Zeitung Heute : und Hempels Sofa

„Der Vergleich ist die Wurzel allen Übels“, sagt Schopenhauer. Hellmuth Karasek wagt es trotzdem. Freuds Couch

Hellmuth Karasek

Die beiden berühmtesten Liegemöbel, die ich kenne, sind Sigmund Freuds Couch und Hempels Sofa - wie aber kann, darf, soll man die beiden, wenn überhaupt, vergleichen?

Nun, indem man zunächst feststellt, dass Freud seinen Patienten auf einer Couch Platz bot, während sich der Vater der Psychoanalyse mit dem Analysestuhl hinter den Patienten auf der Couch setzte, wo er, der Arzt, weitgehend schweigend verharrte (außer, wenn er die Aussagen des Patienten „deutete“), während der Patient redete. Die Couch war absichtlich zu kurz, damit die Patienten auf ihr nicht einschlafen konnten, sondern weiter redeten – gegen Honorar und für ihr Seelenheil.

Warum hat Freud die Couch gewählt und seinen Stuhl hinter die Couch gestellt? Ganz einfach, weil er „nicht acht Stunden täglich angestarrt“ werden wollte. Auch, so Freud, fühle sich der Patient freier und entspannter, wenn er läge und den Analytiker nicht anzusehen brauche, während er ihm erzählt, dass er Ödipus heiße, seinen Vater umgebracht und seine Mutter geheiratet habe. Im Traum natürlich, nur im Traum!

Im Patienten, so viel ist klar, sieht es, während er auf der Couch liegt, ähnlich aus, wie bei Hempels unterm Sofa. Vatermord und Mutterliebe, Penisneid und Todestrieb, Kastrationsangst und Verdrängung, Waschzwang und frühkindliche Phase, Über-Ich und Es, Witz und Wahrheit, Bettnässerei und Größenwahn purzeln da munter durcheinander. Und das beim strengen Dr. Freud vier bis fünfmal die Woche, denn so oft wollte er seinen Patienten sehen, beziehungsweise eher hören. Er wies sie auf die symbolische Bedeutung von Träumen und Begriffen hin, aber manchmal sagte er auch, denn er war Zigarrenraucher: „Eine Zigarre kann auch einfach nur eine Zigarre sein!“ Hillary Clinton ist da, glaube ich, anderer Meinung.

Für eine Weihnachtsumfrage der Wiener Zeitschrift „Die Stunde“ hat Billy Wilder 1925 auch Sigmund Freud interviewen wollen. Über Benito Mussolini. Der war, weil nur 1,52 Meter klein, größenwahnsinnig und soll neben seinen aufreibenden Geschäften als Diktator und Duce noch mit über 5000 Frauen geschlafen haben. Ein richtiger Fall für den Psychiater und die Couch.

Freud jedoch, den Wilder in seiner Wohnung und Praxis in der Wiener Berggasse 19 während des Mittagessens störte, wies, die Serviette noch im Hemdkragen, Wilder mit ausgestreckter Hand hinaus: „Da ist die Tür!“ sagte er dem jungen Reporter. Der warf noch einen Blick durch die geöffnete Ordinationstür auf die damals schon berühmte Couch. Er fand sie enttäuschend klein (typisch psychische Reaktion auf den Hinauswurf) und außerdem mit einem türkischen Teppich verhangen. Der Teppich, man sieht es auch im Internet, hängt immer noch hinter der üppig mit Kissen bedeckten hochgerichteten Couch (die mich eher an ein Sofa erinnert). Später hat sich Wilder in seinen Filmen für den Rausschmiss gerächt und lauter meschuggene Psychiater auftreten lassen. In Gestalt Klaus Kinskis zum Beispiel!

Und Hempels Sofa? Es ist zunächst keine Couch, sondern ein Sofa. Die „Couch“ ist, laut Definition, die „Bezeichnung für eine im 20. Jahrhundert aufgekommene Form des Liegesofas.“ Und das Sofa war ursprünglich in der Türkei kein richtiges Sofa, sondern „eine mit Teppichen und Polstern belegte Estrade oder sonstige zum Sitzen bestimmte Erhöhung des Fußbodens.“ Sofa hieß auch das „Vorzimmer oder Wartezimmer“, wo „auf beiden Seiten solche Erhöhungen sich befinden“.

Erst als das Sofa nach Europa kam, wurde es zum Sofa. Und auf einmal konnte es dort aussehen wie bei Hempels unterm Sofa. Neben dem Sofa gibt es noch die Ottomane, die Chaiselongue und den Diwan. Alle sind sie mit Stoff überzogen oder mit Leder bezogen, wobei die Ottomanen zwei zylindrische Sofarollen haben. Eine Art Bettwürste.

Wie sieht es nun bei Hempels hinterm Sofa (andere sagen: unterm Sofa) aus? Niemand weiß es genau, aber jedenfalls muss es dort ziemlich furchtbar aussehen, denn immer, wenn einem jemand sagt, Mensch, bei dir sieht es aus, wie bei Hempels unterm (respektive hinterm) Sofa, erschrickt der so Angesprochene und Verglichene. Wirklich so schlimm? Fragt er sich zusammenzuckend, obwohl er doch nicht weiß, wie sehr oder wie wenig schlimm es bei Hempels aussieht.

Wahrscheinlich hat sich da viel angesammelt unter Hempels Sofa: Dreck, Gerümpel, Unordnung. Spuren vergangener Unarten und Sachen, die nur das Sofa gesehen und erlebt hat. „Man soll nicht alles hervorkehren!“, sagt man, wenn man auch nur einen Teil der Sachen sieht, die bei Hempels hinterm Sofa liegen könnten. Schrecklich.

Aber da sind wir in Wahrheit schon wieder auf Freuds Couch, wo es aus den Patienten herausquillt wie aus einem geplatzten Sofa.

„Und der Mensch versuche die Götter nicht“, dichtet Schiller. „Und begehre nie und nimmer zu schauen, was sie gnädig bedecken mit Nacht und Grauen.“ Das ist aus dem „Taucher“. Der offensichtlich als erster einen genauen Blick hinter oder unter Hempels Sofa geworfen hatte. Und darüber ziemlich erschrocken war. Freud dagegen war unerschrocken und hörte sich acht Stunden täglich den Seelenmüll seiner Patienten an.

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