Zeitung Heute : und Safer Sex

„Der Vergleich ist die Wurzel allen Übels“, sagt Schopenhauer. Hellmuth Karasek wagt es trotzdem. Freie Liebe

Hellmuth Karasek

Komisch“, sagte mir der fast neunzigjährige Billy Wilder, „komisch, wenn man mich während meiner Schulzeit in Wien erwischt hätte, dass ich ein Präservativ in der Tasche gehabt hätte, dann wäre ich unter Garantie von der Schule geflogen, damals am Realgymnasium in Wien in den zwanziger Jahren. Heute werden die Schüler belobigt.“

Es war während der Zeit, als zum ersten Mal an den Schulen die große Aufklärungskampagne gegen Aids lief und die Schüler beschworen wurden, doch bitte um Himmels willen ein Kondom zu benutzen, die Aufklärungszeit für „Safer Sex“: Sie tun’s ja doch, also sollen sie es lieber mit dem Verhüterli tun. Und das war die Zeit, wo es hübsch bunt und poppig als fröhlicher runder Kreis auf Plakate gemalt wurde, mit flotten Sprüchen, die alle besagten: ihr sollt schon euren Spaß haben, das ja, aber aufpassen sollt ihr dabei. Gib Aids keine Chance! So hat jede Jugend, jedes Jungsein neue Probleme bei der Last seiner Freuden. Und, als mir Wilder das erzählte, eine Generation älter als ich, und ich erlebte, wie meine Kinder, eine Generation jünger als ich, in der Schule über den Segen der Kondome aufgeklärt wurden.

Schrecklich, die Armen, dachte ich. Und an die unbeschwerte Zeit der 68er dachte ich, die für den Frieden vögelten („Make love, not war!“) und für eine bessere Gesellschaft und den Slogan hatten: „Wer zwei Mal mit der Gleichen pennt, gehört schon zum Establishment“. Kommune I und Langhans, na, man weiß das ja aus Nostalgie-Dokumentationen, wie sie zurzeit im Fernsehen laufen. Und Friedensdemonstrationen gibt es auch wieder, aus gegebenem Anlass wie damals gegen Vietnam. Aber „Fuck for Peace“ ist dabei nicht der Slogan – soweit ich das überblicken kann. Und wie sollte man auch auf eine solche Idee kommen, wo doch Bundestagspräsident Thierse mitmarschiert und Pastor Schorlemmer. Thierse und Schorlemmer, nein, da kommt man schon nicht auf dumme Gedanken!

Generationen unterscheiden sich, auch wenn man sie vergleichen kann. Und dazu fällt mir immer Karl Valentin ein, der spindeldürre Münchener Komiker mit den linksgedrehten Gedanken, der einmal zu einem Jungen (gespielt von seiner kongenialen Partnerin Liesl Karlstadt) in einem Sketch sagte: „Schämen Sie sich, dass Sie so jung sind! Ich war auch mal jung, vielleicht sogar jünger als Sie!“

Das stimmt, und ich war auch mal jung, jünger als die Polizei erlaubt. Das war in den Nachkriegsjahren nach 1945, und da herrschte das Chaos der anarchischen Nachkriegsjahre, und man hatte noch nicht Angst vor Aids, sondern - noch - vor der Syphilis und dem Tripper, und wenn man nicht krank wurde (wie solche Genies wie Nietzsche, Gauguin, Schubert oder Maupassant - den Teufelspakt zwischen Genialität und Geschlechtskrankheit hat ja mit wohligem Schaudern Thomas Mann im „Doktor Faustus“ beschrieben), dann konnte man ungewollt schwanger werden oder ungewollt schwängern. Und die schöne traurige Zeit der Libertinage der 68er war ja einmal durch das Penicillin gesichert und zum anderen durch die Antibabypille. Sorglose Zeiten das, damals.

Vorher aber, in den späten Vierzigern, als ich pubertierte, da drohten die Geschlechtskrankheiten nach dem GV, wie der Sex damals hieß. Und auf Plakaten („Kennt ihr euch überhaupt?“ fragten sie drohend und zeigten zwei sich umarmende Schatten à la Lili Marleen) wurde für Kondome geworben, wenn auch sehr versteckt.

An uns Junge war allerdings nicht gedacht, wir sollten es durch die Rippen schwitzen – wobei die Onanie auch noch blind machen sollte. Und taub. Und Rückenmarksschwindsucht. Und überhaupt. Ich fuhr damals als Fünfzehnjähriger aus der DDR, als sie gerade noch die Zone war, illegal, während der Schulferien, in den Westen, zu Verwandten in Stuttgart. Und als ich zurückkam, musste ich an der Grenze fünf Stunden auf einen Zug warten, im Harz, vielleicht in Quedlinburg. Und zuerst habe ich mit einem Mädchen geknutscht, die da auch in der Mittagshitze wartete, aber schon nach einer Stunde weiterfahren konnte. Und dann habe ich mich gelangweilt. Und dann habe ich meinen ersten Kondom-Automaten gesehen und bedient, mir das erste Präservativ angesehen, gestaunt und die Packung schließlich in meiner Hosentasche vergessen. So wichtig war das nun auch nicht.

Meine Mutter hat sie dann gefunden. Und sie hat meinen Vater daraufhin gebeten, mit mir zu sprechen. Und mein Vater, der, als er jung war, ein Wandervogel war, und, wie er erzählte, immer an der frischen Luft gesungen und Sport getrieben hatte und gewandert ist, also mein Vater nahm mich beiseite und zitierte Walter Flex: Und zwar den Satz „Rein bleiben und reif werden“ sei die schwerste, aber schönste Lebensaufgabe! Echt! Das hat er zitiert. Nach dem Zweiten Weltkrieg!

Meinen Kindern, die sich ohne mich und ohne Walter Flex aufgeklärt haben, habe ich das eigentlich nie erzählt. Damit sie nicht merkten, wie alt ich aussah, als ich jung war. Ganz schön alt!

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