Zeitung Heute : Und dann kam Tag X

Ein alter Mann stirbt an Vernachlässigung im Heim, eine Pflegerin gibt aus Erschöpfung auf, eine Firma baut Roboter, die Senioren helfen sollen – wie geht Deutschland mit seinen Alten um? Der Auftakt der neuen Serie: Wie ein Sohn daran verzweifelt, den Vater gut unterzubringen

Konrad W. Lumpp

Als der Anruf kam, ahnte er nicht, dass von nun an alles anders sein würde. Er wusste nur, dass jetzt Eile geboten war. Er packte den Koffer und rief ein Taxi. Bis zum nächsten Flugzeug hatte er noch genau 60 Minuten.

Am Telefon hatte seine Schwester das Wort „Zusammenbruch“ gesagt. Genaueres, nein, wisse sie auch nicht, die Mutter sei plötzlich umgekippt, sie sei sofort ins Elternhaus gefahren, ja, der Arzt sei da. Er möge schleunigst kommen, hatte seine Schwester gesagt, und dann hörte er noch, wie sie ins Telefon weinte.

Als er in der Stadt seiner Eltern ankam, war die Mutter tot. Herzinfarkt, sagte der Arzt. Sie war 83 Jahre alt geworden.

Seine Schwester und er taten, was zu tun ist. Das Erschrecken über das, was so ungestüm in den Alltag eingebrochen war, verschwamm in den geschäftigen Verrichtungen des Trauerhauses, und der Schmerz des Verlustes wurde verdrängt von einer Frage, die in diesem Moment größer schien als der Tod: Was geschieht mit dem Vater?

Sein Vater war drei Jahre älter als die Mutter und seit seinem 81. Geburtstag ein so genannter Pflegefall, Pflegestufe drei war ihm bescheinigt worden, die höchste. Er war ans Bett gefesselt, bei vollkommener geistiger Klarheit, konnte allenfalls im Rollstuhl von einem Ort zum anderen geschoben werden. Er musste betreut werden, 24 Stunden am Tag. Fünf Jahre lang hatte ihn die Mutter gepflegt, es war eine kräfteraubende Zeit gewesen, und die Mutter hatte oft geklagt, zumal der Vater nicht selten von launischer Art war. Und der Sohn dachte bei sich, dass der plötzliche Tod der Mutter vielleicht auch etwas mit der großen Anstrengung der Pflege zu tun haben könnte. Er verbot sich diesen Gedanken sehr schnell, nein, er wusste es nicht.

Er wusste nur, dass jetzt etwas geschehen musste, er und die Schwester redeten miteinander, es waren ratlose Gespräche, und es waren Gespräche voller Scham. Weil von vorneherein klar war, dass das Einfachste das Schwierigste war: den Vater zu sich nehmen. Die Tochter berufstätig und mit Familie, der Sohn in einer Stadt am anderen Ende der Republik. 24 Stunden Pflege am Tag. Was tun? Und die Scham wurde größer, weil der Vater seine Angst zeigte, die Angst vor dem Weiterleben.

Das Problem war da. Ein Problem, das tausendfach auftritt, das täglich auftritt in einer Gesellschaft, die immer weniger auf das Selbstverständliche eingerichtet ist: dass Menschen ohne Hilfe anderer nicht leben können; dass Kinder nicht mehr in der Lage sind, ihren alten Eltern die Fürsorge zurückzugeben, die sie einst von ihnen erhalten haben. Und das Problem wird immer größer, je älter die Alten werden, je mobiler sich diese Gesellschaft zu sein rühmt. Es betrifft fast jeden und fast jede. Deshalb haben in dieser Geschichte der Sohn und die Tochter und der Vater auch keine Namen. Sie sind alle. Auch die Städte bleiben namenlos. Sie sind überall.

Natürlich hatten die Eltern mit den Kindern in den vergangenen Jahren immer wieder einmal darüber geredet. Über den Tag X. „Wenn einem von uns mal was passiert.“ So hatten sie diesen Tag genannt.

„Wenn einem von uns mal was passiert, dann haben wir schon vorgesorgt“, pflegten sie zu sagen, und sie berichteten von einer Anzahlung für ein Altenheim, die sie vorsorglich geleistet hatten. Mit dieser Einlage hätten sie einen Anspruch auf einen Heimplatz erworben, der ihnen immer zur Verfügung stehe. Auch für Pflegefälle gebe es dort die nötige Versorgung. Vielleicht war es diese Auskunft, die Sohn und Tochter so sehr beruhigt hatte, dass sie sich mit dem Tag X die ganzen Jahre hindurch kaum je beschäftigten. Vielleicht aber war es auch das schlechte Gewissen, das sie sofort überfiel, wenn sie nur einen Moment ihre Gedanken in diese Richtung gehen ließen. Weil sie wussten, dass sie am Tag X etwas tun würden, was ihnen Pflichtgefühl und Anstand untersagten. Die Verdrängung war so komplett, dass auch jegliche Beschäftigung mit dem unterblieb, was Pflege überhaupt heißt: welche Fertigkeiten sie erforderte, welche Gerätschaften, welche Grenzen der Intimität dabei zu überwinden wären. Pflege war ein Tabu, darüber wurde nicht gesprochen, daran wurde nicht gedacht.

So kam es, dass das Geschwisterpaar sich erst wieder an jenem Tag, der der Tag des Ernstfalls war, des vorbestellten Heimplatzes entsann. Ja, hieß es dort am Telefon, in der Tat, der Anspruch bestehe, und das Glück wolle es, dass in der dem Altenheim angegliederten Pflegeabteilung auch ein Platz frei sei. Man könne jederzeit zur Besichtigung kommen, der Preis übrigens betrage 3600 Euro im Monat.

Der Bruder und seine Schwester sahen sich verblüfft an. 3600 Euro. Wie viele Rentner haben 3600 Euro? Ihr Vater nicht. Aber was war mit dieser Pflegeversicherung, von der man immer las? Die müsste doch hier einspringen, Stufe drei, was bedeutet das eigentlich? Nie zuvor hatten sie sich mit dieser Materie beschäftigt. Das Internet schuf Klarheit: 1432 Euro monatlich für die höchste Stufe. Immerhin, das half. Zwar würde auch dann die Rente des Vaters noch nicht ganz für den Pflegeplatz ausreichen, die Kinder würden zuschießen müssen. Aber die Summe war aufzubringen. Es war der Moment, an dem sich in den traurigen Tag eine winzige Zuversicht schlich. Morgen würde man das Pflegeheim besichtigen.

Die Zuversicht wuchs noch ein wenig am Eingang des Altenheims, eine richtige Rezeption war da, eher ein Hotel als ein Heim, eine Altenresidenz, die Tische im Speisesaal in reinstem Weiß gedeckt, die Fenster glänzten, der Vater würde sich hier wohl fühlen, dachte der Sohn und besänftigte sein schlechtes Gewissen. Auch die Direktion war von ausgesuchter Höflichkeit, wenn Sie mir jetzt folgen wollen, dann zeige ich Ihnen die Pflegeabteilung.

Es ging Flure entlang, es ging über einen Durchgang ins Nebengebäude, und was ihm zuerst auffiel, war der Geruch. Plötzlich hatte sich alles verändert. Das Licht von vorher war einer Dämmerigkeit gewichen, er sah die Menschen, die über die Gänge schlurften, gebrechliche, behinderte, demente, sah sie in ihren Bademänteln stumm im Gemeinschaftsraum sitzen, sah sie vor sich hin starren, vor sich hin dösen und dämmern. Bilder stiegen in ihm auf, die er gesehen hatte in Filmen von Menschenverwahranstalten, von Psychiatrien aus anderen Jahrhunderten, und er atmete diesen Geruch von Urin und Desinfektionsmitteln, und da sagte die Direktion auch schon: „Also, hier wäre dann das Zimmer.“

Er trat ein und sah, dass da ein Mensch in einem Bett lag, und er verstand nicht, und dann sah er das zweite Bett und verstand dann doch und wollte es nicht glauben. Ein Doppelzimmer. Für 3600 Euro. „Wir haben in der Pflegeabteilung nur Doppelzimmer“, sagte die Direktion, man könne sich gerne umsehen, alles sei hier auf die Alten abgestimmt, nichts, wo sie sich verletzen könnten. Und er sah sich um, sah die Kahlheit, die Leere dieses Zimmers, selbst Nachttischlampen fehlten, und jede Ecke und Kante der raren Möbelstücke war mit Styropor ummantelt. Er dachte, dass er seinen Vater hatte hierherbringen wollen, damit er leben solle. Und er sah, dass hier vom Leben nicht die Rede war. Höchstens vom Überleben. Aber, dachte er, kann Überleben das Einzige sein, was einem zusteht, wenn man alt geworden ist und gebrechlich? Ist die Gewissheit, dass man sich an Möbelecken unbeschadet stoßen kann, wirklich genug? Ist die Hoffnung auf ein kleines Glück anmaßend, bloß, weil man 86 Jahre alt war? So dachte er bei sich, und als er das dachte, hielt er diese desinfizierte Depression nicht mehr aus und floh aus dem Zimmer, aus dem Pflegeheim, aus diesem Wartesaal zum Tod, und wusste, dass sein Vater nicht in Styropor sterben sollte.

Die winzige Zuversicht war von der Wirklichkeit erschlagen, und sie kam auch nicht zurück, da die weiteren Nachforschungen ergaben, dass das Pflegeheim keineswegs eine Ausnahme gewesen war, jedenfalls in dieser Stadt. Es gab Billigeres, aber es schien noch schlechter, es gab Besseres, aber es war noch teurer, wesentlich teurer. Bezahlbare Pflege zu würdigen Bedingungen war nicht zu bekommen.

So machten sich der Bruder und die Schwester ans Umdenken. Wenn vernünftige Pflege außer Haus nicht zu erreichen war, dann musste sie eben im Haus organisiert werden, der Vater könnte in der gewohnten Umgebung bleiben, in Zeiten des großen Arbeitsmangels müsste sich doch Personal dafür finden lassen. Und tatsächlich fehlte es an Angeboten nicht, die GelbenSeiten waren voll davon. Häusliche Pflege, Tag und Nacht, 24 Stunden.

Auch die Frau am Telefon sah keine Schwierigkeiten: Betreuung rund um die Uhr, das ließe sich ohne Weiteres organisieren, auch kurzfristig, kein Problem. Natürlich habe die Sache ihren Preis, für 24 Stunden seien ja drei Arbeitskräfte vonnöten, acht Stunden pro Schicht, und sie nannte eine Summe von etwas mehr als 10 000 Euro im Monat. Als der Sohn am Telefon verstummte, sagte die freundliche Frau noch, es gebe da ja die Pflegeversicherung, das würde doch gewiss helfen. „Ja“, sagte er, „1432 Euro, ich weiß.“ Dann sagte er nichts mehr und wunderte sich über seine Naivität.

Er hatte nun gelernt, dass gute Pflege nirgendwo zu bezahlen ist, nicht im Heim und nicht zu Hause. Es war der Moment, in dem er nicht mehr weiterwusste.

Da war so eine Telefonnummer. Ein Bekannter hatte sie ihm auf einen Zettel geschrieben. Der hatte auch einmal nicht mehr weitergewusst, „Eva“ stand auf dem Zettel, und die Ländervorwahl lautete 0048. Das ist Polen.

Eva sprach ein wenig Deutsch. Ja, sie könne jemanden schicken, ja, übermorgen schon. 1000 Euro für den Monat, und das Fahrgeld extra. „120 Euro, wenn Frau direkt kommt, 100, wenn Sie an Raststätte abholen.“ Eva ist keine Menschenhändlerin, Eva vermittelt polnische Frauen, die in Deutschland alte Menschen pflegen. Es ist Schwarzarbeit.

Weil Pflege in Deutschland unbezahlbar geworden ist, ist in osteuropäischen Ländern ein illegaler Pflegemarkt entstanden, der nach Zehntausenden zählt, in Polen, Ungarn, Tschechien, Rumänien und anderswo. Ganze Dörfer leben mittlerweile davon. Die Frauen werden mit Kleinbussen zu ihren Einsatzorten gefahren, sie bleiben einen Monat oder zwei oder drei, dann kehren sie zurück, und an ihre Stelle tritt eine neue Pflegerin.

So lernte er Teresa kennen. Teresa ist 48 Jahre alt und hat viel Leben hinter sich. Vier erwachsene Kinder, eine geschiedene Ehe und Arbeit, eigentlich meistens Arbeit. Teresa war ein Wunder. Sie kam an, sprach die zehn Worte Deutsch, die sie konnte, und verstand sofort, was zu tun war. Sie kochte und putzte, sie organisierte den Haushalt und wusste insbesondere, dass Pflege dann nicht aufhört, wenn der Patient rasiert und gepudert, gewaschen und gewickelt im Bett liegt. Sondern dass er ein Anrecht auf Freundlichkeit hat und Zuwendung. Teresa hatte davon offenbar unbegrenzte Vorräte zu verteilen.

Der Sohn und die Tochter sahen es mit namenloser Erleichterung, geradezu mit einem Gefühl der Erlösung. Teresa hieß die Rettung aus Ratlosigkeit und Ohnmacht. Zugleich jedoch stellte sich wieder dieses Gefühl der Scham ein, weil da ein Mensch war, der ihnen zeigte, was in einer solchen Situation getan werden konnte, und das ganz ohne Aufhebens tat. Aber größer als die Scham war das Gefühl der Beruhigung.

Drei Monate, sagte Teresa, könne sie nun bleiben, dann werde eine andere Frau aus ihrem Dorf kommen und sie ablösen. Drei Monate später kehre sie zurück, dann die andere, dann sie und immer so fort. Der Sohn fuhr sie zum Flughafen.

Er fand, dass er getan hatte, was er zu tun imstande war. Er fand, dass das nicht wenig war. Und er fand, dass es nicht viel war.

Als er zurück in seine Stadt kam, schlief er schlecht und träumte böse. Er hatte seinen Vater nicht zu sich genommen. Aber er hatte immerhin eine Lösung gefunden, redete er sich zu. Es nützte wenig. Denn die Lösung war eine gefährdete Lösung. Was, wenn Teresa oder ihre Vertretung krank würden? Wenn sie plötzlich nicht mehr kämen? Wenn ihnen die Arbeit doch zu viel wurde? Und vor allem: Die Lösung war nicht legal. Jedes Mal, wenn das Telefon läutete, erschrak er und spürte das schlechte Gewissen.

Alles war für ihn anders geworden als noch vor ein paar Tagen. Eine Verantwortung war gewachsen, die ihm gewaltig vorkam, groß und meistens zu groß. Aber sie war da, und sie würde bleiben.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben