Zeitung Heute : Und es bewegt sich doch

Der Tagesspiegel

Von Bärbel Schubert

Wenn man Schulleiterin Erika Risse fragt, was man nach den schlechten Ergebnissen deutscher Schüler beim internationalen Pisa-Test verbessern soll, ist sie sehr entschieden: „Die Lernkultur muss sich ändern." Das Verhältnis von Lehrern und Schülern ist für Risse „das A und O" von Schule. „Es geht darum, die Schüler mehr am Unterricht zu beteiligen und sie ganz individuell beim Lernen zu unterstützen."

Erika Risse weiß, wovon sie spricht. Sie ist Rektorin einer real existierenden Schule, des Elsa-Brandström-Gymnasiums im nordrhein-westfälischen Oberhausen. Das „Elsa", wie Lehrer und Schüler ihre Schule liebevoll nennen, ist eine der anerkannten Reformschulen Deutschlands. „Wir arbeiten hier aber unter ganz normalen Bedingungen, sind kein Modellprojekt und haben keinerlei Sonderregelungen", betont Risse. Auch der Ort ist wenig spektakulär: Ein altes Gebäude, nicht weit vom Hauptbahnhof der alten Ruhrgebiets-Arbeiterstadt. Eine Hauptstraße trennt die beiden Schulgebäude. Und doch gehen Kollegium und Schulleitung hier seit Jahren neue Wege. Dazu gehört auch, dass eine Gruppe von Schülerinnen und Schülern ihre Schule vorstellt.

Was sie an ihrer Schule besonders mögen? „Natürlich den Montessori-Zweig, weil wir da selbstständig etwas entwickeln können", meint Lena aus der neunten Klasse und Sebastian aus der elften ergänzt: „Wir machen spannende Projekte. Beispielsweise haben wir am Computer die Schule nachgebaut, so dass wir virtuell richtig durch das ganze Gebäude laufen können." Im Wahlpflichtbereich gründeten Schüler auch eigene Übungsfirmen. Eine davon ist die „Brain-Company". Sie vermittelt Nachhilfeunterricht. Der ist auch am „Elsa" gefragt.

Freiarbeit und offener Unterricht gehören zu den Besonderheiten dieser Schule. Die Sechstklässler sitzen zu zweit, zu dritt, zu viert an den Tischen zusammen und arbeiten. Ein Mädchen füllt einen Aufgabenbogen zur Rechtschreibung aus, ein anderes stellt eine Broschüre über Tierschutz zusammen, mit ausgeschnittenen Fotos, selbst angefertigten Zeichnungen und Erklärungen. Ihr Mitschüler bastelt an einem Heft über den Regenwald. Die ersten Schüler hatten wir schon auf dem Flur getroffen, mit ihren Kassettenrekordern auf Teppichen. Was macht ihr denn? „Interviews für Englisch. Zwei habe ich schon", kommt prompt die Antwort. Auch selbst ausgedachte Spiele werden erprobt. Immerhin, den Bundeskanzler erkenne ich beim Promi-Ratespiel. Nullpunkte habe ich schon mal nicht.

Freiarbeit entlastet

„Wenn wir vor 15 Jahren irgendwo über offenen Unterrichtet berichtet haben, gab es immer großes Erstaunen", erinnert sich Erika Risse. Aber das ändert sich langsam. Denn mit Pisa und dem Vorgängertest Timss ist auch die in Deutschland verbreitete Unterrichtsmethode des sogenannten fragend-entwickelnden Unterrichts in die Kritik geraten. Dabei erklärt der Lehrer und lenkt die Schüler mit seinen Fragen zu den richtigen Antworten, alle Schüler folgen dabei ihrem Lehrer, theoretisch jedenfalls. „So gehen wir natürlich manchmal auch vor, aber nicht über ganze Stunden", meint Englisch-Lehrerin Brigitte Fontein.

Die Freiarbeit entlastet: Die Kinder können so lernen, wie es ihnen liegt. Wer langsam vorankommt, wiederholt öfter oder kann nachdenken. Wer eher praktisch lernt, kann sich die Aufgaben dazu aussuchen. Die Lehrer haben die Möglichkeit, sich mit einzelnen Schülern zu beschäftigen. Alle haben am Ende eines Projekts ein Ergebnis in der Hand, ein gebautes Modell, eine Broschüre, ein Bild, ein Video und vieles Andere. Lernprotokolle dokumentieren die Arbeit. Die Kleinen von der fünften bis zur siebten Klasse bleiben dabei in ihren Klassen zusammen und werden vom Klassenlehrer beaufsichtigt. Getreu der pädagogischen Überzeugung, dass der enge Kontakt zum Lehrer entscheidend für die Lernförderung ist, „behalten" die Kinder denselben Klassenlehrer von der fünften bis zur zehnten Klasse. Später können sie bei den Projekten den Klassenverband verlassen, auch die Themen werden weiter gefasst. Als Jugendliche in der Oberstufe sind sie dann an das selbstständige Arbeiten gewöhnt. Schließlich ist das eine gefragte Qualifikation für das Studium und anspruchsvolle Berufe.

Mutig hat sich das Elsa-Brandström-Gymnasium vor drei Jahren einen weiteren neuen Schwerpunkt gesucht: Die Förderung hochbegabter Kinder. Dabei zeigt sich die Bandbreite der Möglichkeiten im offenen Unterricht: Die Schüler bekommen ohnehin unterschiedliche Aufgaben. Wer mehr kann, kann schwierigere Probleme wählen. Für die Hochbegabten gibt es noch einmal besondere Anforderungen. „Die Begabten neigen dann trotzdem manchmal dazu, den Weg des geringsten Widerstandes und leichtere Aufgaben zu wählen", erzählt Risse. Dann sind die Pädagogen gefragt.

Herausforderung Hochbegabung

Wer besondere Begabungen erkennen lässt, kann in seinem Fach eine Klasse überspringen, etwa in Mathematik. Das stellt Anforderungen auch an die Begabung der Stundenplan-Macher - wie an die Begleitung, denn ein Schüler, der das versucht, muss letztlich den Stoff von zwei Klassen auf einmal bewältigen. Dabei setzt die Schule auf die Mitschüler. Tobias beispielsweise bekommt von einem Mitschüler die Aufgaben seiner sechsten Klasse, während er den Mathematik-Unterricht in der siebten besucht.

Die Hochbegabtenförderung innerhalb der normalen Klassen klappt so gut, dass inzwischen immer mehr Eltern auch aus der Nachbarstadt ihre Kinder am „Elsa" anmelden. Mehr Anmeldungen als Plätze hat die Schule ohnehin. Doch ein Spezial-Gymnasium für Hochbegabte will „Elsa" nicht werden. Nun geht es darum, die Schüler auszuwählen, die zu dem Konzept der Schule passen. Doch wie vieles, was diese Schule braucht: Fertiges Material gibt es nicht. Nun wollen Eltern, Lehrer und Schüler gemeinsam ein Verfahren entwickeln.

„Sie sehen, man kann vieles tun - innerhalb oder am Rande dessen, was das Schulrecht bereits vorsieht", antwortet die Schulleiterin auf erstaunte Fragen. Was den Schulen fehle, seien oft nicht neue gesetzliche Regelungen, sondern Unterstützung und Begleitung. „Die Pisa-Schulen müssten doch jetzt eigentlich ein Netzwerk gründen, um sich Unterstützung für Verbesserungen zu organisieren." Geeignete Fortbildung sei ebenfalls dünn gesät, Evaluierung durch Experten, die nicht zur Schule gehören, kaum bezahlbar. Die Bertelsmann-Stiftung hat mit ihrem „Netzwerk innovativer Schulen" für die gegenseitige Unterstützung der Schulen ein Beispielprojekt entwickelt. Aber das Beispiel müsste sich ausbreiten, damit mehr Schulen etwas davon haben. Über die Hochbegabtenförderung tauscht sich die Brandström-Schule beispielsweise mit anderen Schulen aus, schon um mehr über neues Material und andere Erfahrungen zu erfahren.

Doch wie konnte sich an diesem so wenig spektakulären Ort mit seiner ganz und gar normalen Schülerschaft ein Reformansatz profilieren? Gab es da viele Widerstände? „Vor 16 Jahren war diese Schule ganz am Ende. Die Anmeldezahlen war so weit zurück gegangen, dass sie auf eine Schließung zusteuerte", berichtet Erika Risse. Damals begannen sie und einige Kollegen, den Montessori-Ansatz Schritt für Schritt einzuführen, den die italienische Ärztin Maria Montessori ja auch zunächst für Arbeiterkinder entwickelt hatte. Heute hat die Schule jedes Jahr erheblich mehr Anmeldungen als Plätze. Besucher kommen nach Oberhausen, um hier zu lernen oder zu berichten. Das finden die Schüler allerdings nicht uneingeschränkt großartig. „In einigen Stunden sind deshalb die Lehrer schon mal nicht da", moniert Lena aus der Neun. „Aber wir mögen unsere Schule, so wie sie ist."

Hinweis: Erika Risse, Jörg Allhoff, Judith Müller (Hrsg.) „Gymnasium heute - und es bewegt sich doch!", Luchterhand Verlag

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