Zeitung Heute : Umzug unter Palmen

Das Große Tropenhaus im Botanischen Garten wird saniert. 1000 Pflanzen müssen ins Ausweichquartier

Thomas Loy

Der Frangipani aus der Familie der Hundsgiftgewächse liegt gevierteilt in der Schubkarre. 20 Jahre ist er alt geworden, wurde täglich bemuttert, gegossen, gedüngt. Dann kam das Todesurteil. „Das tut schon weh“, sagt Gärtnermeisterin Henrike Wilke verhalten. Ihre Kollegin, Roswitha Domine, findet größere Worte für den Verlust einer geliebten Pflanze: „Das bricht einem fast das Herz.“

Das Große Tropenhaus, der Stolz des Botanischen Gartens, wird saniert. 16 Millionen Euro stehen bereit. Im Sommer sollen die Arbeiten beginnen. Das Bauprojekt ist längst überfällig. Die Stahlkonstruktion der großen Halle rostet, die Acrylglasscheiben zerspringen, die Heizungsanlage kapituliert vor schweren Frostnächten. Doch die Freude über die Generalinstandsetzung ist nicht ungetrübt. Rund 1000 tropische Pflanzen müssen aus den Randzonen der Halle verschwinden, um Baufreiheit zu schaffen. Die meisten werden eingetopft und in ein Notlager gebracht. Einige allerdings sind zu empfindlich oder zu alt, um einen Umzug zu verkraften.

Für Henrike Wilke, die gärtnerische Leiterin, ist es die größte Herausforderung ihrer beruflichen Laufbahn. Erfahrungswerte, wie man seltene Tropenbäume schadlos in ein Ausweichquartier bringt, gebe es nicht. „Das ist ein Glücksspiel.“ Besonders die mehr als 100 Jahre alten Palmfarngewächse – einige davon gab es schon am alten Standort des Gartens am Kleistpark – sind kaum noch in einen Pflanzkübel zu zwängen. Auch der Pockholzbaum mit seinen blauen Blüten, rund 40 Jahre alt, ist ein Risikokandidat. Von seiner Art gibt es nur ein Exemplar.

Abgerissen wird auch die Grotte mit dem Wasserfall. Im Inneren der Konstruktion hat sich Schimmel gebildet. Die Grotte lässt sich problemlos rekonstruieren, nur die australischen Ficusbäume, deren Wurzeln sich um die Mauern aus Lavagestein ranken, werden ihre Pracht weitgehend einbüßen. Wenn das Abrisskommando anrückt, wird Henrike Wilke sich freinehmen. Das mitanzusehen, wäre für sie eine Tortur. „Die Bäume brauchen 20 Jahre, um ihre markanten Brettwurzeln auszubilden.“

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