Zeitung Heute : & Schall Raum

Die Popkomm braucht eine andere Akustik als Sir Simon Rattle. Für den perfekten Klang greifen Techniker zu merkwürdigen Geräten: Segel, Samt und Schubkarren.

Stefanie Schwarz

Grundriss . Die Grundfläche der Berliner Philharmonie ist nahezu fünfeckig. Es gibt somit keine einander gegenüber liegenden Wände – und das ist gut für die Akustik. Stehen sich zwei Wände direkt gegenüber, werden die Schallwellen zwischen ihnen hin und her geschleudert. Es entsteht ein Flatterecho: Ein Ton ist also durch immer leiser werdende Echos mehrmals zu hören. Solche Flatterechos vermeiden Architekten zum Beispiel auch, indem sie die Innenwände mit Nischen unterbrechen. sparsam gepolstert. Denn poröse Materialien wie Schaumstoff und Textilien absorbieren die hohen Frequenzen, zum Beispiel die der Streicher. Die Schallwellen verfangen sich in dem Material. Die Luft wird daran gehindert zu schwingen, „und die Luftmoleküle als Überträger des Schalls reiben sich an Fasern und Poren“, sagt Helmut Fuchs vom Fraunhofer-Institut für Bauphysik in Stuttgart. Die Bewegungsenergie wandelt sich in Wärme um – für den Menschen kaum spürbar allerdings, Experten können sie als Mikro- oder Milli-Watt messen. Sind alle Plätze besetzt, haben die Polster kaum Einfluss auf die Akustik.

Terrassen. Das Publikum ist auf treppenartigen Terrassen platziert. Weinbergstruktur heißt das. Das Orchester sitzt in der Mitte – was die Wege des Klangs vom Instrument zum Ohr des Besuchers verkürzt. Von den Terrassen aus ist das Orchester zumal von jedem Platz aus gut zu sehen – nicht nur das Ohr, auch das Auge „erlebt“ die Musik, „das erhöht den Genuss“, sagt Edgar Wisniewski, ein ehemaliger Mitarbeiter von Philharmonie-Architekt Hans Scharoun. Die Weinbergstruktur ist auch ökonomisch sinnvoll, denn so bringt man die meisten Besucher unter.

Reflektoren . Da die Decke über dem Orchester sehr hoch ist, konnten sich die Musiker anfangs nicht hören. Der Schall brauchte zu lange, um vom Instrument zur Decke und wieder zurück zu kommen. Um den Schallwellen eine „Abkürzung“ zu bieten, hängen heute über dem Podium Reflektoren von der Decke. Sie sind gewölbt wie Segel und aus Polyester mit Acryl, denn das wirkt laut Architekt durchscheinend und leicht.

Decke . Das Dach verläuft zur Raummitte hin spitz nach oben, wie in einem Zelt. Die Decke ist unterteilt in Abschnitte, die jeweils nach unten gewölbt sind. „Durch diese Deckenform werden die Schallwellen so reflektiert und verstreut, dass die Musik sogar noch auf den hinteren Reihen in guter Qualität zu hören ist“, sagt der Architekt Edgar Wisniewski, der Hans Scharouns Werk fortsetzte.

Höhe . Die höchste Stelle mit 22 Metern liegt direkt über dem Orchesterpodium. Konzertsäle brauchen eine gewisse Höhe – in niedrigen Räumen kann sich der Klang nicht entfalten, weil die Wege der Schallwellen zu kurz sind. Eine Formel, wie sich die Idealgröße eines Saales berechnet: siehe „Publikum“.

Publikum . Menschen und ihre Kleidung vertilgen vor allem die hohen Frequenzen der Musik. Die Anzahl der Besucher und der Musiker entscheidet daher, wie viel Schall absorbiert wird. Eine gute Akustik entsteht durch das Zusammenspiel von Raumgröße und Absorption. Es gilt folgende Faustregel: Pro Person werden acht bis zehn Kubikmeter Raumvolumen berechnet. Ein Konzertsaal kann allerdings nicht unendlich groß sein, weil sonst die Schallwellen zu lange Wege zurücklegen müssten. „Die ideale Obergrenze liegt bei 2500 Besuchern – also 25 000 Kubikmetern Raumvolumen“, sagt Gottfried Behler vom Institut für Technische Akustik der Technischen Hochschule Aachen.

Wände . Die Flanken der Balkone reflektieren die Schallwellen. Je mehr Flächen in einem Konzertsaal, desto besser durchmischen sich die Reflektionen: Die Klänge strömen aus allen Richtungen auf den Zuhörer ein – „es entsteht das Gefühl, mitten in der Musik zu sitzen“, sagt der Aachener Akustiker Gottfried Behler.

In Berlin hantieren Tontechniker und Bühnenmeister zurzeit mit eher untypischem Gerät: mit Stoffen und Dingern, die aussehen wie Gartenwerkzeug. Denn: Die Popkomm kommt, und das heißt, dass mehr als 1200 Musiker 400 Stunden Live-Musik machen – in 35 großen Hallen und kleinen Clubs. Die meisten allerdings sind nicht eigens für Konzerte gebaut worden, zum Beispiel die Kesselhalle der Kulturbrauerei, wo bis 1967 noch Bier gebraut wurde. Um dort einen perfekten Sound zu erzeugen, gibt es Einiges zu tun.

Generell gilt: In Hallen, in denen Rock- oder Popkonzerte stattfinden, darf’s nicht hallen. Der Schall soll so wenig wie möglich reflektiert werden – ganz im Gegensatz zu klassischen Konzertsälen, wo ein ausgetüfteltes System von Wänden, Segeln und Platten den Schall auf vielfältige Weise zurückwirft. Bei Rock oder Pop aber würde die ohnehin schon künstlich verstärkte Musik noch lauter – und übrig bliebe nur noch ein Brausen im Ohr.

„Bei elektronisch verstärkter Musik muss die Nachhallzeit des Schalls so kurz wie möglich sein", sagt Roger Hass, Bühnenmeister der diesjährigen Popkomm. Die Nachhallzeit beschreibt, wie lange ein Geräusch braucht, um unhörbar zu werden. Klatscht man zum Beispiel in einem großen, leeren Raum in die Hände, dauert es relativ lange bis es nicht mehr zu hören ist. Es hallt. In einem kleinen Zimmer hingegen, mit Teppich und Büchern zum Beispiel, ist das Klatschen nur kurz zu hören.

Um Hall zu vermeiden, stattet man Konzerträume mit Materialen aus, die den Schall verschlucken. „Am besten sind weiche Stoffe mit Löchern“, sagt Hass. In der Kalkscheune in Berlin half ein Riesenballen Samt . Die riesige Fensterfront hatte den Tontechnikern Probleme bereitet, denn diese glatten Flächen reflektieren den Schall. Die Folge: ein schlechter Sound. Deshalb hängt dort jetzt eine doppelte Schicht Vorhänge.

Große Konzertsäle wie die Deutschlandhalle, wo die Popkomm mit einem Konzert eröffnet wird, sind besonders tückisch. Solche Räume haben oft hohe Decken, die zudem die Schallwellen reflektieren. Da können Echos entstehen. „Deshalb hängen wir die Decken ab“, sagt Bühnentechniker Hass. Unter der Decke sind außerdem Akustikschalen angebracht, die aussehen wie umgedrehte Schubkarren und den Schall absorbieren. In der Kesselhalle tricksen die Experten ebenfalls mit Akustikdecken aus Rigips-Platten.

Aber nicht nur Vorhänge oder Akustikdecken schaffen kurze Nachhallzeiten, auch das Publikum ist auch wichtig. „Beim Soundcheck vor Konzertbeginn, ist der Klang manchmal noch schlecht", sagt Frank Delenske, Geschäftsführer der Kalkscheune. Sei der Saal jedoch voll, klinge die Musik viel besser.

Ist eine Konzerthalle erst mal richtig ausgestattet, erledigt die Sound-Technik den Rest. Ein System von elektronischen Verstärkern transportiert die Töne von den Instrumenten und Mikrophonen zum Mischpult . Ein Tontechniker stimmt dort die einzelnen Frequenzen aufeinander ab. Dann erst strömt die Musik in die Lautsprecher.

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