Zeitung Heute : Und kein Ende

Elke Windisch[Moskau]

Der gemäßigte tschetschenische Ex-Präsident Maschadow ist tot. Welche Folgen könnte das haben?

Wladimir Putin ist im Glücksrausch, Beobachter warnen vor dem Katzenjammer danach. Tatsächlich hat Moskau wenig Grund zum Jubel über den Tod des tschetschenischen Ex-Präsidenten Aslan Maschadow. Mit dem Präzisionsschlag beförderte Russlands Geheimdienst Maschadow zum Märtyrer. Fest gebucht für das virtuelle Pantheon, das die kollektive Erinnerung der Nordkaukasier den legendären Führern ihrer Unabhängigkeitskriege im 18. und 19. Jahrhundert errichtete. Helden, die stets vor allem die heranwachsende Generation faszinierten. Wann immer die Zaren die Führer der Bergvölker erschlugen, griff die nächste Generation zu den Waffen, um deren Tod zu rächen.

Die Faszination von Märtyrern vermittelt sich im Medienzeitalter noch schneller, ist noch größer. Und das Gefahrenpotenzial neuer Aufstände auch aus anderen Gründen ungleich explosiver: Nach dem nordkaukasischen Ehrenkodex sind Maschadows Kämpfer verpflichtet, dessen Tod mit alttestamentarischer Gründlichkeit zu rächen. Auge um Auge, Zahn um Zahn. Damit aber laufen nicht nur Moskaus Soldaten Gefahr, erneut in schwere Kämpfe verwickelt zu werden. Maschadows Chefunterhändler Ahmed Zakajew behauptet, nicht die Russen hätten Maschadow erledigt, sondern deren tschetschenische Hilfstruppen. Nämlich die Privatarmee von Vizepremier Ramsan Kadyrow, dem Sohn des im Mai bei einem Sprengstoffanschlag umgekommenen Tschetschenen-Präsidenten von Moskaus Gnaden, Ahmed Kadyrow. Die wird von der tschetschenischen Bevölkerung inzwischen mehr gefürchtet als die Russen, sie ist gegenüber der Regierung von Kadyrows Nachfolger Alu Alchanow nur bedingt loyal – und inzwischen sogar dem Kreml unheimlich.

Maschadows Tod könnte daher in Tschetschenien einen Krieg aller drei Parteien lostreten, der zum Flächenbrand in der gesamten Region wird. Zumal in der Nachbarrepublik Dagestan, einem multiethnischen Flickenteppich, der zunehmend außer Kontrolle gerät, ein Funke dazu reicht. Radikale Islamisten, die eng mit den tschetschenischen Separatisten kooperieren, arbeiten gegenwärtig so genannte „Abschusslisten“ ab – mit Adressen, Telefonnummern und Angaben zu Dienstreisen einfacher Beamter. Lieferant sind hohe Beamte des dagestanischen Innenministeriums, die sich im Gegenzug von den „Gotteskriegern“ Sicherheitsgarantien für sich und ihre Familien geben lassen.

Vor allem aber: Mit Maschadows Tod brechen die einheitlichen Befehlsstrukturen der tschetschenischen Separatisten weg. Deren Existenz, von Moskau stets geleugnet, um Verhandlungen abzublocken, bewies erst kürzlich ein von Maschadow verkündeter Waffenstillstand, an den sich sogar die Radikalen hielten, die längst mit ihm gebrochen hatten. Der Frontverlauf des Krieges wird nun noch unübersichtlicher.

Und bei Verhandlungen, längerfristig unumgänglich, muss Moskau dann womöglich mit jedem Feldkommandeur Maschadows einen Separatfrieden schließen. Ohne Gewähr und zu schlechteren Konditionen. Maschadow kämpfte, wenn auch mit mäßigem Erfolg, für einen laizistischen Staat und eine Konföderation mit Russland, seine radikalen Gegenspieler indes – der Terrorist Schamil Bassajew oder Chefideologe Mowladi Udugow für einen unabhängigen islamischen Staat zwischen Kaspischem und Schwarzem Meer.

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