UN-Report : Wo lebt es sich am besten?

Am Montag haben die Vereinten Nationen ihren Jahresbericht zur menschlichen Entwicklung vorgelegt. In welchen Ländern lebt es sich am besten – und wo am schlechtesten?

Dagmar Dehmer Wolfgang Drechsler

Norwegen hat schon seit Jahren ein Abonnement auf einen der ersten drei Plätze. Das skandinavische Ölland steht auch im aktuellen Bericht über die menschliche Entwicklung (HDI) des UN-Entwicklungsprogramms (UNDP) wieder ganz vorne, gefolgt von Australien und Island. Allerdings hat das UNDP seinen Index mit den Zahlen aus dem Jahr 2007 erstellt, bevor Island in der Finanzkrise versank. Nach dem Zusammenbruch der isländischen Banken dürfte sich die Lebensqualität auf der Insel im Nordatlantik etwas verschlechtert haben. Deutschland behauptet sich mit dem 22. Platz im Mittelfeld der Länder, die über einen sehr hohen Lebensstandard verfügen. Im Vorjahr belegte Deutschland denselben Rang. Die USA liegen auf Platz 13.

Der HDI errechnet sich aus drei Faktoren: der Lebenserwartung, den Bildungschancen und der Wirtschaftsleistung pro Kopf. An diesen Kriterien gemessen, ziehen die EU-Länder Irland, die Niederlande, Schweden, Frankreich, Luxemburg, Finnland, Österreich, Spanien, Dänemark, Belgien, Italien und Großbritannien an Deutschland vorbei.

Auch am unteren Ende der Skala tauchen immer dieselben Länder auf. Den letzten Platz von 182 verglichenen Staaten belegt Niger, davor liegen Afghanistan, Sierra Leone und die Zentralafrikanische Republik. „Ein Kind, das in Niger geboren wird, kann damit rechnen, nur knapp 50 Jahre alt zu werden. 30 Jahre weniger als ein Kind, das in Norwegen zur Welt kommt“, heißt es in dem Bericht.

Seit Jahren weisen Experten darauf hin, dass der Wüstenstaat Niger nicht annähernd eine solch hohe Bevölkerungszahl ernähren kann – und die nächste Hungersnot programmiert ist. Hauptgrund ist nach Expertenangaben die Polygamie. In einigen Regionen haben Männer im Schnitt sieben Frauen mit durchschnittlich sieben Kindern pro Frau. Seit der Unabhängigkeit vor fast 50 Jahren hat sich die Bevölkerung des Binnenstaates auf über zwölf Millionen Menschen mehr als vervierfacht. Dennoch unternimmt Nigers Regierung fast nichts, um die Bevölkerungsexplosion zu stoppen oder das Land produktiver zu nutzen, beispielsweise durch eine Agrarreform.

Ein anderes Problem sind die Nomadenvölker in Niger, die noch schwerer von einer Dürre oder Flut betroffen sind als die sesshaften Kleinbauern. Große Teile ihrer Rinderherden sind wegen der dauerhaften Trockenheit eingegangen. Auch die Essgewohnheiten vieler Bewohner bereiten den UN-Experten Sorge: Ihre einseitige Ernährung mit Mais- oder Hirsebrei führt wegen des geringen Proteingehalts zu Mangelleiden, vor allem bei kleinen Kindern. An einem guten Tag gibt es für einen Bürger des Landes Hirsebrei, der oft mit Wasser statt Milch und Zucker gemacht wird. An einem schlechten müssen sich die Menschen mit getrockneten Melonen und Mangos begnügen. Daneben gehen die Wasserreserven wegen des Bevölkerungsdrucks immer mehr zur Neige.

Neben den Basisdaten, die das UNDP jedes Jahr vorlegt, hat der HDI-Bericht in diesem Jahr das Thema Migration unter die Lupe genommen. Das UNDP weist in seinem Bericht darauf hin, dass die große Mehrzahl der Migranten sich innerhalb des eigenen Landes bewegt – geschätzte 760 Millionen Menschen. Das UNDP bemängelt, dass ein Drittel der untersuchten Länder sogar innerhalb des Landes die Bewegungsfreiheit einschränkt. Lediglich rund 70 Millionen Menschen zogen von einem Entwicklungsland in ein Industrieland um, und gerade mal ein Prozent der Migranten aus Afrika schaffte es bis nach Europa. Das UNDP hat ermittelt, dass gerade aus den ärmsten Ländern der Welt die wenigsten Menschen auswandern – obwohl diese am stärksten profitieren könnten. Dort sind es gerade mal vier Prozent der Bevölkerung, die ihr Glück anderswo suchen. In Ländern mit einem hohen Lebensstandard liegt die Auswanderungsquote doppelt so hoch.

Nach Ansicht der Autoren des UN-Berichts „tragen Migranten zum Wirtschaftswachstum bei, und das, ohne ihre Gastländer etwas zu kosten“. Deshalb plädiert das UNDP dafür, die Schranken für die Einwanderung durchlässiger zu machen. Ein Vorschlag ist, mehr Menschen die Einreise für Saisonarbeit in der Landwirtschaft oder dem Tourismus zu erlauben. Als Beispiel nennt das UNDP Neuseeland, wo gemeinsam mit Arbeitgebern und Gewerkschaften sowie Regierungen der Herkunftsländer vor allem in Südostasien Regeln für die Saisonarbeit entworfen wurden. Danach wird es Saisonarbeitern erleichtert, auch in Folgejahren wieder für einen gewissen Zeitraum in Neuseeland zu arbeiten.

Das UNDP schlägt zudem vor, Menschen mit geringen Qualifikationen mehr Visa zur Verfügung zu stellen, wenn die eigene Wirtschaft nach Arbeitskräften verlangt. Dabei sei es aber wichtig, die Migranten den einheimischen Arbeitern gleichzustellen und ihnen die Chance zu geben, ihren Aufenthalt zu verlängern und ihnen längerfristig auch eine legale Bleibemöglichkeit anzubieten. Schweden hat dieser Einwanderungsgruppe zudem ermöglicht, ihre im Land angesammelten Sozialversicherungsanwartschaften ins Ursprungsland mitzunehmen, wenn sie zurückkehren wollen. Angesichts der Wirtschaftskrise plädiert das UNDP dafür, Migranten, die ihre Arbeit verloren haben, zu ermöglichen, sich neue Arbeitgeber zu suchen.

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