Zeitung Heute : & Der Mann hinter… Sascha Natascha

Eigentlich wollten sie nur den kranken Vater aufmuntern – und machten Karriere.

Esther Kogelboom

Rüstüm Karabey hebt den Zeigefinger. „Ihr müsst schwingen wie ein Pendel“, sagt er. „Ich kann für euch leider nicht die physikalischen Gesetze außer Kraft setzen.“ Auch am dritten Tag nach dem großen Triumph gönnt sich Karabey keine Pause, er unterrichtet, wie fast an jedem Tag im Jahr. Ein Paar nimmt gerade eine Privatstunde im Wiener Walzer, als es an der Tür der Bad Homburger Tanzschule läutet. Karabey unterbricht kurz und kehrt einen Moment später strahlend zurück, in der Hand hält er zwei Glückwunschtelegramme vom Bundeskanzler, eines für seinen Sohn Sascha, eines für die Tochter Natascha – die neuen Vizeweltmeister im Standardtanz. Die beiden weißlich-transparenten Pokale zu den anderen in eine der mannshohen Vitrinen zu schließen, dazu hatte Rüstüm Karabey, Vater, Tanzlehrer und Coach seiner Kinder, bisher keine Zeit. Die Trophäen stehen noch auf der Bar im Vorraum des weiten Tanzsaales, in dem alles angefangen hat.

Karabey, deutscher Staatsbürger mit russisch-türkischen Eltern, trägt Lackschuhe, Anzughose, ein weißes Hemd mit Schlips und eine ärmellose Strickweste. Er legt die Telegramme auf einen der kleinen Tische am Rande des Parketts, zündet sich eine Zigarette an und lässt sie im Aschenbecher verglimmen, während er seinen Privatschülern einen letzten Tipp gibt: „Ihr müsst sein wie ein Computer, die Bewegung automatisieren.“ Karabey geht in die Knie und macht eine stocksteife Bewegung um seine eigene Achse. „Seht ihr, so geht das nicht. Sondern so…“ Jetzt schwingt der Chef der Tanzschule, er scheint mit seinen Schritten den Raum ausmessen zu wollen, die Arme umfassen eine unsichtbare Partnerin. Vom Band läuft „Maledetta Primavera“. Und Rüstüm Karabey, 56 Jahre alt, fliegt.

Er hat es immer gewusst, hat zusammen mit seiner Frau an das große Talent Saschas und Nataschas geglaubt. Als der Sohn zehn Jahre alt war, fing er zu tanzen an, „von ganz allein“, Natascha begann etwas später. Doch miteinander über das cognacfarbene Merbau-Parkett ihre Runden drehen, das wollten die Geschwister lieber nicht. Sie bockten. Also suchte Rüstüm Karabey seinen Kindern andere Partner, das funktionierte eine Zeit lang und brachte die ersten Achtungserfolge.

Weshalb die Geschwister es eines Tages dennoch miteinander versuchten, das erklärt Karabey gerne mit einer fast schon märchenhaften Anekdote: Anfang der 90er Jahre musste der Vater für drei Wochen ins Krankenhaus nach Frankfurt. Sascha und Natascha wollten ihn aufheitern. „Papa, wir haben etwas für dich einstudiert“, sagten sie an seinem Krankenbett. Und als Rüstüm Karabey wieder zu Hause war, in der Wohnung, die direkt an seine Tanzschule in Laufweite zum Kurhaus angeschlossen ist, präsentierten die Kinder ihm ihre Show. Sascha, der eigentlich lieber Schlagzeug spielte, und Natascha, die sehr gut mit Pferden umgehen konnte, harmonierten perfekt. Kurze Zeit später entschlossen sie sich, ernsthaft zusammen zu trainieren – täglich drei Stunden Langsamer Walzer, Tango, Wiener Walzer, Slowfox und Quickstep neben der Schule und später der Ausbildung. Noch heute trainieren Sascha und Natascha in dem Tanzsaal, den ihr Vater 1988 hat bauen lassen. Und wenn sie eine neue Figur oder eine neue Variation erfunden haben oder es darüber eine Auseinandersetzung gibt, rufen sie den Vater, der auch spätabends noch im Bademantel und mit Pantoffeln an den Füßen aus der Wohnung herüber in den Saal schlurft, um Kritik zu üben, zu applaudieren oder Streit zu schlichten.

Inzwischen sind die Geschwister siebenfache deutsche Meister, haben jetzt bei der Weltmeisterschaft in Krefeld hinter den Letten Arunas Bizokas und Edita Daniute den zweiten Platz belegt. Die gelernte Bankkauffrau Natascha kümmert sich nur noch um ihre Tanzkarriere, während ihr Bruder, der Reiseverkehrskaufmann, ab und zu in seinem Beruf arbeitet. Rüstüm Karabey hat sein Leben seinen Kindern und dem Tanzen verschrieben, niemand kann mehr zurück. Zwar bekommen Sascha und Natascha Sporthilfe vom Land Hessen, doch die reicht nicht für die vielen Turniere, die das Paar in aller Welt besucht. Karabey sorgt immer noch für „die Kinder“, wie er sagt, auch finanziell.

Wer „die Kinder“ in Krefeld zusammen tanzen gesehen hat – sie in einem lilafarbenen Kleid, er ganz in Schwarz – kann nicht glauben, was der Vater mit einem Grinsen im Gesicht über sie sagt: „Manchmal sind sie wie Hund und Katze.“ Beim Quickstep etwa schienen Sascha und Natascha dank einer neuartigen Schrittkombination auf geheimnisvolle Weise länger in der Luft zu sein als auf dem Parkett, und beim Langsamen Walzer bildeten sie eine schier unentzweibare Einheit. Sehr zur Freude ihrer Fangemeinde: Nach Krefeld zur WM seien 137 Bekannte der Familie in zwei Reisebussen angereist, erzählt Rüstüm Karabey. Er wisse das so genau, weil er jeden Einzelnen zum Dank umarmt habe.

Viele Bad Homburger schätzen „das besondere Temperament“ des Herrn Karabey, der aber auch ziemlich streng sein könne. „Ich bin eben ein Patriarch, aber kein Diktator“, sagt Karabey dann über sich selbst. Fünf Mal – die Fernsehkameras der „Sportschau“ haben es übertragen – hat Rüstüm Karabey nach dem Urteil der Preisrichter im Krefelder Königspalast die deutsche Flagge geküsst. Erst dann stürzte er sich auf Sascha und Natascha.

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