Zeitung Heute : und Feinkost aus Apulien

Hier sind Spezialitäten zu entdecken – und das süße Ende kommt zuletzt: kurz vorm Fehrbelliner Platz

Thomas Platt

Als wäre die Sache von Vegetariern inszeniert, wird die Metzgerei von gleich zwei Gemüsehandlungen flankiert, deren eine, Krohn, besonders beachtenwert ist. Neben dem Grünzeug und Obst erhebt sich ein ganzes Regal mit Konfitüren in weiß bedeckelten Gläsern, in denen die meisten von uns wohl Landleberwurst erwarten würden. Die Vertrauen heischenden Namen der Hausfrauen, die sie gekocht haben sollen, denken sich die „Krohn-Juwelen“-Geliermeister einfach aus: Erdmute und Rosalie etwa verantworten Grapefruit und Rhabarber mit Erdbeer und eine Kilogunde die Minikiwi-Marmelade.

In der „Salumeria Puglia“ behindert das wie auch in anderen Läden hier ein bisschen ins Trübe zurückgefahrene Licht die innigere Betrachtung der Regale. Aber dort findet sich ohnehin nichts, was über das gewohnte Angebot einer italienischen Feinkosthandlung hinausgeht, und der hintere Teil des Geschäfts hat sich ohnehin längst in eine ambulante Osteria verwandelt, in der das Dolce Vita seine Gebrauchsspuren nicht verleugnet. Bleibt die Theke mit ihren weit über dreißig verschiedenen Antipasti, die vom Mann der apulischen Inhaberin zubereitet werden. Diese durchweg erfreulichen Speisen in Olivenöl verraten eine deutliche Vorliebe für Knoblauch. Der lässt sich noch am besten mit einem guten Roten vom Franzosen wegspülen, und da trifft es sich gut, dass man für den Besuch bei „La Vinotheque du Sommelier“ nur eine Seitenstraße zu passieren hat. Es sagt wohl einiges aus, dass der Publizist und Weinliebhaber Thomas Karlauf ihrem Inhaber, dem Elsässer André Schmitt, schon zu Lebzeiten ein Denkmal in Form eines ganzen Buchs gesetzt hat, das in der dtv-Reihe „Kleine Geschichte der Passionen“ erschienen ist.

Christel Jokisch verbreitet ihre Leidenschaft mit resolutem Selbstbewusstsein und erwartet auch von ihren Lieferanten, mindestens so eigenwillig zu sein, wie sie es selbst ist. Wenn es überhaupt Konzept genannt werden kann, dann klingt das Vorgehen von „Marktpur“ denkbar einfach. Doch eine bunte Palette von Produkten kleiner, individuell herstellender Erzeuger zusammen zu bringen, zu pflegen und beständig auszubauen, erfordert viel Erfahrung und noch mehr Geduld. „Bio ist mir dabei eigentlich Wurst“, erklärt sie und spricht auch sonst mit einer Offenheit, die dazu einlädt, ihre Überzeugungen zu teilen. In der Vitrine stammt die Mehrzahl der Waren aus diesem Bereich, aber das hat mehr damit zu tun, dass die meisten der auf Qualität Wert legenden Erzeuger im Umland von dieser Bewegung erfasst sind.

Ob Öko oder nicht: Pilot und Pinova, die letzten Apfelzüchtungen der DDR-Agrarökonomie überzeugen genauso wie die Laugen- und Buttercroissants des Charlottenburger Bäckers Bernhard Frey sowie der Roggen-Weizen-Rundling von Peter Klann aus Ringenwalde, auf dessen feinporigen Scheiben sich die ganz bemerkenswerte, mit nur flüchtigen Räuchernoten aufwartende, obendrein noch vollmundige Schlackwurst von Metzger Ortlieb aus der Schorfheide sehr gut macht. Vielleicht noch einmaliger als dessen Hirsch-Reh-Salami aus der Jagd des Vaters oder das ausgesprochen milde Kürbiskernöl von Joseph Rath in der Steiermark dürfte inzwischen die naturbelassene Milch sein, die zweimal in der Woche aus der Uckermark nur wenige Stunden nach Melken und Kühlen hier eintrifft – der Fettgehalt von 3,5 Prozent belegt den Verzicht auf die übliche industrielle Bearbeitung der Rohmilch. Nicht ganz zufällig hat der Raum etwas von einem Kinderladen für Erwachsene an sich, und wie eine bedachte Tagesmutter kümmert sich Frau Jokisch mit einer Suppe und zwei Tagesgerichten darum, dass ihre Gäste zum Mittag mal wieder etwas im besten Sinne Anständiges zu sich nehmen.

Am anderen Ende der Magistrale hat sie ihren vorstädtisch-geschäftigen Charakter verloren und ist nur noch als Transportmittel zum Fehrbelliner Platz von Belang. Kurz bevor sie ihn erreicht, passiert sie das Geschäft von Hamann, einer der letzten unabhängigen Schokoladenmanufakturen Berlins. Der Verkaufsraum mit seinen in reintönigem Art-Deco schwingenden Glasvitrinen und Theken aus Vogelaugen-Ahorn zieht auch Besucher an, die mit Schokolade eigentlich nichts anfangen können - das süße Ende einer geschäftigen Straße.

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