Zeitung Heute : Unauffällig sein

Wie eine Mutter Berlin erleben kann

Sigrid Kneist

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Mike Wolff

Auf diesen Satz haben wir schon gewartet. Jetzt ist er gesagt. Lange haben wir Eltern gerätselt, wen er zuerst treffen würde. Ha, zum Glück nicht mich. „Papa, du machst dich lächerlich!“, zischte Charlotte ihren Vater mit einem vernichtenden Blick an. Was hatte mein armer Mann nur gemacht, dass er in den Augen unserer Tochter zu einer großen Peinlichkeit wurde? Eigentlich hatte er sich nur der Situation entsprechend verhalten: Wir saßen im Festzelt auf der Kirmes, um uns gemeinsam mit Charlotte und ihrer Freundin Anna nach mehreren Runden mit der „Wilden Maus“ zu stärken. Und er wagte es, zur Musik im Takt auf den Tisch zu klopfen. In dem lauten Gedröhne nahm wirklich niemand anderes dieses zur Kenntnis. Zumal in diesem Kirmes-Festzelt manche Gestalten schon recht alkoholisiert durch die Gegend schwankten. Wie das eben so ist. Aber unser Kind fand Papas Verhalten trotzdem überhaupt nicht comme-il-faut.

Na klar, Eltern sind peinlich. Finden ihre Kinder jedenfalls ab einem bestimmten Alter. Das war schon immer so. Wir waren auch nicht anders. Meine Schulfreundin Ingrid wollte immer in den Boden versinken, wenn ihr Vater beim Bezahlen den Spruch „Das sind ja Preise wie im Freudenhaus“ anbrachte. Allenfalls gab er wahlweise „Da muss ’ne alte Frau lang für stricken“ zum besten. Jedes Mal.

Mir war es extrem peinlich, dass mein Vater auch vor meinen Freundinnen für Popmusik nur die abfälligsten Worte – „krankhaftes Gejaule“ – fand. In der Kirche dann sang er aber am lautesten, wechselte regelmäßig in der zweiten Strophe in eine tiefere Oktave und schaute irgendwie triumphierend in die Runde. Sogar bei meiner Konfirmation hat er es getan. Ich hab noch vorne im Altarraum seinen dröhnenden Bass unter den Tremolos der Kanzelschwalben herausgehört. Wenigstens sang er nicht falsch. Und meine Mutter verzog grinsend ihr Gesicht, als mein kleiner Bruder beim Einschulungsgespräch mit der Rektorin (meiner Klassenlehrerin!) eine recht schlagfertige, freche Antwort gab. Peinlich, peinlich! Betroffen zu Boden hätte sie gucken müssen, wie jede andere Mutter das in den sechziger Jahren gemacht hätte. Damals grinste man doch nicht bei einer frechen Äußerung des Sohnes, auch wenn sie noch so zutreffend war. Heute finde ich natürlich, dass meine Mutter völlig richtig reagiert hat. Über die Kirchengesänge meines Vaters kann ich mindestens ebenso laut lachen.

Aber Kinder ticken irgendwie anders. Abweichendes Verhalten der Eltern tolerieren sie nicht. Da sind sie ausgesprochen konservativ und unduldsam. Die eigenen Eltern sollen gefälligst nicht auffallen und haben sich entsprechend zu benehmen. Bei den Eltern der Freunde ist das durchaus anders. Über die kann man sich bestens amüsieren. Charlottes Freundin Anna etwa fand meinen Mann im Festzelt durchaus komisch und machte freudig mit. Bei so viel Frohsinn konnte unsere Tochter nur ein wenig verkniffen gucken und ihrem Vater wegen seines ungebührlichen Verhalten zwei Strafrunden mit der „Wilden Maus“ aufbrummen .

Daneben benehmen können Eltern sich bis zum 14. September auf den Kreuzberger Festlichen Tagen und ihre Buße auf der Achterbahn „Nessie“ tun.

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