Zeitung Heute : UN-Tribunal: Mann mit vielen Gesichtern

Stephan Israel

Der prominenteste Angeklagte auf der Fahndungsliste des Haager Tribunals ist scheinbar überall und nirgends. Seit fünf Jahren ist Radovan Karadzic auf der Flucht. An den verschiedensten Orten soll er gesichtet worden sein, und doch konnten ihn die Ermittler bisher nicht fassen. Einmal taucht er angeblich in einem Café im serbisch kontrollierten Vorort von Sarajevo auf. Dann wieder wird er in Ostbosnien bei Foca oder auf der montenegrinischen Seite der Grenze vermutet. Glaubt man den Legenden, wechselt der ehemalige bosnische Serbenführer auf der Flucht vor seinen Verfolgern nicht nur Aufenthaltsort, sondern auch Erscheinungsbild. Karadzic verstecke sich in einem Kloster, sagen die einen. Er habe sich einen Bart wachsen lassen und überquere den Grenzfluss Drina regelmäßig im Ruderboot, behaupten andere.

Vermutlich hat nur ein enger Kreis von Vertrauten den ehemaligen Serbenführer während der letzten Jahre wirklich gesehen. Eine lokale Zeitung druckte kürzlich ein Interview ab, dessen Echtheit aber umstritten ist. "Ich werde ihnen nicht lebend in die Hände fallen", wird Karadzic zitiert. Doch nach der Auslieferung von Slobodan Milosevic an das UN-Tribunal hieß es, Radovan Karadzic werde sich stellen und gegen seinen ehemaligen Mentor aussagen. Denn Karadzics einstiger Schutzpatron hatte seinen bosnischen Statthalter vor Kriegsende fallen gelassen.

Ihr Mann werde sich niemals freiwillig stellen, dementierte Ehefrau Liljana Karadzic entschieden. Und schon gar nicht werde ihr Radovan im Tausch für eine milde Strafe gegen Milosevic oder sonst jemanden aussagen. Karadzic und sein ebenfalls flüchtiger General Ratko Mladic sind wegen des Massakers an mehreren tausend Muslimen in Srebrenica und wegen der dreijährigen Belagerung von Sarajevo angeklagt. Vor allem die Behörden der bosnischen Serbenrepublik stehen unter Druck, mit dem UN-Tribunal zu kooperieren. Der pragmatische Premier Mladen Ivanic wäre zwar zur Zusammenarbeit bereit und hat ein entsprechendes Gesetz unterbreitet. Wichtigster Partner in der wackeligen Koalition in Banja Luka ist jedoch die ehemalige Karadzic-Partei SDS. Die Pragmatiker in der Republika Srpska hoffen nun, dass ihnen die bosnische Nato-Friedenstruppe Sfor den brisanten Job abnehmen und Karadzic in seinem Versteck aufspüren wird.

Die scheinbare Passivität der Nato-Friedenstruppe ist fast ebenso geheimnisumwittert wie der Aufenthaltsort Karadzics. Eine Theorie lautet: Die Sfor habe den Nationalistenführer im Untergrund unbehelligt gelassen, weil man für den Westen unangenehme Enthüllungen über heimliche Deals während der Kriegsjahre befürchtet. Beim Nato-Kommando ängstigt man sich offensichtlich vor Verlusten in den eigenen Reihen, sollte es bei der Verhaftung zu einer Schießerei kommen. Radovan Karadzic wird rund um die Uhr von mehreren Dutzend schwer bewaffneter Leibwächter beschützt.

In der zweiten Julihälfte signalisierte die Bosnien-Friedenstruppe mit einem Manöver neue Entschlossenheit. 2000 Sfor-Soldaten übten im Osten Bosniens, wo auch das Versteck von Radovan Karadzic vermutet wird. In lokalen und westlichen Medien zirkulierten gleichzeitig Geschichten über eine angeblich gescheiterte Festnahme, bei der zehn Männer der britischen Sondereinheit SAS ums Leben gekommen seien. Den Gerüchten folgten die üblichen Dementi aus London und Brüssel. Die Behörden der Republika Srpska und Montenegros bestreiten schlicht, dass sich ein angeklagter Kriegsverbrecher auf ihrem Gebiet aufhält.

Doch ein enger Vertrauter sagt, Karadzic wechsle je nach Sicherheitslage von der einen auf die andere Seite der Grenze. Der ehemalige Serbenführer ist in Ostbosnien, wo die Hardliner seiner SDS in den meisten Gemeinden das Sagen haben, noch immer ein Held. Auch auf der montenegrinischen Seite der Grenze ist Karadzic höchst willkommen. Schließlich liegt dort sein Geburtsort Petnjica, wo heute noch Mutter und Bruder leben. Dort demonstrierten Ende Juli mehrere hundert Sympathisanten: "Keine Straße wird sie zu Radovan führen", sagte der Lokalpoet Dragoljub Scekic an die Adresse der Sfor, "jedes serbische Haus ist sein Versteck, und jeder richtige Serbe ist sein Verbündeter."

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