertraute Fremde

GERD APPENZELLER

Was verändert sich durch einen Umzug? Nach einer alten Volksweisheit ist drei mal umgezogen so schlimm, wie einmal abgebrannt.Das mag heute nicht mehr ganz so dramatisch sein, aber, keine Frage: Freunde verschwinden aus dem Gesichtskreis, Kinder weinen um Spielkameraden, und es dauert Monate, bis das soziale Umfeld neu organisiert ist.Verändert der Umzug des Bundestages unser Land? Natürlich.Was im kleinen gilt, trifft auch im großen zu.Aber so, wie sich der Charakter eines Menschen nicht ändert, weil er umzieht, ändert sich durch den Umzug der Verfassungsorgane von Bonn nach Berlin nichts an den festen Überzeugungen, auf denen dieser Staat gründet.Was in den 40 Jahren von 1949 bis 1989 und in den zehn Jahren seit dem Fall der Mauer deutsche Geschichte ausmachte und prägte, bildet das Fundament, und das wird auch so bleiben.Diese Basis trägt, wie wir in diesen schwierigen Tagen feststellen, mit großer Berechenbarkeit in einem Moment, in dem es auf die Verläßlichkeit der Bundesrepublik mehr denn je zuvor ankommt.Deutschland bleibt, ob nun von Bonn oder von Berlin aus regiert, ein Teil des westlichen Bündnisses.Das ist zwar auch ein militärischer Pakt, aber vor allem ein Bund des Einverständnisses über den hohen Rang der Freiheitsrechte und der Demokratie.

Freiheitsrechte und Demokratie - für beide Werte mag das Vorkriegs-Berlin nicht so recht als Symbol taugen, sagen die Kritiker der Stadt und jene, die Kritik üben an der Bezeichnung des künftigen Tagungsortes unseres Parlamentes.Ohne den lächerlichen Streit um die Namensgebung noch einmal aufwärmen zu wollen - weder das Bauwerk noch sein Name können als Symbol für die dunklen Seiten der deutschen Geschichte belegt werden.Das Kaiserreich hatte diese bauliche Manifestation republikanischer Politikgestaltung vor die Tore der Stadt verbannt.Dem wilhelminischen Herrscherhaus war nicht nur das Parlament selbst als demokratische Institution ein Ärgernis, sondern auch die Kuppel auf dessen Dach, deren Höhe und Größe mit denen der Kuppeln über dem Schloß und dem Dom konkurrierten.Entgegen einem verbreiteten Vorurteil haben auch die Nationalsozialisten das Haus nicht entweihen können.Sie trieben ihre pseudo-demokratische Scharlatanerie in der Kroll-Oper.Vor den Trümmern des Reichstages aber richtete Ernst Reuter seinen leidenschaftlichen Appell an die Völker dieser Welt, auf diese Stadt zu schauen.Wenn das gesamtdeutsche Parlament heute in dieses "dem deutschen Volke" gewidmete Haus einzieht, tagt es auf geschichtsträchtigem Boden - nicht am Beginn einer Berliner Republik, sondern in der Kontinuität eines Rechtsstaates, der auf seinen Platz im Kreis der freien Völker stolz sein darf.

Freilich - das Parlament, das nach Berlin umzieht (eine Rückkehr ist es ja nicht), kommt in ein anderes Land, als es die alte Bundesrepublik gewesen ist.Es tagt künftig nicht mehr am westlichen Rande der Bundesrepublik, sondern nahe deren östlicher Grenze.Es tagt in einer Stadt, die so ganz anders ist als Bonn, in einer Stadt, die das Ende der rheinischen Beschaulichkeit besonders schmerzhaft spürbar werden läßt.Droht es hier unter den Druck der Straße zu geraten? Nein.Aber es wird sich nicht, auch nicht unbeabsichtigt, vor der Realität zurückziehen können.Berlin steht für Vergangenheit und Zukunft, mit sehr viel rauher Gegenwart zwischen beidem.Wahrscheinlich hätte es dem schnellen Zusammenwachsen der beiden so lange geteilten Staaten deutscher Nation geholfen, wenn das Parlament früher gekommen wäre.Zwischen dem Beschluß des Hohen Hauses, die künftige Hauptstadt solle Berlin sein, und der Verabschiedung des für die Umsetzung des Planes nötigen Gesetzes waren ja nochmals fast drei lange Jahre vergangen - Jahre des Wartens, die die Wunde der Teilung unnötig lange offen hielten.

Dennoch ist und bleibt Berlin die Stadt der Hoffnungen.In seiner Bundestagsrede vom 20.Juni 1991 hat Wolfgang Schäuble in einem leidenschaftlichen Plädoyer für den Umzug der Verfassungsorgane nach Berlin gesagt: "Ob wir wirklich ohne Berlin heute wiedervereinigt wären? Ich glaube es nicht." Bedarf es einer überzeugenderen Erklärung dafür, daß uns die erste Sitzung des Bundestages im Reichstagsgebäude heute mit großer Freude erfüllen darf?

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