Zeitung Heute : und Hitler

„Der Vergleich ist die Wurzel allen Übels“, sagt Schopenhauer. Hellmuth Karasek wagt es trotzdem. Napoleon

Hellmuth Karasek

Besonders in Zeiten des Krieges lebt die Deutung und Betrachtung des ständig wechselnden Kriegsgeschehens von Analogien: Wir vergleichen das stets Neue, Überraschende, Erschreckende mit Altem, das unsere historische Erfahrung abgespeichert hat. Es gibt die Niederlagen von Waterloo, die Pyrrhus-Siege, und zu dem bevorstehenden Kampf um Bagdad wird Stalingrad zum Vergleich bemüht. Wird den amerikanischen Truppen ein „zweites Vietnam“ drohen?, lautet ein anderer Vergleich.

Während ich dies schreibe, sind die US-Kavallerie-Divisionen und Marines keine 80 Kilometer von Bagdad entfernt - und obwohl ihr 500 Kilometer weiter Weg an den Feldzug Napoleons I. gegen Russland im Jahre 1912 erinnert, werde ich den Teufel tun, eine Analogie zu bemühen. Sie mag aber anklingen, wenn man Napoleons und Hitlers Russlandfeldzüge vergleicht, was durchaus passend und historisch gerechtfertigt ist.

Schon allein, dass beide Kriege, der Napoleons gegen Zar Alexander und der Hitlers gegen die Sowjetunion Stalins, am 24. Juni begannen, der eine 1812, der andere 1941, wirkt wie ein Omen der sich anbahnenden Katastrophe, in der beide Kriege für ihre Präventiv-Verursacher endeten. Vom „dummen Zufall“ räsonierte Goebbels in seinen Tagebüchern über die Datumsgleichheit. Hitler hatte den Anfang des „Barbarossa“-Unternehmens vor allem wegen Italiens unglücklichem Engagement am Balkan und in Griechenland um Wochen, ja Monate verschieben müssen, zu seinem Unheil wegen des früh einbrechenden Winters - wie sich herausstellen sollte. Der Russland-Krieg sollte ja in vier, fünf Monaten siegreich beendet sein.

Aber auch die Gründe für die beiden präventiven Überfälle sind analog. Sowohl Napoleon wie Hitler wollten nicht „eigentlich“ Russland besiegen, obwohl Hitler in seinem Rassenwahn die Welt der „Slawischen Untermenschen“ als „Lebensraum“ für das deutsche Herrenvolk betrachtete, beide „meinten“ eigentlich England, das sie durch den Sieg in Russland in die Knie zwingen wollten: Napoleon wollte England durch die Kontinentalsperre, die Russland durchbrach, besiegen; Hitler das England, das mit ihm keinen Frieden zur Teilung der Erde wollte, von dem er größenwahnsinnig fabulierte, und das sich, allein schon ein Weltreich, ein Empire, anschickte, mit den USA und ihren schier endlosen Ressourcen zu verbünden.

Beide Kriegsherren, Hitler wie Napoleon, hatten unvergleichliche Eroberungen hinter sich, als sie sich anschickten, nach Russland zu marschieren. Beide taten es mit einem bis dahin unvorstellbaren Aufwand: Napoleon marschierte mit 450 000 Mann der „Grande Armee“ in Russland ein, Hitler mit drei Millionen Soldaten. Beide sollten mit „Mann und Ross und Wagen“, nachdem sie an Moskau und vor Moskau scheiterten, geschlagen werden; beide wurden nicht nur von den russischen Weiten, sondern auch vom russischen Winter besiegt. Beide hatten St. Petersburg, respektive Leningrad auf ihren Vormarsch sozusagen links liegen lassen (wie Engländer und Amerikaner jetzt am Anfang Basra). Für beide endete das Russlandabenteuer in einer Katastrophe. Napoleon wurde von Marschall Kutusow, wie ihn Tolstoi in seinem Roman „Krieg und Frieden“ grandios beschrieben hat, in den Schlachten von Borodino und Smolensk besiegt, aber erst, nachdem er in das verlassene Moskau einrückte, das die Russen auch noch in Brand steckten, so dass der Kaiser mit seinem völlig erschöpften Heer durch einen frühen und schrecklichen Winter den Rückzug antreten musste: Nach den Kämpfen beim Übergang über die Beresina (Napoleons Stalingrad) waren von der „großen Armee“ ganze 15 000 Mann übrig geblieben. Kutusow hatte im Übrigen die Franzosen weniger mit großen Schlachten als mit einer Art Guerilla-Taktik geschwächt und nervös gemacht – vorweggenommene Partisanen- und Guerilla-Kämpfe, wie sie jetzt auch Engländer und Amerikaner zu befürchten haben.

Hitler erreichte die Nähe Moskaus Mitte Oktober; am 15. Oktober gab Stalin die Weisung, Verwaltung und Kriegsindustrie aus der Stadt zu evakuieren. Am 25. Oktober setzten starke Schneefälle ein, als Hitlers Armeen bis zum Ort Istra, 50 Kilometer vor Moskau, vorgestoßen waren. Einige Verbände hatten das Weichbild der sowjetischen Hauptstadt schon vor Augen. Im November fielen die Temperaturen unter zwölf Grad minus. Wachleute, die einschliefen, waren am Morgen erfroren. Es war der Anfang vom Ende, das sich bis 1945 durch Millionen und Abermillionen Tote quälend vollzog. Im Übrigen hat der Russlandfeldzug bei Hitler sämtliche Hemmungen fallen lassen: Massenerschießungen und die Massenmorde der Endlösung begleiteten den grausigen Krieg.

Ein wichtiger, ja essenzieller Unterschied zwischen Napoleon und Hitler aber besteht: Hitler war ein korrupter Menschenschlächter, Napoleon hatte in seinen Kriegen die Fortschritte der neuen bürgerlichen Gesetzlichkeit und Freiheit exportiert: Nach seinen Siegen wurden die Völker freier, und diese neue Freiheit verloren sie auf Dauer auch nicht mehr nach seinen Niederlagen. Als er in Russland einfiel, hatte er sich freilich vom Befreier zum Usurpator verwandelt.

Hier könnte eine neue Analogie, ein neuer Vergleich beginnen, und Blair und Bush werden, wie ich finde zu Recht, nicht müde, eine neue freiheitliche Ordnung als Ziel ihres Krieges und Sieges den Irakern zu versprechen. Aber diesen Vergleich sollte man erst ziehen, wenn die Zeit dazu gekommen ist.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!