Zeitung Heute : Und in Wirklichkeit?

Fernsehen in Deutschland – Vierte und letzte Folge: Sat1

Christoph Amend

Fernsehen in Deutschland – Vierte und letzte Folge: Sat1

Nach einem Tag vor dem Fernseher, nach 18 Stunden Sat1, notiere ich mir drei Fragen: Interessiert sich in Deutschland noch jemand für die Wirklichkeit? Wer sind die Leute, die die Wirklichkeit im Fernsehen neu erfinden? Und warum habe ich laut aufgeatmet, als ich nachmittags im Treppenhaus den Hund meiner Nachbarn hörte?

Der Sat1-Moderator und Produzent Ulrich Meyer, 48, sitzt in seinem Büro in Charlottenburg, hinter ihm das Lietzenseeufer. Eine gute Gegend, ein schönes Gebäude. Erster Eindruck: Der Mann ist kleiner, als man denkt. Er trägt Anzug mit Weste und sagt mit französischem Akzent, er habe eine „Déformation professionelle“: „Ich stehe live im Studio und spüre richtig, wenn die Leute wegschalten.“ Kommt der Reporter eines Beitrags nicht sofort zum Punkt, reagiert Meyers Körper. Wie fühlt sich das an? „Schlecht“, sagt er und fügt hinzu, wie blöd es sei, wenn einem das Wort „Buch“ rausrutscht: „Dann schaltet sofort eine Million Zuschauer weg.“

Ein paar Tage zuvor. Auch der Sat1-Unterhaltungschef Matthias Alberti, 40, sitzt in seinem Büro, in seinem Sender in der Oberwallstraße in Mitte. Erster Eindruck: Der Mann ist ein Riese, 2 Meter 12 groß, und, wie er sagt, „für mein Gewicht 15 Zentimeter zu klein“. Bei seinem früheren Arbeitgeber RTL begegnete er anfangs Rudi Carrell, der an ihm hochsah und prophezeite: „Sie werden ein ganz Großer!“ Alberti sagt, er rauche zu viel und zündet sich die nächste Zigarette an. Er erzählt von seinem Vater, der Konzertveranstalter war und an einem Herzinfarkt gestorben ist. Mit 32. Da ging der kleine Matthias noch zur Schule – und wollte später auch Konzertveranstalter werden. Seine Mutter redete es ihm aus, zu stressig, zu ungesund. Heute arbeitet Matthias Alberti beim Privatfernsehen. Am nächsten Tag fährt er in Urlaub, der erste seit anderthalb Jahren. Wird er mal richtig abschalten? „Na ja“, sagt er, „die Quoten lasse ich mir jeden Tag ins Hotel faxen. Ich bin dann ruhiger."

Echtes Leben! Ein Hund!

Der Hund der Nachbarn. Seit Jahren höre ich seine Tatzen im Treppenhaus, aber an meinem Sat1-Tag freue ich mich zum ersten Mal, dass es ihn gibt. Ich laufe zur Wohnungstür und sehe durch den Türspion, wie er um die Ecke biegt. Echtes Leben! Ein Hund! Ohne Wackelkamera und nicht inszeniert!

Deutschland und seine Wirklichkeit. Morgens im Frühstücksfernsehen bereitet ein Sterne-Koch Kassler zu, dann eine Wiederholung der Serie „Wolffs Revier“, dem Derrick von Sat1. Von elf Uhr an Talk mit Sätzen wie „Ey, sieht die nuttig aus!“ oder „Männer sind einfacher. Wenn sich eine Frau vor sie nackt hinstellt, kriegen sie ’ne Latte, und sie muss sich nur auf draufsetzen“. Das übliche Spiel: Unbekannte Gäste werden mit Etiketten beklebt – die Schlampe, der Macho, das Vielfraß – die sie brav erfüllen.

Wie sehr wollen die Zuschauer von Sat1 das Leben inszeniert haben? Die Frage stellt sich spätestens mit der Talkshow der Moderatorin Britt Reinecke. Ihre Sendung heißt „Britt“, das Thema heute: „Spaß und Party – arbeiten können andere“. Im Mittelpunkt steht der 22-jährige Thomas, er bezieht Sozialhilfe und sagt, er hat keine Lust zu arbeiten. Er macht ein paar blöde Sprüche und freut sich, im Mittelpunkt des Interesses zu stehen. Wenn es stimmt, dass es im Fernsehen nicht darum geht, was man sagt, sondern wie man dabei aussieht, dann haben die Macher von „Britt“ Thomas keine Chance gegeben. Sie haben ihm eine hawaiianische Aloha-Blumenkette umgelegt, das sieht nach Freizeitpark aus, das Etikett „Faulenzer“ klebt an ihm. Da macht es nichts, dass Britt Reinecke den Schmuck versehentlich eine „La-Ola-Kette“ nennt. Das Bild wirkt, das Publikum tobt, und die sicher nicht schlecht verdienende Fernsehmoderatorin setzt noch eins drauf. Am Ende sagt sie zu Thomas, „ich arbeite, arbeite, arbeite. Und ich habe Spaß, Spaß, Spaß.“ Das ist der Anfang: Wirklichkeit, die so lange frisiert wird, bis sie zu den Vorurteilen des Zuschauers passt. Ich hätte mich mit Britt Reinecke gerne darüber unterhalten. Zwei Wochen lang habe ich auf einen Rückruf von ihr gewartet und wurde immer wieder vertröstet: Morgen, ja, morgen wisse man mehr. Am Ende hieß es: Leider klappt es nicht. Britt Reinecke muss sehr beschäftigt sein.

Es ist jetzt kurz vor zwei. Die nächste Sendung heißt „Zwei bei Kallwass“, die Psychologin Angelika Kallwass bespricht vor einer Art Gerichtssaal-Kulisse mit Patienten deren Alltagsprobleme. Heute: Ein Mann glaubt, seine Freundin betrügt ihn. Beide streiten, plötzlich taucht ein Video auf, das die Frau nackt mit einem anderen zeigt. Die Frau gesteht, dass sie eine Prostituierte ist. Ganz schön heftig, denke ich, was die Menschen heutzutage im Fernsehen alles beichten. Zwischen Britts Sozialhilfeempfänger Thomas und der Prostituierten bei Kallwass ist kein Unterschied zu erkennen. Beide verhaspeln sich, grinsen, wenn sie merken, sie sind im Bild. Erst bei der weiteren Recherche stelle ich fest, dass um zwei Uhr nachmittags bei Sat1 etwas Faszinierendes passiert: Denn die Fälle, die Frau Kallwass behandelt, sind frei erfunden und werden von Laiendarstellern gespielt. Frau Kallwass selbst ist keine Schauspielerin, sondern wirklich Psychologin – das macht ihre Sendung nur noch authentischer. Sat1 wechselt um 14 Uhr die Seiten: Von nun an wird die Wirklichkeit nicht mehr frisiert wie bei Britt. Es werden Geschichten erfunden, die so tun, als seien sie authentisch.

Das Spiel setzt sich fort, es folgen Gerichtsshows mit echten Richtern und echten Anwälten, fiktiven Fällen und Laiendarstellern, und am späten Nachmittag Krimiserien nach demselben Muster: Man tut so, als dokumentiere man echte Fälle. Die Serien heißen „Niedrig und Kuhnt“, „K 11“ und „Lenßen und Partner“, sie erzählen von Mord und Totschlag, Sex und Crime. Natürlich sind Niedrig und Kuhnt im wahren Leben echte Polizisten. Wackelkamera, Infrarot-Bilder, oft ist ein unscharfer Gegenstand, ein Ast oder ein Stück Mauer, im Bild, damit der Zuschauer denkt, er sehe gerade etwas Verbotenes – das perfekte Schlüsselloch. Dazu aus dem Off ein Nachrichtensprecher-Imitator. Es ist der Kick mit der Wirklichkeit – nur dass sie von vorne bis hinten erfunden ist.

Warum sich Sat1 weitgehend von der Wirklichkeit verabschiedet hat? Sie kommt beim Sat1-Zuschauer nur noch an, wenn sie erfunden wird. Die Serien sind ein Quoten-Phänomen, erreichen regelmäßig 20 Prozent Marktanteile und liegen weit über dem Senderschnitt. Zum ersten Mal setzt Sat1 einen Trend im Privatfernsehen. Gerade gab RTL bekannt, dass man nachziehen will.

Um kurz vor halb sechs frage ich mich: Ist das verwerflich? Nein, denke ich, es ist billige Unterhaltung, Trash, den man sich ja nicht ansehen muss, wenn man nicht will. Der Kick ist billig, aber er kickt, zumindest für den Augenblick. Man will schon wissen, wie ein Fall bei Anwalt Ingo Lenßen ausgeht. So denke ich, bevor um 17 Uhr 30 das Regionalmagazin beginnt.

Niedrig und Kuhnt, Ede und Paul

Die großen Privatsender sind verpflichtet, täglich aus den Bundesländern zu berichten. Das freut die Sender nicht, denn Quoten sind damit nicht zu holen. Ich stelle mich auf eine etwas dröge halbe Stunde ein. Es kommt anders. Ein Sat1-Team begleitet zwei Polizeibeamte beim Einsatz in der Stuttgarter Einkaufszone, auf der Suche nach Fußball-Hooligans. Die Reporter inszenieren die beiden Polizisten nach dem Muster der Unterhaltungsserie „Niedrig und Kuhnt“: Wackelkamera, verhaspelte Dialoge, unscharfe Bilder.

In einem anderen Beitrag werden zwei so genannte Müllsheriffs auf St. Pauli gezeigt: „Ede und Paul“. Als Zuschauer ist man nun völlig verwirrt: Niedrig und Kuhnt, Ede und Paul, was ist echt, was erfunden?

Das ist der Moment, in dem der Hund meiner Nachbarn durchs Treppenhaus flitzt.

Es ist leicht, sich in einem Zeitungsartikel über das ach so primitive Privatfernsehen lustig zu machen, über den Quatsch, der dort täglich versendet wird, über all die Daily-Talkshows und Reality-Formate, die angeblich niemand sieht – und die erstaunlich hohe Einschaltquoten haben. Wir Zeitungsjournalisten haben in den letzten Jahren ungefähr 987 mal das Abendland untergehen sehen, wenn vom Fernsehen wieder ein Tabu gebrochen wurde. Bei Redaktionsschluss dieses Textes stand es noch.

Was aber passiert, wenn die Unterhaltung so tut, als liefere sie Journalismus, so wie es die Serien von Sat1 vorgeben? In einer Studie des renommierten Rheingold-Instituts wurde vor kurzem festgestellt, dass Jugendliche heute Serien wie „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ als eine Art „Tagesschau“ einstufen, als Nachrichten-Sendungen, die ihnen erklären, wie das Leben funktioniert. Bei den Serien, mit denen Sat1 derzeit hohe Quoten macht, wird die Verwirrung perfektioniert: Man kann nicht mehr unterscheiden, was wahr ist und was nicht, wenn in journalistischen Sendungen die Erzählmuster der Unterhaltungssendungen übernommen werden. Das geht nicht nur dem Zuschauer so. Der Anwalt Ingo Lenßen betreibt noch immer eine Kanzlei am Bodensee, und auch er kommt durcheinander. „Manchmal“, hat er der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ gesagt, „weiß ich nicht mehr genau, wen ich wirklich verteidigt habe und bei wem es nur eine Spielhandlung war.“

Matthias Alberti ist der Chef dieser Programme. Er ist der Entertainer in der Führungsriege von Sat1. Vor anderthalb Jahren kam er von RTL, wo er verantwortlich war für die Abteilung Show, für „Wer wird Millionär“ und „Deutschland sucht den Superstar“. Bevor er zu Sat1 kam, war der Sender für gemütliche Serien bekannt und aufwändige TV-Filme, aber die Marktanteile waren am Ende oft enttäuschend. Sat1 war der ewige Loser des Privatfernsehens: RTL war größer, Pro Sieben jünger. Jetzt geht es aufwärts, denn Alberti weiß, was seine Zuschauer wollen. Hugo Egon Balders wirklich lustige Rateshow „Genial daneben“, die Castingshow „Star Search“ und Serien wie „Lenßen und Partner“ laufen prächtig. Vergangene Woche wurde Alberti befördert. Er ist jetzt ein Stellvertreter des Sat1-Chefs Roger Schawinski.

Graue Haare und graue Brille, hohe Stirn und schwarzes T-Shirt, so sitzt Matthias Alberti am Besuchertisch seines Büros. Er sagt, er habe einen „Gänsehaut-Indikator“: Wenn er eine Probesendung sieht, und ihm ein Schauer über den Rücken läuft, „weiß ich, das funktioniert.“ Er hat einen Flop hinter sich bei Sat1, die „Show des Monats“ mit Kai Pflaume. „Ich war krank am Tag der Sendung“, sagt Alberti, „und habe es mir zu Hause angesehen. Ich wusste währenddessen: Das wird nichts“. Warum betonen die Fernsehmenschen, ob Ulrich Meyer oder Matthias Alberti, so oft, dass sie den Zuschauer geradezu spüren, dass sie innerlich fühlen, wann er wegschaltet, dass ihnen ihre Gänsehaut Quotensignale schickt? Vielleicht, weil sie das kompetent erscheinen lässt in einer nervösen Branche, die Erfolg jeden Morgen neu in Marktanteilen abrechnet. Weil man dem, dessen Körper angeblich ein Quotenmessgerät ist, vertrauen kann.

Matthias Alberti, der Unterhalter, muss Quoten bringen, möglichst hoch und regelmäßig, damit die Werbekunden sich darauf einstellen können. Einmal im Jahr ein „Wunder von Lengede“ mag toll fürs Image sein, lautet in etwa seine Formel, aber mit einem täglichen „Lenßen und Partner“ lässt sich mehr Geld verdienen.

Ulrich Meyer, der Journalist, ist eines der Gesichter von Sat1. Anfang der 90er Jahre moderierte er die Krawallshow „Einspruch“, seit 1995 präsentiert er jede Woche sein Boulevardmagazin „Akte“. „Seriösitätsdarsteller“ hat man ihn genannt, weil er immer so ernst in die Kamera sieht und Anzug und Krawatte trägt. Sie haben ihn als „Handkanten-Meyer“ verlacht, weil er in „Einspruch“ mit einem Handkantenschlag seine Moderationen begann. Bekannt wurde er, als er bei RTL den „Heißen Stuhl“ moderierte, dort Alfred Biolek outen und Erich Böhme seinen Satz sagen ließ „Ich will nicht wiedervereinigt werden“. Ulrich Meyer ist Boulevard durch und durch, seine Reporter berichten über „Terror-Teenies“ und das „Leben mit dem Mini-Penis“. In einer „Einspruch“-Sendung konfrontierte er einen Mann mit dessen Stricher. Er entdeckte Kokainspuren auf den Toiletten des Reichstags. Ulrich Meyer war wirklich schon ganz unten. Früher, bei RTL, bestand sein Ehrgeiz darin, endlich über eine Million Zuschauer zu kommen. Eines Tages schlug er ein Thema vor, von dem er glaubte, die Grenze überspringen zu können: „Hundescheiße in Fulda“. Die Sendung hatte eine Quote von 1 Million und 14 000 Zuschauern. Die Grenze war übertreten.

Ich frage Ulrich Meyer, ob er das Tagesprogramm seines Senders kennt, und er antwortet, dass er selten mehr als eine Stunde am Tag fernsehe. „Ich will Ihnen erklären“, sagt er, „wie wir arbeiten. Ich bekomme beinahe täglich neue Sendungen aus aller Welt geschickt – in Papierform.“ In Papierform? Ja, sagt Meyer, er brauche sich das nicht anschauen, er wisse ja, wie Fernsehen funktioniert: „Das ist wie Kopfschach“. Der Mann liest Fernsehen. Er muss es nicht sehen.

Andererseits ist Ulrich Meyer mit seiner „Akte“ seit fast zehn Jahren auf Sendung, eine lange Zeit im hektischen Privatfernsehen, die Quote immer über dem Durchschnittswert des Senders. Und es ist nicht alles Hundescheiße, was er in Gold verwandelt. Vergangene Woche berichtet die „Akte“ über fehlende Rückspiegel bei deutschen LKWs, die immer wieder Todesopfer fordern. Vor zwei Wochen wird eine allein erziehende Mutter porträtiert, der ein gerade vermittelter Job in einem Kindergarten vom Arbeitsamt wieder entzogen werden soll, weil sie zu einer Computer-Schulung muss. Das ist guter, alter Boulevard-Journalismus auf der Seite der kleinen Leute.

Man kann sich mit Ulrich Meyer prima unterhalten, er hat Witz und Selbstironie, von Handkante keine Spur. Er erzählt, dass ihm Friedrich Nowottny, einer der Großen des politischen TV-Journalismus, gesagt hat: „Junger Mann, Sie haben am Anfang Ihrer Karriere alles falsch gemacht.“ Die „Tagesthemen“ wird er in diesem Leben nicht mehr moderieren. „Ich bleibe der Handkanten-Meyer, ganz klar.“

Während ich mich mit Ulrich Meyer über sein Verhältnis zu Sat1 unterhalte, fällt mir ein, wie es war, als wir Ende der 80er Jahre Kabelfernsehen bekamen. Ich war ein Teenager kurz vor der Pubertät und habe nie ferngesehen. Fernsehen war alt und langweilig, bis auf Thomas Gottschalk und Magnum. Dann entdeckte ich MTV, Tele 5 und RTL plus, und merkte, dass Fernsehen gar nicht öde sein muss. Seit 20 Jahren gibt es die Sender Sat1 und RTL, und wer sich heute ihr Programm ansieht, kann sich kaum vorstellen, wie spannend es noch vor 15 Jahren war. Da unterhielt sich der Nachrichtenmoderator mit seiner Co-Moderatorin über seine Krawatte, ein gewisser Salvatore verdiente sein Geld, indem er Zuschauer mit Hütchenspielen unterhielt, und Uli Potofski sprach stundenlang in die Kamera, wenn es in Wimbledon regnete. Ein paar Jahre später hätte er dafür den Grimme-Preis bekommen. Auf dem „Heißen Stuhl“ wurde über Hundekot in Fulda, aber auch über die Wiedervereinigung gestritten. Von heute aus gesehen, mag man das als Anfang vom Ende jeglicher Qualität betrachten. Damals war es eine Rebellion gegen die Langeweile der Öffentlich-Rechtlichen. Einer der Rebellen, die ihre Grenzen ausloten wollten (auch die nach unten natürlich) war Ulrich Meyer, der 1985 bei RTL plus anfing. Der „Spiegel“, der sich später hämisch über Meyer äußerte, nannte ihn 1991 in einem Atemzug mit Roger Willemsen und Friedrich Küppersbusch: „Flotte Sprüche, freche Fragen – eine neue Generation von Fernsehjournalisten sorgt für einen neuen Ton.“ Was ist davon geblieben? „Akte“ ist solider Boulevard mit viel Trash und Unterhaltung. Ulrich Meyer würde gerne wieder ein Talkshow machen, er glaubt, dass man auch heute Politik so spannend machen kann, dass junge Zuschauer nicht wegschalten. Er bastelt noch am Konzept.

Dann reden wir über die Verwischung von Journalismus und Unterhaltung, und der Spieler Ulrich Meyer wird ganz ernst. „Vor kurzem“, sagt er, „wurde ich von einem jungen Kerl gefragt: Willy Brandt, der war mal Bundespräsident, oder?“ Dann schüttelt er den Kopf. Meyer als Moralist? Wie bitte? Wir reden über „Lenßen und Partner“, und er sagt: „Der Journalismus kann da nicht mithalten, wissen Sie. Im Journalismus müssen wir Regeln beachten, Persönlichkeitsrecht, das Recht auf das eigene Bild…“ Ausgerechnet Sie, Herr Meyer? „Klar, sonst müssen wir zahlen, und dann wird’s teuer. Wir müssen unsere Beiträge kastrieren, Gesichter ausblenden, Stimme verzerren. Die Jungs von der Unterhaltung nicht, die senden einfach.“

Es ist die alte Geschichte von den Geistern, die das Fernsehen selbst gerufen hat. Am Anfang wurde die Wirklichkeit aufgepeppt, bis es nicht weiter ging. Dann wurde die Fiktion so realistisch wie der durchinszenierte Journalismus. Und jetzt? „Die Unterhaltung wird immer schneller, die werden uns irgendwann abhängen“, sagt Meyer und kommt auf den Mann zu sprechen, der alles vorweg genommen hat: Drehbuchautor Wolfgang Menge, der in den 70ern mit Filmen wie „Smog“ und dem „Millionenspiel“ Schlagzeilen machte. Ein kluger Mann sei das, sagt Meyer. „Warten wir ab, vielleicht kommt irgendwann eine spannende Unterhaltungs-Serie über die Rentenreform, bis einer mal sagt, Moment mal, so war das gar nicht.“

Matthias Alberti erzählt zum Abschied, dass er sich auf den Urlaub freue. Ulrich Meyer hofft, dass er seinen Sender von einer Talkshow überzeugen kann. Aber er sagt auch, dass Privatfernsehen heute wie Coca-Cola sei. Der Konsument ist irritiert, wenn es einmal nicht hundertprozentig nach Coca-Cola schmeckt. Man müsse mit der Zeit gehen.

Auf Ulrich Meyers Schreibtisch steht ein altes Telefon aus den 30er Jahren mit Wählscheibe und Schnur. Ein Geschenk. Er ist stolz darauf, „sehen Sie mal, wie schön das ist“. Aber er hat den Stecker rausgezogen. Es ist ihm zu umständlich gewesen.

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