Zeitung Heute : Unabhängigkeitserklärungen

Das Musikfest rückt Amerika in den Mittelpunkt: eine Tour d’Horizon durch die US-Musikgeschichte.

Habakuk Traber
Wo liegt das gelobte Land? Blick auf die Skyline von Manhattan im Jahr 2012. Foto: AFP/Don Emmert
Wo liegt das gelobte Land? Blick auf die Skyline von Manhattan im Jahr 2012. Foto: AFP/Don EmmertFoto: AFP

Wir reden nie über Amerika an sich. Immer reden wir auch über unser Verhältnis zu dem Staatenbund, der sich noch vor der Französischen Revolution eine demokratische Verfassung gab, aber bis weit ins 19. Jahrhundert Sklaverei, bis weit ins 20. Jahrhundert Rassentrennung erlaubte. Amerika ist ein Land der Widersprüche.

Widersprüchlich ist auch unser Verhältnis zu den USA. Die politischen Beziehungen schwanken zwischen Gefolgschaftstreue und Kritik an imperialer Selbstgerechtigkeit. Zum Glück verliefen sie mit den kulturellen Beziehungen nur selten synchron. Die Kunst- Brücken hielten oft, wenn die politischen lädiert oder zerstört waren. Nach der Befreiung von der NS-Herrschaft erwies sich dies für Deutschland, besonders für Berlin als unschätzbarer Vorteil. So danken wir Amerika als Helfer, und wir kritisieren seine Anmaßung als Weltgendarm.

Das Timbre dieser Widersprüche schwingt mit beim diesjährigen Musikfest Berlin, das Amerika ins Zentrum rückt, und damit auch an dem eingeübten Bild rüttelt, Europa sei noch immer und vielleicht auf ewig der Stammsitz der hohen Kunst. Ist es so? Zwei Jahreszahlen deuten die Richtung einer Antwort an. 1852 fühlte sich William Henry Fry, Komponist, Kritiker und Diplomat, zu einem dramatischen Appell veranlasst: Nach 75 Jahren politischer Autonomie bräuchten die Vereinigten Staaten endlich auch eine Unabhängigkeitserklärung in der Kunst. Im Konzertleben dominierten Werke europäischer Komponisten, Amerikanisches war exotische Beigabe.

Gut hundert Jahre später, 1958, stellte ein amerikanischer Komponist bei den Darmstädter Ferienkurse für Neue Musik, dem europäischen brainpool der Nachkriegsavantgarde, die dortige Denkwelt vom Kopf eines peniblen Konstruktivismus auf die Beine ästhetischer Freiheit; er verkündete die Größe des Augenblicks, die Kreativität des Zufalls, die Klangerfahrung von der Stille her und einiges mehr: John Cage. Binnen eines Jahrhunderts hatten sich die Verhältnisse zwischen Europa und Amerika umgekehrt. In anderen Bereichen, im Film und in der populären Musik, war dies schon längst geschehen. John Cage wurde vor 100 Jahren geboren. Seine Musik bildet einen Schwerpunkt des Musikfest-Programms.

Die ersten amerikanischen Komponisten waren wie die Siedlerpioniere self-made men, also Amateure und Autodidakten, die Leidenschaft übertraf die handwerkliche Schulung. Ihre Werke kennt man nicht mehr. Aber ihre eigensinnige Unbekümmertheit wirkte auch bei Künstlern weiter, die eine gründliche Ausbildung genossen – an den neuen US-Konservatorien, aber auch in Paris, Berlin, Wien oder Leipzig. Inspiration zogen sie aus dem Leben der neuen Gesellschaft, aus der Musik, die in den Communities gepflegt wurde, aus der Natur des Landes, das ihnen wie ein Geschenk zuteil wurde. Charles Ives und seine Werke wären ohne diesen Geist kaum zu denken: nicht die Stücke, die von Landschaften und Stadtszenen angeregt sind, nicht die Werke, die historische Orte und Begebenheiten porträtieren, nicht die versetzten Tempi von Orchestergruppen, die wie zwei Musikkapellen auf dem Weg zum Festplatz in eigenen Zeitmaßen spielen, nicht die kühnen Klänge, die der Wirklichkeit abgelauscht und nach keiner tradierten Harmonielehre gefiltert sind, auch nicht die einfachen Weisen der patriotischen und frommen Lieder, die in komplexe Zusammenhänge verstrickt werden, und auch nicht die spirituelle Orientierung, seine enge Beziehung zu Religion und Philosophie.

Mit Werken von Charles Ives wird das Musikfest eröffnet. Das Ethos der Unabhängigkeit wirkte noch in einem Künstler wie Morton Feldman, der von sich sagte, er habe von Bildenden Künstlern mehr gelernt als von anderen Komponisten. Selbst eine Richtung wie der Minimalismus, die Projektion der Einfachheit in die Größe der Zeit, wäre wohl in Europa nie entstanden.

Amerika war das klassische Einwanderungsland. Die Komponisten, die im Musikleben Akzente setzen konnten, waren Kinder und Enkel von Immigranten, Exilierte oder Pendler. Die Grenzen zwischen den Gruppen verfließen. George Gershwins und Aaron Coplands Eltern kamen aus Russland in die USA; nach den erlittenen Pogromen erschien ihnen die Neue Welt wie ein gelobtes Land. Gershwin schrieb neben seinen Broadway-Erfolgen die amerikanische Oper schlechthin, „Porgy and Bess“. Ein kritisches Werk: Es spielt im afro-amerikanischen Viertel von Charleston, die Bewohner dort fühlten sich nicht im Gelobten Land, sie suchen oder ersehnen es woanders – im Jenseits oder in den Wundern des schnellen Geldes.

Aaron Copland kümmerte sich neben Werken im avancierten Stil wie den Klaviervariationen, die er 1957 orchestrierte, komponierend um die Frage der amerikanischen Identität. Er beschwor den Pioniergeist früher Siedler („Appalachian Spring“), schrieb eine „Fanfare for the Common Man“ als Zeichen des amerikanischen Engagements gegen Hitlerdeutschland, hob „Old American Songs“ durch seine Bearbeitung in den Kunstrang, vertonte Gedichte der exzentrisch-reservierten Emily Dickinson, bezog von früh an Elemente des Jazz und in Werken wie „El Salón Mexico“ auch Idiome hispanischer Immigranten ein.

Die Traditionen der verschiedenen Einwanderergruppen zu achten und aus ihrer Begegnung die Dynamik einer spezifisch amerikanischen Musik zu gewinnen, blieb lange ein Postulat, Leonard Bernstein erfüllte es vor allem mit seiner „West Side Story“, der Übersetzung des Romeo-und-Julia-Dramas in die sozialen Konflikte der New Yorker Bronx, beispielhaft.

Unter den Exilierten, die ab 1933 das US-Kulturleben bereicherten, waren Arnold Schönberg und Igor Strawinsky die prominentesten. Schönberg hatte seine unvollendete Oper „Moses und Aron“ im Emigrantengepäck. Der Text war fertig, die Musik zweier Akte geschrieben, der dritte, der die Frage eines verheißenen Landes aufwirft, wurde nie komponiert. Damit geriet Schönbergs Oper gleichsam zum Gegenüber von „Porgy and Bess“. In Handlung und Musik sind beide Werke grundlegend verschieden. In einem kommen sie zusammen: Das gelobte Land bleibt unerreicht. Die Protagonisten in „Porgy and Bess“ sprechen davon, wenn es um Tod und Aufbruch aus Liebe geht. Am Ende von Schönbergs Oper steht der Satz: „In der Wüste seid ihr unüberwindlich.“ Mensch und Paradies passen anscheinend utopisch, aber wohl nicht wirklich zusammen.

Igor Strawinsky kam in Etappen in die USA. Noch ehe er sich nach seiner Emigration aus Russland Gedanken über eine neue Sesshaftigkeit machte, wurde 1922 seine „Pulcinella“-Suite in Boston aufgeführt. Noch ehe er sich für einen festen Wohnsitz entschloss, schrieb er, ebenfalls für Boston, die „Psalmensymphonie“. Als er sich 1934 in Paris niederließ, blieben ihm noch gut fünf Jahre, bis der Einmarsch der Deutschen eine Emigration erzwang. So wurde aus häufigem Gastieren Exil, aus dem Exil schließlich ein Standort für mehr als ein Drittel des Lebens.

Pendler zwischen der Alten und der Neuen Welt gab es viele, Rachmaninoff, Prokofjew, Britten. Nachhaltige Wirkung übte vor allem Edgard Varèse aus. 1915 entschied sich der Franzose zur Auswanderung nach New York. Seiner Vision von Amerika als dem Land energischen Aufbruchs gab er in der symphonischen Dichtung „Amériques“ gewaltigen Ausdruck. Ab 1928 wirkte er in den USA und Frankreich, so unterschiedliche Musiker wie Morton Feldman, Frank Zappa und der Wahlfranzose Iannis Xenakis verdanken ihm entscheidende Impulse.

Wir reden nie von Amerika an sich, sondern immer auch über unser Verhältnis zum transatlantischen Staatenbund. So bleibt beim Musikfest Berlin die Antwort auf die einmalige Opernkonstellation „Moses und Aron“ und „Porgy and Bess“ nicht auf die Sicht aus einer Richtung beschränkt. John Adams’ Oper „Nixon in China“ führt die realitätsbezogene Linie weiter; sie unterzieht ein weltbewegendes Ereignis dem Ethiktest durch die Kunst.

Mit den „Hymnen“ komponierte Karlheinz Stockhausen seine Menschheitsvision von „einem vielfältig sich durchdringenden Nebeneinander“, und er ergänzte: „Amerika, ich habe Dir diese Musik auf den Leib geschrieben. Du könntest ein Modell für die ganze Welt werden, wenn Du so lebtest, wie diese Musik es ankündigt.“ Das wäre wohl das Paradies. Habakuk Traber

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