Zeitung Heute : und Rasterfahndung

„Der Vergleich ist die Wurzel allen Übels“, sagt Schopenhauer. Hellmuth Karasek wagt es trotzdem. Tischfußball

Hellmuth Karasek

Von Hellmuth Karasek

Damals, Ende der 40er Jahre, also kurz nach der Währungsreform, die, mit Leichtmetallgeld und winzigen Geldscheinen, die wie Spielgeld aussahen, auch in der sowjetischen Besatzungszone und DDR stattgefunden hatte, gab es so gut wie nichts zu kaufen. Erst recht kein Spielzeug, aber das machte mir und meinem viereinhalb Jahre jüngeren Bruder nichts aus, denn wir spielten Tischfußball.

Dazu hatten wir ein Reißbrett, spiegelglatt, Messing-Groschen aus der Reichsmarkzeit, sowie einen alten Kupferpfennig, beide Münzsorten gehörten dem so wertvollen „Buntmetall“, an, für dessen Hortung und Schwarzhandel man ins Gefängnis kommen konnte. Allerdings nicht für ein paar alte Groschen!

Aus je drei Zehnern formten wir eine Fußballmannschaft, wir, mein Bruder und ich, hatten mehrere „Vereine“ mit Torwart, Stopper (wie der Libero damals noch hieß) und Stürmer. Jeder hatte ein Stückchen Kamm, mit dem er den Groschen gegen den Pfennig, den „Ball“, schlug, der ins Tor musste. Eben Fußball, obwohl die Groschen ja weder Hand noch Fuß hatten, und das Spiel am ehesten an Billard erinnerte. Egal, für uns war Fußball ohnehin die Hauptsache, und wir lasen auch die „Fuwo“, die „Fußballwoche“ aus Dresden, die einzig westfreundliche Zeitung von „Zone“ und Deutscher Demokratischer Republik, weil sie voller Bewunderung von den westdeutschen Oberligen berichtete.

Da wir nicht genug alte Messing-Münzen hatten, mussten wir auch das neue Leichtgeld nehmen, das – typisch DDR! – schlechter Fußball spielte, weil es leichter war und so weniger Stoßkraft weitergab, logisch. Mein Bruder und ich lackierten aber unsere Münzen auf der Oberfläche, und ich, als der Ältere, hatte (der Schwächere gibt nach!) eine Mannschaft, ganz aus schweren Messingkerlen, die gewannen fast immer und waren oben lila, und ich nannte sie „Kickers Offenbach“, und ihren Stürmer nannte ich „Willibald“ (ob Vor- oder Nachname weiß ich nicht, er hieß nur Willibald), und er war Torschützenkönig.

Mein „kleiner“ Bruder Horst und ich, wir spielten eifrig, und wir führten Listen und Tabellen und hielten jedes einzelne Spiel und Rückspiel für die Nachwelt in Tabellen und Heften fest: Offenbach – HSV 3:3, Torschützen Willibald (2 Mal), Hansen, für den HSV: Ottokar und Hannibal und… und hab ich vergessen.

Das spielten wir jahrelang, und das machte uns Riesenspaß. Und dann „machte“ ich nach dem Westen 1952, mein Bruder 1954, und später ging Horst nach Frankfurt, wo er Bücher über den Bauernkrieg, über den Reichstagsbrand, über die Wiedertäufer von Münster, den französischen Königsmörder François Ravaillac schrieb. Und über seine Dialyse („Blutwäsche“). Außerdem war er mit Daniel Cohn-Bendit und Joschka Fischer bekannt, später „Dorfschreiber des Wald-Hüttendorfs“ der Frankfurter Besetzer der Startbahn West und lebte mit der Kollegin Helga Novak zusammen. Die wiederum war eine Freundin von Gudrun Enßlin, und so fand Gudrun wohl für ein paar Nächte Unterschlupf bei Horst Karasek und Helga Novak. Und prompt gerieten die beiden ins Fadenkreuz der Rasterfahndung, sie wurden verhaftet, verhört, ihre Wohnung wurde akribisch durchsucht, gefilzt.

Mein Bruder hatte aber aus sentimentaler Erinnerung unser Fußballspielzeug aus den Jahren 1948/49 bei der DDR-Flucht mitgenommen, die lackierten Groschen in einer Zigarettenschachtel und die Hefte über HSV-Offenbach 3:3 im Januar 1949. Oder über Nürnberg. Und über Willibald und dass der immer auf der Liste der Torschützenkönige ganz oben stand. Heftelang.

Die BKA-Fahnder also fanden die Fußball-Aufzeichnungen, konfiszierten sie – und stutzten. Sie verglichen nämlich – so vergleicht man Äpfel mit Birnen - die Aufzeichnungen von den Tischfußballspielen mit den „echten“, den „richtigen“ Fußballspielen in der süddeutschen, der westdeutschen, der norddeutschen Oberliga zur gleichen Zeit und: Sie passten nicht zusammen. Also musste es sich um was anderes als um Fußball handeln – um terroristisches Untergrundmaterial, mit einem Fußballcode verschlüsselt: „Willibald“, war das ein Deckname? „3:3“, war das ein Treffpunkt, ein Datum? FC Nürnberg, war das ein toter Briefkasten, ein Agententreff. Sie haben meinen Bruder gründlich dazu verhört.

Später haben mein Bruder und ich sehr darüber gelacht, aber wirklich erst später. Das kommt davon, wenn man Äpfel mit Birnen vergleicht. Oder Äpfel für Birnen hält.

Vor ein paar Tagen las ich, dass der britische Geheimdienst US-Außenminister Powell für seine „Beweis“-Rede vor dem Weltsicherheitsrat mit falschem Material gefüttert habe. Mit der Seminar-Arbeit eines Studenten, die über zehn Jahre alt war. Hätte da nicht Powell gleich aus der Kladde meines Bruders zitieren können: Willibald, Offenbach 3:3, Al-Kaida? Oder vergleiche ich da Äpfel mit Birnen?

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