UN-Entwicklungsbericht : Der Schleier bleibt

In Berlin wurde am Dienstag der „Arab Human Development Report 2009“ vorgestellt, der sich mit der menschlichen Entwicklung in der arabischen Welt beschäftigt. Welche Hindernisse gibt es dabei?

Martin Gehlen[Kairo]

Die Realität ist bedrückend. Und leider nicht ganz neu. Die meisten der 22 arabischen Nationen treten politisch, sozial und gesellschaftlich auf der Stelle. Warum so viele Menschen in der Region arm und schlecht gebildet sind, obwohl das Öl ihren Staaten sagenhafte Reichtümer beschert, hat bereits fünf UN-Entwicklungsberichte über die arabische Welt seit 2002 beschäftigt. Auch die 288-Seiten-Studie von 2009 mit dem Titel „Herausforderungen für die menschliche Sicherheit“ versucht erneut zu erklären, weshalb die Hindernisse für menschliche Entwicklung gerade in diesem Teil der Erde „so unverrückbar“ zu sein scheinen. Rund hundert arabische Experten haben an dem Text gearbeitet, der am Dienstag offiziell in Berlin vorgestellt wurde. Aus Sicht der Autoren mangelt es ihren Landsleuten vor allem an einer „menschlichen Grundsicherung – eine Art materiellem und moralischem Fundament, welches die Gesundheit, das materielle Auskommen und eine akzeptable Lebensqualität für die Mehrheit der Menschen sichert“.

Als Ursachen identifiziert der Bericht eine Reihe von Faktoren: die zunehmende Umweltverschmutzung, die rücksichtslose Ausbeutung der Bodenschätze, die steigende Wasserknappheit, aber auch das ungebremste Bevölkerungswachstum. Wüstenbildung bedroht inzwischen ein Fünftel der arabischen Landfläche. So lag der Grundwasserspiegel in Jemens Hauptstadt Sanaa Anfang der neunziger Jahre bei zwölf Metern. Heute gehen die Brunnenbohrungen 600 Meter in die Tiefe und zapfen die unwiederbringlichen fossilen Wasserschichten an. Mit 2,5 Millionen Einwohnern gehört die Metropole zu den am schnellsten wachsenden Siedlungsräumen der Welt. Und in ein, zwei Jahrzehnten werden die Menschen kein Wasser mehr haben und Jemen wahrscheinlich seine Hauptstadt aufgeben müssen.

Dramatischer Bevölkerungszuwachs

Ähnlich dramatisch ist auch die Bevölkerungszunahme. Gerne präsentieren arabische Väter ihre sechs, zehn, manchmal auch 15 Kinder. Die Geburtenrate ihrer Frauen liegt um 40 Prozent höher als im Weltdurchschnitt. Während es im Jahre 1980 insgesamt 150 Millionen Araber gab, sind es momentan schon 330 Millionen und werden es 2015 fast 400 Millionen sein. 60 Prozent sind jünger als 25 Jahre. Bis 2020 brauchen mehr als 50 Millionen Heranwachsende einen zusätzlichen Arbeitsplatz – eine unlösbare Aufgabe. Schon heute herrscht in Ländern wie Algerien eine Jugendarbeitslosigkeit von 46 Prozent.

Denn ausgerechnet der Ölreichtum, der 75 Prozent der Exporte ausmacht, erwies sich nicht als Motor, sondern als Hindernis für die Entwicklung. So existiert ein auffälliger Mangel an Forschungskapazität, an Wissensvermittlung und an Innovation. Zwar werden in einigen Golfstaaten für viel Geld Universitäten nach westlichem Copyright aus dem Boden gestampft. Aber es fehlt an attraktiven Industriearbeitsplätzen für die Absolventen. Stattdessen ist die Mehrzahl der Menschen beim Staat angestellt und das meist mit sehr mageren Gehältern. Zwei von fünf Arabern „leben unter der Armutsgrenze und können sich selbst die notwendigsten Dinge zum Leben nicht leisten“.

Keine Wende zum Besseren

Mit dieser schonungslosen Analyse tritt der neue Report in die Fußstapfen seiner vier Vorgänger. Der bekannteste ist die Auftaktstudie von 2002, die die Königshäuser und Staatskanzleien des Nahen Ostens wie ein Blitzschlag traf, ohne jedoch viel zu bewirken. Damals wurden vor allem der Mangel an Freiheit, die Diskriminierung von Frauen sowie die enormen Defizite in Ausbildung und Kultur als Ursachen dafür genannt, dass die arabische Region zum Rest der Welt in einem chronischen Rückstand bleibt. 65 Millionen Araber können nicht lesen und schreiben – ein Viertel der gesamten Bevölkerung.

Allein Griechenland übersetzt mit seinen elf Millionen Einwohnern im Jahr fünfmal mehr Bücher vom Englischen ins Griechische als der gesamte Orient mit seinen 330 Millionen Menschen vom Englischen ins Arabische. Wie groß die Kluft über die Zeit geworden ist, zeigt auch ein anderer Vergleich aus dem UN-Report: Seit dem abbasidischen Kalifen Maamoun aus dem 9. Jahrhundert wurden insgesamt etwa 100 000 Bücher ins Arabische übersetzt – das entspricht dem, was das moderne Spanien in einem Jahr produziert.

Auch bei der 2002 so heftig angeprangerten Diskriminierung gegen Frauen sieht der neue Report keine Wende zum Besseren. „Arabische Frauen haben kaum Möglichkeiten, sich rechtlich zu schützen, wenn sie Opfer von Gewalt durch männliche Familienmitglieder werden“, heißt es unter anderem in dem Text. „Es gibt eine Tendenz, Sicherheit allein in militärischen Kategorien zu denken“, kritisiert Amar Al Alim Alsoswa, Direktorin des UN-Regionalbüros für die Arabischen Staaten. „Doch die Sicherheit von Menschen wird nicht nur durch militärische Konflikte oder Unruhen im eigenen Land bedroht“, sagt sie. Sie sei auch bedroht durch Diskriminierung, Arbeitslosigkeit, Umweltschäden, Armut und Hunger. „Nur wenn alle Ursachen von Unsicherheit zusammen und umfassend angepackt werden, dann werden die Menschen in der arabischen Region auch Fortschritte machen in ihrer Entwicklung.“

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben