Zeitung Heute : Und nicht vergessen

Weltweit steigt die Zahl der Aids-infizierten Menschen dramatisch an. In Deutschland sind die Experten noch gelassen, aber auch sie warnen. Safer Sex ist out, die Wirkung des vor 15 Jahren ausgelösten Schocks lässt nach. Und vor allem Kinder und Jugendliche sind kaum noch informiert.

Adelheid Müller-Lissner

An den Spendendosen gehen die meisten vorbei. Die rote Schleife am Revers ist klein. Der Konfrontation mit Aids kann jeder, der nicht betroffen ist, leicht aus dem Weg gehen. Der heutige Welt-Aids-Tag, der seit 1988 am 1. Dezember begangen wird, mag vielleicht nichts daran ändern, dass das Thema auch in Deutschland in Vergessenheit zu geraten droht. Ein berechtigtes Ritual im besten Sinne ist der Tag allemal, auch wenn der Tag, der diesmal mit dem 1. Advent zusammenfällt, schon fest zum gewohnten Jahresablauf gehört.

Die dramatischen Zahlen, die traditionell in diesen Tagen präsentiert werden, beziehen sich nicht auf Europa, nicht auf Deutschland, sondern auf Afrika, Asien, Lateinamerika, Osteuropa: In Afrika sind knapp 30 Millionen Menschen an HIV infiziert, 80 Prozent aller Todesopfer, die die Immunschwächekrankheit weltweit forderte, starben auf diesem Kontinent. Und 90 Prozent der Aids- Waisen leben dort. Noch dazu sind die Mehrzahl der Neuinfizierten weltweit Jugendliche und junge Erwachsene.

Die Zahlen aus Deutschland wirken da wenig spektakulär: 30 bis 40 Jugendliche unter 18 werden jährlich mit der Diagnose „positiv“ konfrontiert. Experten werten die kleine Zahl zwar einerseits als den großen Erfolg der Aufklärungskampagnen der vergangenen 20 Jahre. Andererseits warnen die Experten, wie Osamah Hamouda, Leiter des Bereichs HIV/Aids am Berliner Robert-Koch-Institut, dass dieser Erfolg nicht von Dauer sein könnte: „Damals hatten alle Angst und waren begierig nach neuen Informationen“, sagt er. Heute sei es längst üblich, über das Thema HIV offen zu reden – allerdings bei abnehmender Aufmerksamkeit. HIV kommt den Jugendlichen nicht mehr wie eine tödliche Bedrohung vor. Im Rückblick, sagt Hamouda, „war die Präventionspolitik so erfolgreich, weil man hier sehr früh und sehr breit gestreut ganz spezielle, konkrete Botschaften gegeben hat“, resümiert der Mediziner. Heute ist das schwieriger.

Infizierte Zuwanderer

Mit Medikamentenkombinationen werden die heimtückischen Retroviren schließlich oft jahrzehntelang im Körper in Schach gehalten, so dass die Zahl der Aids-Neuerkrankungen in Deutschland auf etwa 700 im Jahr sank. Eigentlich findet Hamouda das etwas sorglosere Heranwachsen der Jugendlichen nach der Jahrtausendwende „nicht nur schlecht“. „Aids ist für sie heute weiter entfernt – und das entspricht ja einerseits auch der Realität.“

Doch andererseits tragen Reisende, die sich beim Sex in Hochprävalenzländern anstecken und infizierte Zuwanderer aus Westafrika, Russland oder der Ukraine das Virus zunehmend in bisher behütete Hetero- Kreise. HIV ist längst nicht mehr allein ein Problem von homosexuellen Männern und Drogenkonsumenten. Nur wissen das viele nicht, schon gar nicht Jugendliche. Immerhin 20 Prozent aller Neuinfektionen in Deutschland ereignen sich beim Geschlechtsverkehr zwischen Mann und Frau. „Die Ansteckung geht in diesen Fällen von Drogennutzern, von bisexuellen Partnern, sehr häufig aber auch von Partnern aus, die aus Ländern mit hohen Infektionsraten nach Deutschland gekommen sind“, sagt Hamouda. Nach homosexuellen Männern, zu denen nach wie vor die Hälfte der Neuinfizierten gehört, bilden Heterosexuelle aus so genannten Hochprävalenzländern inzwischen schon die zweitgrößte Gruppe der Neuinfizierten. In Bernhard Bienieks HIV- Schwerpunktpraxis in Berlin-Friedrichshain kamen in letzter Zeit immer wieder Patienten, meist aber Patientinnen aus osteuropäischen Ländern, die oft schon Krankheitssymptome hatten. Sie haben sich als Drogenkonsumenten, aber auch im Krankenhaus an benutzten Nadeln infiziert, oder sie waren mit einem HIV-positiven Partner zusammen. „Meist fehlte ihnen jede Aufklärung über HIV und Aids“, berichtet der Mediziner. Und damit auch das Bewusstsein für die Gefahr, die sie für andere darstellen.

Die Geldgeber murren

Ein Abbröckeln der Prävention besonders bei Jugendlichen würde unter diesen Umständen die Ansteckungswahrscheinlichkeit schnell erhöhen, da ist Hamouda sicher. Der HIV-Experte fühlt sich inzwischen wie jemand, der Beobachtungstürme zur rechtzeitigen Erkennung einer Waldbrandgefahr errichtet. Nach einiger Zeit murren die Geldgeber: Einen so großen Brand habe es bisher doch noch gar nicht gegeben. „Aber das ist ja gerade unser Erfolg.“

Er besteht in – bisher – stabilen Neuinfektions-Zahlen: Ungefähr 2000 Menschen werden hier zu lande jährlich mit dem HIV-Test-Ergebnis „positiv“ konfrontiert. Das aktuelle Epidemiologische Bulletin, das das Robert-Koch-Institut jetzt herausgab, berichtet indes über einen leichten Anstieg der gemeldeten HIV-Erstdiagnosen bei Homosexuellen. Das gab es seit 1998 nicht mehr. Erstmals stieg zudem auch der Anteil der 20- bis 24-Jährigen leicht an.

HIV-Spezialist Bieniek meint: „Risikoverhaltensweisen wie ungeschützter Geschlechtsverkehr werden wieder üblicher. Die Wirkung des Schocks, der vor 15 Jahren in Schwulenkreisen durch Aids ausgelöst wurde, lässt nach.“ Seit Ende der 90er Jahre haben in dieser Gruppe klassische „Geschlechtskrankheiten“ wie Syphilis und Gonorrhö (Tripper) nachweislich zugenommen. Ein Indiz dafür, dass „Safer Sex“ nicht mehr so ernst genommen wird, dass also in der Folge auch die HIV-Raten zwangsläufig wieder ansteigen werden?

Ganz so einfach ist es dann auch wieder nicht, wie Hamouda erläutert. Denn erstens habe sich „in den Großstädten inzwischen eine Szene entwickelt, in der ungeschützte Kontakte zwischen HIV-Positiven üblich werden“. Dabei können andere sexuell übertragbare Krankheitserreger weitergegeben werden, ohne dass das HIV-Risiko tangiert ist. Zweitens aber ist etwa die Syphilis wesentlich ansteckender als HIV und wird auch bei oralen Sex-Praktiken übertragen. Die Experten leiten daraus die Forderung ab, „Safer Sex“ nicht auf den Schutz vor HIV per Kondom zu beschränken.

Weiteres unter:

www.rki.de , www.unaids.org

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