Zeitung Heute : und Heinrich VIII.

„Der Vergleich ist die Wurzel allen Übels“, sagt Schopenhauer. Hellmuth Karasek wagt es trotzdem. Gerhard Schröder

Hellmuth Karasek

D as Sprichwort „Gleich und Gleich gesellt sich gern“ hat meist einen bitteren Nebengeschmack. Es wird seltener auf das Treffen von Physik-Nobelpreisträgern, häufiger auf Kerle angewandt, die zu Dritt in der Kneipe hocken, Bier trinken und Skat klopfen, während ihre armen Frauen zu Hause alleine „Superstar“ oder „Wer wird Millionär?“ schauen, das Nudelholz griffbereit neben der Haribo-Schale. Die verschärfte Sprichwortsituation heißt daher auch „Gleiche Narren, gleiche Kappen“ und gilt nicht nur für die Schützenvereinskopfbedeckungen.

Sowieso gleicht kein Mensch einem andern wie das sprichwörtliche Ei und dass vor dem Gesetz und Gott alle Menschen gleich sind, wird meistens so relativiert: Alle Menschen sind gleich, nur manche sind gleicher. Man kann gleich schlau, gleich alt, gleich korrupt, gleich dick, gleich rothaarig oder gleich glatzköpfig, gleich ungewaschen und gleich gemütsroh sein: Bei „gleich“ kommt es auf den Vergleichspunkt an. Worin sind beispielsweise Bundeskanzler Schröder und Bundesvizekanzler Fischer gleich? Die Antwort ist: Beide sind gleich oft verheiratet, vier Mal. Und gleich oft geschieden, drei Mal.

Bei der SKL-Show mit Günther Jauch war das vor kurzem eine Quizfrage (Wie viele Ehen können Bundeskanzler Schröder und Außenminister Fischer zusammen aufweisen?). Ich bin stolz, dass ich als regelmäßiger Leser der einschlägigen Illustrierten die richtige Antwort wusste, jawohl, acht! So könnte man den Kanzler bei „Wetten dass...?“ auftreten lassen mit der Wette, dass er aus dem Gedächtnis nicht nur seine sämtlichen Vorgänger im SPD-Vorsitz seit August Bebel, inklusive der von ihm persönlich im Stil englischer Königsdramen Hingemeuchelten (wie R. Scharping und O. Lafontaine) nennen könne, sondern auch sämtliche Vornamen seiner Ex-Frauen.

Als der „Spiegel“ nun Peter Wright, den Chefredakteur der britischen Zeitung „Mail on Sunday“, nachdem das Blatt schmuddelige Ehe-Gerüchte über die Schröders in Hannover gekübelt hatte, fragte, warum er das tue, rechtfertigte der sich wie folgt: „Wir interessieren uns immer für solche Themen… Wir Briten hatten zwar etliche Skandale, aber noch keinen Premierminister, der zum vierten Mal verheiratet ist – nennt man Schröder wegen der vier Ringe nicht den Audi-Kanzler?"

Der Brite und Chefredakteur irrt. Nicht wegen der Ringe, Audi hat tatsächlich vier – aber was die britischen Herrscher anlangt. Zwar heiraten britische Premiers nicht so oft (echte Waschlappen und Feiglinge), dafür hatte England einen König, dem Schröder, was eheliche Verbindung und Trennung anlangt, nicht das Wasser reichen kann: Heinrich VIII. Dieser stattliche König gleicht, jedenfalls wie ihn Hans Holbein 1536 porträtiert hat, mit seinem fusseligen rötlichen Bart eher Wolfgang Thierse als Gerhard Schröder. Aber der 1491 geborene, 1547 gestorbene Herrscher aus dem Hause Tudor (er bestieg 1509 den englischen Thron) war sechs Mal verheiratet. Und selbst, wenn man bei Schröder sich an das Sprichwort erinnert „So lange die Kirche offen ist, wird gesungen“, wird ein Vergleich immer zugunsten unseres Kanzlers ausfallen: Er trennte sich von seinen Ehemaligen friedlich, unter Zuhilfenahme des bürgerlichen Gesetzbuches.

Nicht so der König, den die Geschichtsbücher als „einen stattlichen Mann mit glänzenden Gaben ausgestattet“ beschreiben, der „Gelehrsamkeit mit ritterlichen Künsten“ verband. Zuerst war er mit Katharina von Aragonien verheiratet, der Tante des Kaisers. Aber er warf ein Auge auf die schöne Anne Boleyn, und als die katholische Kirche sich weigerte, ihn von Katharina zu scheiden, schied er England kurzerhand von der katholischen Kirche. Seine Liebe zu Anna schuf so ganz nebenbei die anglikanische Hochkirche; das ist so, als hätte Schröder wegen Hillu einst die SPD gespalten – in die SPD und „Der Hillu ihrem Mann seine Partei“.

Anne hatte von der Heirat allerdings nicht viel, denn der königliche Gatte hatte sein Auge schon wieder woanders hingeworfen, auf das Hoffräulein Jane Seymour, und ließ Anne wegen Ehebruchs hinrichten – so sind sie, die Mächtigen! Jane starb nach der Geburt ihres Sohnes, des Thronfolgers, ob „natürlich“ oder unter Anleitung des Ehemannes ist umstritten.

Die nächste Ehe war politisch. Heinrich musste wegen Cromwell, der sich Deutschland annähern wollte, Anna von Kleve heiraten (also aus Schröders näherer Heimat), ließ sich aber 1540 scheiden, als die politischen Gründe wegfielen. Catherine Howard, die Nichte des Herzogs von Norfolk, war die Nächste, auch sie „vermochte den König nicht dauernd zu fesseln“ und starb nach bewährtem Schema – wegen Ehebruchs unter dem Beil. Schließlich heiratete der König noch einmal, zum sechsten Mal. Catherine Parr, die Witwe des Lord Latiner, war die im wahrsten Sinn des Wortes Glückliche, weil sie den König überlebte – auf den inzwischen der Tod, der unerbittlichste Freier, ein Auge geworfen hatte. So geht es zu in der Welt, und deshalb soll man vergleichen. Man kann auch Hessen und Niedersachsen vergleichen. Aber das ist eine andere Geschichte.

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