Zeitung Heute : und Herr Hin

Nur Männer wissen: Wenn sie im Schaukelstuhl sitzen, befreit das den Geist. Beweise? Napoleon, Beckett, Fontane...

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Von Deike Diening Zur kurzzeitigen Unterbrechung seines aufrechten Gangs hat sich der Mensch Sitzgelegenheiten konstruiert, von denen viele berühmt wurden. Seitdem wir sesshaft geworden sind und die Pferdebeine zu vier Stuhlbeinen erstarrt, haben das Design und die Architektur um den Stuhl viel Gewese gemacht. Immer in dem Bemühen, für die körperlichen Zumutungen des Sitzens ästhetisch zu entschädigen: für die behinderte Atmung, die verfestigten Skelettmuskeln, die versteifte Wirbelsäule, die geschwächten Beinmuskeln – dafür immerhin eine schöne Form anzubieten.

Denn stundenweise, tagelang ordnet sich der Mensch im rechten Winkel in die Büros der Städte. Er verlässt die Haltung erst wieder mit dem Feierabend. Wenn er gut ist, geht er dann vielleicht Squash spielen, zum Ausgleich. Aber das kann an einem nichts ändern: Die Haltung des modernen Wesens verläuft in zwei rechten Winkeln. Und derart geknickt sind Millionen Menschen in allen Städten in die Häuser geschichtet wie in ein Regal. Manche sogar mit eigener Durchwahl.

Das Design hat den Stuhl durchdekliniert, es gibt die häufigen und die seltenen Fälle, vier Beine und drei. Ein besonders seltener Fall, zugleich ein Paradox, ist der Schaukelstuhl, denn er ist eine Mischung zwischen Stuhl und Schaukel, zwischen Statik und Bewegung. Er bietet Entspannung ohne Erschlaffung. Ein Hin und Her, eine abgezirkelte Bewegung, die Unendlichkeit vorschwebt.

Wie war das, als in Fontanes „Effie Briest“ das Mädchen in der Anfangsszene schaukelte und schaukelte, kündigte sich da ihr Verderben nicht schon an? Bedeutet Schaukeln nicht Unsicherheit, Unzuverlässigkeit, den Verlust des Schwerpunkts? Wer schaukelt, muss sich festhalten. Schaukeln sind für Frauen, diese unberechenbaren, ständig gefährdeten Geschöpfe, mit ihren bedrohlichen Überspanntheiten.

Ach, nie weiß man, wie weit das Pendel ausschlägt!

Im Gegensatz dazu der Schaukelstuhl: Bodenhaftung. Aufrechte Lehne. Zwei Stützen für die Arme. Der Schaukelstuhl ist eine gezähmte Schaukel, die Verlässlichkeit in Holz, der beherrschte Überschwang, und damit ein Möbelstück für den zurechnungsfähigen Herrn. Das Möbelstück des Geistes, des Rationalen, tut so, als sei alles möglich, aber es kehrt immer wieder in seine Ausgangslage zurück. Nie verliert der Schaukelstuhl den Bodenkontakt. In ihm vergeht die Zeit und doch hat sie einen Rhythmus. Man kann wohl sagen, der Schaukelstuhl erlaubt noch die gedanklichen Höhenflüge einer Schaukel, ohne jedoch eine Bedrohung für die vernünftigen Zusammenhänge des Alltags darzustellen.

Im Schaukelstuhl ist alles gemäßigt. Soviel Hospitalismus muss sein.

Kurz gesagt: Schaukelstühle sind für Männer. Für Napoleon, Picasso, Mark Twain und amerikanische Präsidenten. Für Theodore Roosevelt und John F. Kennedy. Der Regierungssitz von Kennedy war zeitweise sein Schaukelstuhl. Die vielen Fotos, die es aus dieser Zeit gibt, zeigen nicht, dass die rhythmische Verlagerung seines Schwerpunkts seinem berühmten schlimmen Rücken gut tat. Dafür sieht man umso besser, dass Kennedy nachweislich in der Lage war, auch im Schaukelstuhl die staatsmännische Geste aufrecht zu halten. In der Versteigerung des Nachlasses im Februar zahlte ein Sammler für das Schaukel-Geflecht 96 000 Dollar.

Andere würden sogar ihre Oma hergeben: Billy Wilder soll, wenn er als Kind zu seiner Großmutter ging, eigentlich deren geschwungenen Schaukelstuhl besucht haben. Und als sie dann flüchten mussten, und der Platz knapp wurde auf dem Wagen, der Galizien verließ, da hätte Wilder lieber den Stuhl als die Großmutter mitgenommen.

Rhythmisch bewegt werden zunächst Babys in der Wiege und Alte im Stuhl, denn Schaukeln beruhigt und trainiert den Gleichgewichtssinn. Und so wird der Mensch ins Leben hinein- und wieder hinaus geschaukelt. Weil er aber, sobald er denken kann, die Zusammenhänge von Aufwand und Ertrag durchschaute, mochte er bald die Bewegungskraft des Schaukelns nicht vergeuden.

Ein englischer Erfinder koppelte den Stuhl an die Wiege und beides an einen Arm, der zu einem Butterfass führte. Die Mutter, so das Patent des Tüftlers, sollte mit ihrem eigenen Schaukelschwung sowohl die Wiege als auch das Butterfass bedienen können. Laut Beschreibung des Patents blieben dabei die Hände zum „Nähen und für andere leichte Arbeiten“ frei.

Glücklicherweise sind heute das Wiegen, das Buttern und das Nähen zeitlich und räumlich entzerrt. Mutter-Kind-Synchron-Schwingen offeriert jedoch wieder ein Stuhl des Berliner Designbüros E27. Deren Wiege lässt sich mit einem Lederband an den Schaukelstuhl montieren.

Die ästhetisch Unsicheren können seit etwa 1860 ihre kindliche Begeisterung für das Schaukeln mit dem respektierten Firmennamen Thonet absichern, der einen Klassiker mit gebogenen Hölzern und geflochtenen Flächen geschaffen hat, der heute aber nicht mehr hergestellt wird. Seitdem haben viele Designhäuser zu ihren Stühlen auch eine Kippel-Variante hergestellt: Vitra baut Schaukelstühle, das Modelabel Missoni bezieht seine in knalligen Farben. Es gibt Schaukelstühle, die haben entnervt ihre Rücken- und Armlehnen abgeworfen und sind bloß noch schwankende Klötze. Andere sind in Trendfarben erblüht, ein Design-Büro hat klassischen Stühlen einfach Kufen untergeschraubt.

Der Vollständigkeit halber muss hier noch erwähnt werden, dass es sich bei dem Schaukelstuhl auch um eine formschöne Therapie handelt. 1998 beobachtete der amerikanische Wissenschaftler Watson sechs Wochen lang 25 in einem Schaukelstuhl schaukelnde Demenzkranke zwischen 72 und 95 Jahren. Je mehr sie schaukelten, desto weniger Schmerzmittel brauchten sie, sie fühlten sich weniger ängstlich und depressiv. Sie schafften zwischen ein und zwei Stunden Schaukeln täglich. Ihr Zustand verbesserte sich zusehends. Weil ein Betreuer nur einen Gehenden, aber mehrere Schaukelnde betreuen kann, handelt es sich dabei um ein sehr kostengünstiges körperliches Training.

Was aber macht das Schaukeln mit dem erwachsenen, geistig gesunden Mann? Mit oder ohne hölzerne Veranda? Ganz klar, es kehrt das Kontemplative in ihm hervor, seine philosophischen Fähigkeiten, jenseits der Effizienz des Tagesgeschäfts. Er leitet seine körperliche Unruhe in die Kufen des Stuhls, der Geist ist befreit zum Denken. Es ist möglich, einen Mann in einem Schaukelstuhl zu fotografieren, und er wirkt immer noch im Vollbesitz seiner Kräfte.

Vermutlich sind das nur seine geistigen Kräfte. Aber immerhin. Das Sitzen im Stuhl, schreibt Hajo Eickhoff in seinem Buch „Himmelsthron und Schaukelstuhl. Die Geschichte des Sitzens“, ist ein Gefängnis, ein Korsett für den Menschen. Es dient der Ruhigstellung des Bürgers. Die Menschen werden früh zum Sitzen formatiert und tragen körperliche Schäden davon. Aber es passiert zweierlei: Zugleich „hemmt der Stuhl die Funktionen des Leibs und weitet die Prozesse des Geistes“. Der Mensch beschränkt seinen Körper. Erst beherrscht er sich selbst im Sitzen, dann beherrscht er andere. Und so saßen zunächst nur die Herrscher auf ihrem Thron, dann der Klerus im Gestühl, dann die Bürger ganz Europas.

Im Schaukelstuhl sitzt man noch immer, aber wenigstens kann man sich darin bewegen.

Immerhin, eine Romanfigur hat es geschafft, sich in einem Schaukelstuhl zu überschlagen, einen sicheren Schaukelstuhl also wie eine Schaukel zu gebrauchen. Murphy, der Held in Samuel Becketts erstem Roman, „saß nackt in seinem Schaukelstuhl aus rohem, garantiert unzerbrechlichem Teakholz, das nachts nicht knarrte und gegen Würmer und Witterungsschäden gefeit war“. Er ist mit sieben Schals an den Stuhl gefesselt, „es waren nur äußerst begrenzte Bewegungen möglich. Schweiß brach ihm aus allen Poren und straffte die Gurte. Sein Atem war nicht wahrnehmbar.“

Warum tut er das?

„Er saß so in seinem Stuhl, weil es ihm Spaß machte! Zunächst machte es seinem Körper Spaß, es beruhigte seinen Körper. Dann befreite es ihn auch in seinem Geiste. Denn erst wenn sein Körper beruhigt war, konnte er beginnen, in seinem Geist zu leben.“

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