Zeitung Heute : und Schadenfreude

„Der Vergleich ist die Wurzel allen Übels“, sagt Schopenhauer. Hellmuth Karasek wagt es trotzdem. Freude

Hellmuth Karasek

Wenn man Freude und Schadenfreude vergleicht, dann möchte man spontan ausrufen: Ja, Freude ist reiner, herzlicher, menschlicher. Als Schadenfreude. Aber stimmt das wirklich? Ist das so?

Ich möchte eine Geschichte aus meinen diesen Tagen erzählen. Ich bin also im Urlaub, und da mein jüngster Sohn Abitur macht, bin ich erstmals seit gut 40 Jahren nicht mehr von den Schulferien abhängig. Ich bin also auf einer thailändischen Insel, Koh Samui, ein Hotel am Sandstrand, lauter gesetzte Menschen, nur die Holländer sind jünger und haben Kinder, Schulkinder dabei, die haben Ferien, aber das tut nichts zur Sache.

Das Hotel liegt wie gesagt am Strand, und wir liegen auf Liegen unter Palmen, respektive Sonnenschirmen, es ist tropisch heiß, das Meer ist postkartenblau, nur, wenn kleine Wolken ihre Schatten drüber werfen, kräuselt es sich dunkelblau wie Tinte.

Meine Frau sagt, ich könnte doch ein paar Bilder von ihr machen, wie sie schwimmt, ins Wasser steigt, aus dem Wasser steigt. Ich sage, okay, geh schon mal vor, und setze mich auf die Liege, die am Rand der Hotelterrasse steht, etwa eineinhalb Meter höher als der Sandstrand. Ich setze mich also auf den unteren Teil der Liege, nehme den Fotoapparat aus der Fotoapparat-Tasche und wechsle das Objektiv mit dem Teleobjektiv aus. Das heißt: Ich will das Objektiv herausschrauben, es in die Fototasche tun, die Linse mit Verschlüssen abdecken, das Teleobjektiv herausnehmen, seinen Klappverschluss und seinen Klappdeckel abnehmen und es in die Kamera einschrauben. Ich will. Aber in Wahrheit merke ich, während ich das Teleobjektiv in der einen Hand halte und die Kamera in der anderen, dass ich mich zu tief unten auf die leichte Plastikliege (weiß, mit blauer Plastikmatratze) gesetzt habe. Mist, denke ich, das heißt, ich denke etwas vulgärer: Scheiße! Und dass ich mich falsch auf die Liege gesetzt habe, absolut unprofessionell ungleichgewichtig. Und dann denke ich, dass meine Frau auch noch Recht hat, wenn sie sagt, ich sei zu schwer (sie sagt: zu dick! Aber das ist relativ). Aber das denke ich nur noch halb, denn in dem Augenblick, als ich das gerade zu Ende denken will, hebt sich der obere, hotelzugewandte Teil der Liege - man nennt das Hebelwirkung - und fällt über meinen Kopf, mich mit dem unteren Teil fortreißend, die eineinhalb Meter Böschung hinunter, und ich falle, Hals über Kopf, mit. Und das Teleobjektiv fällt auch, und die objektivlose Kamera und die Fototasche mit dem anderen Objektiv und das blaue Strandhandtuch des Hotels, das es leichter hat, weil es beim Fallen etwas flattert.

Das Ganze muss ziemlich komisch, um nicht zu sagen: lächerlich ausgesehen haben. Und die Leute, die auf den anderen Liegen im richtigen Gleichgewicht lagen, hörten erschrocken den Lärm und sahen den Fall. Und da rappelte ich mich im Sand auch schon auf und schüttelte den Kopf, als mich jemand fragte: Haben Sie sich weh getan? Und während ich aufstand und humpelte und dachte: Mist (oder dachte ich wieder: Scheiße?), das tut doch ganz schön weh, hoffentlich ist mir nichts passiert, sagte meine Frau, wobei sie erst ein besorgtes Gesicht machte und dann lachte: „Das sieht dir wieder ähnlich!“

Dann lachten alle, und das war Schadenfreude, über die das Sprichwort sagt: Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen. Und das Reine, Menschliche, Herzliche an der Schadenfreude besteht in zweierlei Hinsicht.

Einmal ist die Schadenfreude so menschlich, weil sie denkt: Das hätte mir auch passieren können. Genauso ungeschickt, dusselig, unüberlegt wie dieser etwas wohlbeleibte Mann auf der Liege gehandelt hat, handle ich auch. Und: Es geschieht ihm recht, wie es auch mir recht geschehen wäre. Und zweitens denkt die Schadenfreude: Na im Grunde ist ja auch nichts Wirkliches passiert! Ja, wenn ich mich bei dem Sturz ernsthaft verletzt hätte, mit klaffender Kopfwunde, blutendem Teleobjektiv und gebrochener Kamera unten gelegen hätte, dann, ja dann wäre die Schadenfreude ausgeblieben. Denn sie erträgt kein ernstes Ungemach, darin gleicht sie dem Slapstick. Wenn es ernst wird, sprechen wir, heiliger Aristoteles, von der Tragödie. Von Schuld statt von Dummheit. Von Mitleid statt von Schadenfreude. Und von Furcht statt von Lächerlichkeit.

Soweit die Schadenfreude. Aber die Freude! Die besteht darin, dass ich, liebe Leserin, lieber Leser, Sie ein bisschen beschwindelt habe. Zwar habe ich auf der Liege gesessen und die Objektive ausgewechselt, und die Liege hat bedenklich geschwankt und gewackelt und sich schon nach oben gehoben. Dann aber habe ich gedacht: So dumm wie ich kann man doch gar nicht sein und bin schnell aufgestanden, noch ehe mich die Liege als Hebel eineinhalb Meter herabkatapultierte.

Ja, was ist nun reiner im Vergleich. Ihre Schadenfreude beim Lesen? Oder meine Freude über ihre Schadenfreude? Eines von beiden. Oder wie es bei Vergleichen so richtig heißt: Tertium non datur. Entweder oder.

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