Zeitung Heute : und Schneewittchen

„Der Vergleich ist die Wurzel allen Übels“, sagt Schopenhauer. Hellmuth Karasek wagt es trotzdem. Dornröschen

Hellmuth Karasek

Als ich vier, fünf, sechs Jahre alt war und erst Märchen vorgelesen bekam, dann Märchen selber las, vor allem die der Gebrüder Grimm (warum eigentlich Gebrüder statt Brüder, das wusste ich damals nicht. Aber weiß ich es heute?), da war Schneewittchen mein Favorit. Absolut. Nicht Rotkäppchen, die zwar der armen Großmutter Kuchen brachte, aber den Wolf im Bett der Oma fragte, warum er so große Ohren hätte. Und so große Augen. Und ein so großes Maul. Warum wohl!

Auch nicht Dornröschen. Obwohl die hinter einer großen Hecke einschlief, 100 Jahre, das war schon imposant. Und wie die Ritter und Prinzen alle zuschanden kamen, die zu ihr vordringen wollten, von Dornen aufgespießt, von der Hecke gefangen. Weil die Zeit noch nicht reif und der Richtige noch nicht gekommen war, der sie wachküssen durfte. Ohne etwas von Freud zu wissen, ahnte ich da – wie alle Kinder – etwas von schlummernder Sexualität. Und wie schön es sein muss, wenn man zur rechten Zeit kommt (die Zeit vom 12. bis zum 16. Jahr kommt einem vor wie 100 Jahre). Zum Wachküssen. Und die Hecke auch nicht mit dem Schwert niedermähen muss, weil sie sich von selbst öffnet. Nicht einmal ein Held muss man sein im richtigen Augenblick.

Dennoch, mein absoluter Liebling, mein Traum- und Superstar war Schneewittchen. Nicht, weil ich schon geahnt hätte, wie das war, als die Mütter im Kindbett starben, weil Dr. Ignaz Semmelweis das Kindbettfieber erst 1861 durch Hygiene besiegt hatte. Und wie schwer es war, wenn die böse Stiefmutter kam und schon wegen des Erbes 1000mal schöner sein wollte. Oder nicht wollte, dass Schneewittchen 1000mal schöner wäre.

Nein, es war wegen des Vergleichs der Schönheit von Schneewittchen. Wegen des harmonischen Gleichklangs. Rot, weiß, schwarz. Weiß, schwarz, rot. Als die Mutter sich vor ihrer Empfängnis in den Finger stach, und ein Tropfen Blut fiel in den Schnee am Fenster, dessen Rahmen aus schwarzem Ebenholz war, da sah die künftige Schneewittchen-Mutter den roten Blutstropfen im weißen Schnee neben dem schwarzen Ebenholzrahmen, und da wünschte sie sich ein Mädchen „weiß wie Schnee, rot wie Blut und schwarz wie Ebenholz“. Nicht mehr und nicht weniger. Nichts von Maßen wie 90-60-90, nur weiß wie Schnee, rot wie Blut, schwarz wie Ebenholz.

Ich starrte vom Märchenbuch hoch, fing zu tagträumen an angesichts dieser perfekten Farbkonkordanz. Natürlich, im Kino sah ich damals schon schöne Frauen. Olga Tschechova, Marika Rökk, Hertha Feiler, gar Zarah Leander oder Kristina Söderbaum. Aber die waren meist nur schwarz-weiß, und wenn sie in Farbe waren, dann verschwammen sie in Bonbon-Farben, wie das die Farbfilme damals so an sich hatten. Es lag aber auch daran, dass Schneewittchen nur in meiner Fantasie existierte. Und da ist bekanntlich alles schöner: Rot wie Blut, weiß wie Schnee, schwarz wie Ebenholz. Nicht mehr und nicht weniger.

Eines Tages bekam ich ein Märchenbuch geschenkt, Gebrüder Grimm, illustriert, mit schönen bunten Bildern, die alle eine Butzenscheiben-Nostalgie ausstrahlten wie später die Werkstatt von Hans Sachs in „Meistersinger“-Aufführungen. Nur dass Hans Sachs noch zu dick war. So waren gereifte Sänger. Damals. Pavarotti-artig.

Jedenfalls sah ich zum ersten Mal Schneewittchen. Ich war entsetzt, entgeistert. Das sollte Schneewittchen sein? Dieses Abziehbild. Zwar war sie weiß wie Schnee, ihre Haut war blass. Auch hatte sie blutrote Lippen und rabenschwarze Haare. Aber das war auch alles, was meiner Vorstellung, meinen Fantasien von Schneewittchen ähnelte. Von ihrer Schönheit waren nur die platten Farben übrig geblieben. Nichts davon, was meine Wunschfantasien aus diesen drei spärlichen Farbvorgaben gezaubert hatten. Ich habe es damals nicht begriffen, aber vielleicht geahnt: Man muss die Fantasie mit wenig anregen, damit sie viel daraus macht.

Ähnlich ging es mir mit Gulliver, den Liliputaner. Und wenn mein Sohn heute davon schwärmt, wie toll der „Herr der Ringe“, besonders Teil 2 sei, was man da alles sehen könne, dann weiß ich, dass die „special effects“ und die Computer-Animationen endgültig über die (Lese-)Fantasie gesiegt haben.

Damals, als ich fünf oder sechs war, kannte ich auch noch keine Pubertät (ich hing noch tot in der Rosenhecke von Dornröschen, ein verfrühter, trauriger Ritter) und also auch den Karl-Kraus-Satz noch nicht: „Der Beischlaf hält nicht, was die Onanie verspricht.“ Auch so ein Satz über die Fantasie.

Schneewittchen, die lebte für mich hinter den sieben Bergen, bei den sieben Zwergen. Und ich war, bestenfalls, der siebte Zwerg und nie der Prinz. Von Helmut Qualtinger gibt es einen Sketch über Glanz und Elend eines österreichischen Provinzschauspielers, der nie in Wien, sondern bestenfalls in Teplitz-Schönau oder Märkisch Ostrau gespielt hat. Einmal spielte er in „Schneewittchen“ und natürlich war auch er der siebte Zwerg. Und der Kollege, dem er das erzählt, fragt ihn: „Der siebte Zwerg? Wie haben Sie ihn angelegt?“ Und der Mime, den Qualtinger spielt, sagt: „Hintergründig!“

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