Zeitung Heute : Und Schäuble sitzt als Geist dabei

Helmut Kohl stellt seine Memoiren vor, die er eigentlich nie schreiben wollte.

Norbert Thomma

Da vorne sitzt er unter seinem eigenen Bild. Das Portrait ist eineinhalb Meter breit und zweieinhalb Meter hoch. Es zeigt einen sinnierenden Mann mit schwarzen Augenbrauen, der ins Leere schaut, die linke Hand stützt den Kopf. Neben der Stirn steht: „Erinnerungen 1930-1982.“ Das Bild wirkt ein bisschen düster.

Der leibhaftige Helmut Kohl dagegen glänzt wonnig. Zum grauen Anzug trägt er eine schwarze Weste. Vor ihm stehen vier Bücher von je 684 Seiten, da ist sein Leben drin. In den vergangenen Jahren hat er eigenhändig an diesem Ehrenmal gezimmert.

Am Donnerstag ist endlich Richtfest, gefeiert wird im Berliner Hilton-Hotel mit Kaffee und Saft. Neben Kohl haben sein Referent und zwei Mitarbeiter vom Droemer Verlag Platz genommen. Sie wirken wie Fußnoten zum Autor. Das literarische Quartett sitzt auf einem Podium, hinter einem Holztisch auf braunen Sesseln. Daneben stehen Gestecke aus roten und gelben Tulpen.

Es sieht aus, als ginge es um die Präsentation eines neuen Buchs. Nein, es geht um die Ehre von Dr. Helmut Kohl.

Denn eigentlich hat er nie Memoiren schreiben wollen, hat er immer gesagt; er wolle lieber die Biografien von anderen lesen. Doch dann wurden Ende 1999 illegale Konten entdeckt. Der Ex-Kanzler musste zugeben, dass zwei Millionen Mark an Spenden nicht in die Listen der CDU aufgenommen worden waren. Es gab ein Strafverfahren, einen Untersuchungsausschuss. Kohl will bis heute die anonymen Spender nicht nennen. Die CDU beschloss, seinen Ehrenvorsitz ruhen zu lassen. Kohl gab ihn ab. Am Ende saß er nicht mal mehr in der ersten Reihe im Bundestag.

Sollte einer als Hinterbänkler eingehen in die Geschichte, der 16 Jahre lang Regierungschef in Deutschland war, länger als jeder andere? Sollte er anderen die Deutungshoheit überlassen? Er, der Schmied Europas, der Kanzler der Einheit?

Der 73-Jährige hat die Hände im Schoß gefaltet. Er betet herunter: „Da sind Geschichtsfälscher in breiter Front unterwegs.“ Da würde vieles „in unverfrorener Weise dargestellt“. Im Buch steht: „Viele so genannte Kohl-Biografien haben Legenden erfunden, die schlicht falsch und unwahr sind.“ So genannte. Nicht nur falsch, auch noch unwahr.

Er muss das korrigieren. Seine Feinde haben ihn zu diesen Memoiren gezwungen, so sieht er das.

Er korrigiert das jetzt, im großen Ballsaal des Hilton. Vor ihm stehen Kameras von Phoenix und n-tv, jedes Wort wird live übertragen. Vor ihm sitzen akkreditierte Journalisten, die Hälfte der 280 Stühle bleibt leer. Hier hat er vor Jahren sein „Tagebuch 1998-2000“ vorgestellt, der Saal war voll, der Spendenskandal auf seinem Höhepunkt. Das Tagebuch erschien auch bei Droemer. Vielleicht sind deshalb die Memoiren von Kohl nicht wie üblich in einer Auktion versteigert worden. Vielleicht ist Kohl dem Verlag dankbar.

13 Minuten doziert Helmut Kohl bereits, über Akten, den linksrheinischen Anschluss nach dem Krieg, Wirtschaftspolitik und so weiter, und er wirkt, als habe er damit einen ganzen Teil seiner Ehre zurück. Er ist nun schon wieder sehr viel mehr dieser Staatsmann, den man aus dem Archiv kennt: Großes Verdienstkreuz mit Stern und Schulterband; Prinz-von-Asturien-Preis; mehr als 20 Ehrendoktorhüte; Ehrenbürger Europas; Ehrenbürger von St. Gilgen am Wolfgangsee…

Es ist jetzt 11 Uhr 15, Gelegenheit, Fragen zu stellen. Es ist eine äußerst merkwürdige Situation. Denn am Eingang überreichte einem die Dame vom Verlag das neue Buch, vorher gab es nicht einmal Druckfahnen. Keiner hier kann die 684 Seiten gelesen haben. Und außerdem, sitzt dort vorn auf dem Podium nicht schon eine ganze Weile auch der Geist von Wolfgang S.? Das ist es, was heute wirklich interessiert: Wie Kohl es denn so findet, dieses bittere Abservieren seines Intimus Schäuble, der durch den Spendenskandal sein Intimfeind wurde.

Eine heikle Sache. Kohl könnte diese Frage despektierlich finden. Dann wird der Altkanzler schnell zum Abkanzler. Um 11 Uhr 33 kommt sie dann, die S-Frage. Und Kohl sagt amüsiert: „Wenn Sie etwas für Ihre aktuelle Berichterstattung suchen, die Zeit können Sie sich sparen.“ Schäuble ist auch im Register der Kohl’schen Erinnerungen nicht zu sehen, dafür Helmut Rahn und Karl May.

Dieses Buch, vielleicht ist für Helmut Kohl gar nicht mehr so wichtig, was daraus wird. Für den Verlag ist es wichtig. Der hat, so wird in der Branche kolportiert, eine Million an Honorar dafür bezahlt, in D-Mark noch. 85000 Exemplare sind gedruckt, 35000 weitere vorbereitet. Und Kohl, dieses auch politische Schwergewicht, muss sich mit den Biografien von anderen messen: Helmut Schmidt, 600000 verkaufte Exemplare; Franz Josef Strauß, 400000; Willy Brandt, 250000; sogar Oskar Lafontaine hat 300000 vorgelegt mit seinem links schlagenden Herzen.

Herr Doktor Kohl, fragt jemand, haben Sie zum Schreiben auch Ihre kleinen, schwarzen Bücher geordnet? Da lacht der Berg: „Das ist ein weiterer Fall von Bestechung, das sind Terminkalender von BASF, die benütze ich seit 30 Jahren.“ Schwarze Kassen, schwarze Notizbücher – alles eins.

Helmut Kohl hat gut lachen, für ihn ist bisher alles prima gelaufen. „Bild“ und „FAZ“ hatten die Rechte zum Vorabdruck exklusiv – und täglich genutzt. Am Sonntag sprangen die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ ein und die „WamS“ mit einem langen Interview. Dazu fragte die Redaktion, an welchem geeigneten Ort eine wuchtige Büste von Kohl stehen solle: Dresdner Frauenkirche? Adenauer-Haus? Historisches Museum von Berlin?

Mehr als 33 Millionen Mal konnte Deutschland lesen, wie der Ex-Kanzler sich und die Welt sieht.

Konservative Freunde unter sich. „Bild“ ließ eine breite Werbekampagne im Fernsehen und Rundfunk laufen: Kohl höchstselbst wirbt für Kohl. Kai Diekmann interviewte in zwei Teilen Helmut Kohl, er ist Chefredakteur des Boulevardblatts. Helmut Kohl ist Trauzeuge von Kai Diekmann. Das Interview fand im Keller von Kohls Haus in Oggersheim statt. Die „FAZ“ druckte ein „Bild“-Foto von Kohls Keller. Zu sehen war eine Art Hobbyraum mit Regalen, an einem Tisch saß der Ex-Kanzler in Strickweste und blätterte in einem Ordner. Ein „FAZ“-Herausgeber fand dafür berauschte Sätze, die sonst nur nach dem Genuss eines Peyotekaktus gelingen: „Die Authentizität dieses Bilddokuments entspricht der Inszenierungsverweigerung von Kohls Erinnerungen. Sie bilden eine Brücke in Zeiten, in denen für viele von uns die Stunden eines fremden Planeten angeschlagen werden.“

Nach einer Stunde erhebt sich Kohl. Er sieht zufrieden aus. Er hat ein wenig Humor verbreitet und viel Bekanntes. Er hat sogar eingeräumt, er sei „nicht die größte Figur seit Kolumbus“. Er geht ins Foyer, von wo aus man auf den Gendarmenmarkt blickt. Er scheint sich wohl zu fühlen, so in seinen eigenen Mantel der Geschichte gehüllt. Spenden? Skandal? Über diesen Misslichkeiten liegt erst mal der Mantel des Schweigens.

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