Zeitung Heute : Und Action!

Wie drehe ich einen Film? Studenten haben es zehn Tage lang ausprobiert. Ein Erfahrungsbericht.

Julia Riedhammer

SKIP VOR

Ein großer Gong läutet zum Essen. Sein blecherner Klang erfüllt das ganze Haus und dringt bis in den Garten. Die fünfzehn Mitglieder der Kommune trudeln langsam in der Küche ein und versammeln sich am gedeckten Tisch. Diese Szene stammt aus einem Film, den vier Studierende gedreht haben. Sie haben im vergangenen August zehn Tage in der Kommune in der Nähe des brandenburgischen Belzig gewohnt und einen Dokumentarfilm gedreht. Es war fast ein bisschen wie Urlaub. Sommer, Sonne, Harmonie. Das studentische Drehteam war so entspannt, dass es beinahe vergessen hätte zu fragen, warum die Kleinfamilie, die innerhalb der Kommune entstanden war, so dringend ausziehen möchte. Sie sehnen sich nach einem Leben zu dritt. Er arbeitet, sie kümmert sich um Kind und Haushalt ohne ständig Ratschläge von den Mitbewohnern zu bekommen. Das traditionelle Familienmodell scheint sich hartnäckig durchzusetzen.

PLAY

„Die heilige Familie“ als Dachthema des Videoseminars von Christina von Braun am Institut für Kultur- und Kunstwissenschaften bot viele Möglichkeiten für einen Film. Wie leben und sprechen Familien mit Elternteilen unterschiedlicher Herkunft miteinander? Was bedeutet Mutterschaft und Vaterschaft für gleichgeschlechtliche Paare? Welchen Blick haben Heimkinder auf die Familie? Schnell füllt sich in der ersten Sitzung die Tafel mit Themen und Fragen, über die sich die Filmgruppen zusammenfinden.

FAST FORWARD

Im Seminar wird jede Woche ein Dokumentarfilm zum Thema angesehen und besprochen. Anhand von diesen professionellen Filmen und Filmen vorangegangener Seminare wird diskutiert, wie der Ton aufgenommen wurde, die Dramaturgie entstanden war und wie viele Kameras vor Ort gewesen sind. Manchmal kommen Filmemacher und berichten persönlich von ihrer Arbeit. Nach den Filmanalysen ist eines klar: Keiner sieht mehr Filme, wie er sie vorher gesehen hatte. Hinter jedem Schnitt und jeder Einstellung steckt seitdem Bedeutung.

REWIND

Familie ist nicht gleich Familie. Mutter-Kind-Familien, Vater-Kind-Familien, Patchwork-Familien, Adoptionsfamilien, Familien mit gleichgeschlechtlichen Partnerinnen oder Partnern. Diese Vielfalt an Familienformen besprachen die Seminarteilnehmer in Referaten. Im Treatment, der schriftlichen Vorbereitung auf den Dreh, untersuchten die eingangs erwähnten Studierenden die Genese der Kommune von christlichen Gemeinschaften, über die „Kommune 1“ bis hin zu der brandenburgischen Landkommune. Als familienähnliches Zusammenleben, das dennoch unabhängig ist von Verwandtschaftsverhältnissen, gibt es sie bis heute.

KAPITELAUSWAHL TECHNIK

Am Anfang war nicht klar, welchen Aufwand es bedeuten würde, einen eigenen Dokumentarfilm zu machen. Keiner aus dem Drehteam hatte vorher einen Film gemacht. Von studentischen Mitarbeiterinnen werden Technikkurse angeboten, in denen die Studenten lernen, mit der Kamera umzugehen. Sie stellen Interviewsituationen nach, setzen Licht, ziehen die Schärfe. Dann wird gedreht, das Material anschließend im Schnittkurs verarbeitet und am Ende das Ergebnis: ein dreiminütiger Film. Ein erhebendes Gefühl.

HAUPTMENÜ

Wie soll der Film nur heißen? Lange wurde über diese Frage debattiert. Die Gruppenarbeit, sich immer abstimmen zu müssen, nicht alleine die Regie zu haben, das ist nicht leicht. Aber mit dem Ergebnis, des zwanzigminütigen Films sind am Ende alle zufrieden. Stop. Eject.

Der Film „Weil wir Gemeinschaft suchen“ ist zusammen mit weiteren Filmen aus dem Seminar „Die heilige Familie“ am 9. Juni 2007 bei der „Langen Nacht der Wissenschaften“ zu sehen. Ort: Kinosaal der HU, Unter den Linden 6; ab 22 Uhr.

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