Zeitung Heute : „Unaufgeregt mit Kindern darüber reden“

Foto: promo
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Es ist sinnvoll, eine Art gleichschwebende Aufmerksamkeit zu entwickeln. Das heißt, an Orten, die potenzielle Anschlagsziele sein könnten, sollte man achtsam sein. Aber so eine Terrorwarnung, die auch noch ein konkreteres Datum beinhaltet, birgt natürlich auch die Gefahr, dass es zu einer panikartigen Aufmerksamkeit kommt.

Was heißt das?

Es gibt einen psychologischen Kollateralschaden bei einer solchen Terrorwarnung. Man verstrickt sich so sehr in seine Aufmerksamkeit für verdächtige Personen und Gegenstände, dass man die Balance verliert. Es kommt jetzt für jeden Einzelnen darauf an, die Mitte zwischen Aufmerksamkeit und Gelassenheit zu finden. Denn natürlich wäre es auch falsch, jetzt so zu tun, als ginge diese Terrorgefahr niemanden etwas an. Verdächtiges muss gemeldet werden, aber man sollte sich nicht zu Panik verleiten lassen.

Ist es also aus psychologischer Sicht ein Fehler, dass de Maizière eine so konkrete Terrorwarnung ausspricht?

Das kann man so nicht sagen. Auf jeden Fall verstärkt es eine vorhandene angespannte Grundstimmung in der Bevölkerung. Für ohnehin ängstliche Menschen ist es eine besonders belastende Situation. Ihnen fällt der Umgang mit der Warnung schwerer. Aber der Innenminister steckt auch in einem Dilemma. Noch vor ein paar Tagen wurde er dafür kritisiert, zu zurückhaltend auf eine mögliche Gefahrenlage zu reagieren. Jetzt ist er offensiver – und sollte nichts passieren, was zu hoffen ist, wird man ihm möglicherweise vorwerfen, Panik verbreitet zu haben. Diese Zwickmühle sollte man sich auch bei der persönlichen Gefahrenbewertung vor Augen führen. Außerdem: Auch für Unbeteiligte wäre ein Anschlag psychologisch folgenreich.

Inwiefern?

Im Moment gibt es eine objektive Bedrohung. Käme es zu einem Anschlag, würde diese Bedrohung sinnlich wahrnehmbar verdichtet. Und das könnte zu Hysterie führen.

Auch Kinder bekommen von der aktuellen Terrorwarnung etwas mit. Wie sollten Eltern reagieren?

Das hängt vom Alter der Kinder ab. Klar ist, dass Kinder solche Ereignisse über Medien viel stärker wahrnehmen, als das vielleicht noch vor Jahren der Fall war. Auch können Kinder schon sehr früh zwischen Vertrautem und Fremdem unterscheiden. Das Beste ist, unaufgeregt mit Kindern darüber zu sprechen. Denn es besteht nicht nur die Gefahr, Kinder zu verängstigen. Sie können auch eine Phobie vor Fremdem entwickeln.

Peter Walschburger ist Professor für Psychologie an der Freien Universität Berlin. Die Fragen stellte Christian Tretbar.

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