Zeitung Heute : Und sie ziert ihn doch

Die passen ja gar nicht zusammen, dachten alle: Berlusconi und seine linke Ehefrau. Stimmt gar nicht – heißt es jetzt in ihrer Biografie

Birgit Schönau[Rom]

Sie galt als diskret, ja schüchtern. Als bescheiden, ja antikonsumistisch. Als tolerant, dem Ehemann gegenüber kritisch, irgendwann hielt man sie sogar für links. Veronica Lario war für viele Italiener die eindeutig bessere Hälfte ihres Ehemannes Silvio Berlusconi. Während er keinen öffentlichen Auftritt, keine Gelegenheit zur Selbstinszenierung auslässt, bleibt sie lieber zu Hause in Macherio bei Mailand. Bewirtschaftet den Biogarten. Kümmert sich um die Ziegen. Fährt höchstens mal in die Stadt, um einen Vortrag über Goethe zu hören. Liest Karl Popper, frequentiert Philosophen. Sorgt dafür, dass ihre Kinder nicht zu viel fernsehen, „denn Fernsehen ist Entfremdung“.

Die passen gar nicht zusammen, hat man jahrelang gedacht. Der 68 Jahre alte populistische Selbstdarsteller, der die Welt in Schwarz und Weiß teilt: für ihn oder gegen ihn. Der sich Gesetze auf den Leib schneidern lässt, und den ein Priester auf dem Parteitag allen Ernstes als vom Heiligen Geist Gesandten preist, während die Chefredakteure seiner Blätter beflissen ihrer Pflicht nachkommen, seine fortschreitende Glatze zu retuschieren.

Und dazu die 20 Jahre jüngere Veronica. Eine zeitlos, etwas maskenhaft schöne Frau, die sich gefallen lassen musste, dass ihr Mann bei einer Pressekonferenz den dänischen Ministerpräsidenten Rasmussen in Verlegenheit brachte: „Ich muss Sie mal meiner Frau vorstellen. Sie sehen ja viel besser aus als Massimo Cacciari.“ So erfuhr die Welt, dass der linke Politiker Cacciari mit dem wilden schwarzen Bart angeblich ein Verhältnis mit Berlusconis Gattin pflegte. Prompt dementierte Veronica: „Cacciari? Nie getroffen, nie gesehen.“

Dann erklärte sie ausgerechnet in der linksintellektuellen Zeitschrift „Micromega“, sie könne die Demonstranten verstehen, die gegen den Irakkrieg protestierten. Die Opposition jubelte und überlas einfach die nächste Passage: „Ich würde auch die verstehen, die für den Krieg auf die Straße gehen, weil sie meinen, dass er zur Befreiung von einem Diktator führt.“ Auf Sizilien war noch in diesem Frühling auf einer Versammlung des Mitte-Links-Bündnisses Ulivo der Slogan zu hören: „Befreien wir Veronica.“ Denn Veronica schien jenen Teil Italiens zu repräsentieren, der einen wie Silvio erst gar nicht geheiratet hätte. Und ihm allzu gern den Laufpass geben würde.

Jetzt aber gibt es das Buch. Es heißt „Tendenza Veronica“, ist am 23. Juni erschienen und schon ein Bestseller. „Tendenza Veronica“ ist eine autorisierte Biografie aus der Feder der Journalistin Maria Latella vom „Corriere della Sera“. Und jetzt bricht alles zusammen, was so lange über Veronica Berlusconi gemutmaßt wurde. Es zeigt sie als eine perfekte Repräsentantin des Berlusconismus.

Sicher, sie kritisiert ihren Mann. Er telefoniere zu viel, dauernd habe er ein Handy am Ohr, sogar beim Weihnachtsessen. Geschätzte 99 Prozent aller Italienerinnen können das nachempfinden. So sind sie, die Männer.

Wen wählen Sie? Wen haben Sie gewählt?, fragt die Autorin Latella, aber Veronica Berlusconi beantwortet nur die zweite Frage: „Radikale und Sozialisten.“ Die Radikalen waren im ersten Kabinett Berlusconi Koalitionspartner. Die Sozialisten haben den Unternehmer Berlusconi nach Kräften gefördert – er galt als Alter Ego des früheren Parteichefs Bettino Craxi. Über Craxi und seine Frau Anna, Trauzeugin der Berlusconis, sagt Veronica Lario: „Wir standen uns nahe.“ Sie hat ihn besucht, als er sich in Tunesien vor der italienischen Justiz versteckte. Sie war bei seiner Beerdigung, an der Seite Silvios. Und sie beklagt, ihr Ehemann werde „dämonisiert“. Sie beschuldigt die Linke, in den Jahren ihrer Regierung kein Gesetz zur Lösung seiner Interessenkonflikte verabschiedet zu haben. „Berlusconi ist ein Teil dieses Landes, ihn zu verleugnen ist, wie einen Teil seines Selbst zu verleugnen. Seine Geschichte spiegelt unsere Defekte, aber auch unsere Qualitäten: Kreativität, Kraft, Energie.“ Berlusconi als Personifizierung Italiens – ein derart nationales Klischee würde wohl nicht einmal der Meister selbst verbreiten, wenn er auch zum Abschluss jedes Staatsbanketts „Gelato Silvio“, Eiskrem in Italiens Farben Rot, Weiß, Grün servieren lässt.

Nur eines macht der Signora Sorgen: „Dass meine Kinder sich mit der Figur ihres Vaters, mit seinem einzigartigen Leben auseinander setzen müssen.“ Sie vergleicht ihn mit Odysseus und sich selbst mit Penelope, denn er fliegt ja nur Sonntags ein in die Villa Belvedere in Macherio, nachdem er sich am Samstag in der Villa Certosa auf Sardinien von den Anstrengungen der Woche erholt hat. „Er kommt zu seiner Familie, wie Odysseus nach Ithaka zurückkehrt, voller Sehnsucht und Heimweh.“

Nie hat sich Italien für das Privatleben seiner Politiker interessiert, nie waren die Gefährtinnen der Regierenden öffentliche Persönlichkeiten. Als Anfang der 90er Jahre KPI-Chef Achille Occhetto auf einem Strand in der Toskana bei einem hingebungsvollen Kuss mit seiner Ehefrau fotografiert wurde, war das ein Skandal. Von Andreottis Frau wusste man nur, dass es sie gab, von der Gattin des linksdemokratischen Premiers D’Alema, dass sie weiter im Staatsarchiv arbeitete, während ihr Mann Italien regierte. Mit Berlusconi hat sich das gründlich geändert. Für ihn gehört die Familie zur Inszenierung, gern hätte er sie all’americana, aber da spielt Veronica nicht mit. Sie begleitet ihn nicht gern zu Staatsempfängen, nur neulich trat sie ausnahmsweise auf, beim Besuch von George W. Bush. Sie trug eine neue Haarfarbe, ein erstaunlich faltenloses Gesicht und ein Collier, dessen Wert Experten auf 1,5 Millionen Euro schätzten. Mit der Einfachheit ist es eben so eine Sache.

Den Biogarten in der Villa von Macherio muss sie keineswegs selbst bewirtschaften, die drei Kinder Barbara, Eleonora und Luigi hat sie stets mit dem Chauffeur zur Waldorfschule in Mailand geschickt. Die schlossähnliche Villa erwarb Berlusconi, kurz bevor er die Bologneserin Miriam Bartolini mit dem Künstlernamen Veronica Lario in zweiter Ehe heiratete. Das war 1990, Miriam gab ihre kurze Karriere auf. Kennen gelernt haben sie sich 1982, sie spielte in einem Theater, das er gerade gekauft hatte. Miriam war die Tochter einer Kassiererin im Kaufhaus Standa. Auch Standa übrigens gehörte bald Berlusconi.

Mit seinen beiden älteren Kindern Marina und Piersilvio aus erster Ehe traf sich der Tycoon lange Zeit nur in der Villa San Martino in Arcore, zehn Kilometer von Macherio entfernt. Ach, die Villen. Mit 90 Millionen Euro wird Berlusconis Immobilienbesitz angegeben, vermutlich ist das untertrieben. Im vergangenen Jahr, berichtete die Tageszeitung „La Repubblica“, habe der reichste Mann Italiens 700000 Euro für die Anschaffung antiker Möbel ausgegeben, die seine Frau für die Villa Belvedere wollte. 260000 Euro habe Berlusconi nur für Rasenmäher und anderes Gartengerät berappt. Die Villa Certosa auf Sardinien wird zurzeit unter dem Protest der Umweltschützer mit einem Amphitheater verschönert, sie liegt in einem 50 Hektar großen Park mit sechs Schwimmbädern über dem Meer.

Berlusconis älteste Tochter, die 37-jährige Marina ist inzwischen stellvertretende Präsidentin des Unternehmensholding Fininvest und Chefin des Mondadori-Verlags, der zwei Jahre jüngere Sohn Piersilvio hat eine Führungsposition im Fernsehunternehmen Mediaset. Beide sind oft in den Spalten der familieneigenen Klatschpostille „Chi“ zu bewundern, der man entnehmen konnte, wie sehr sich Berlusconis Lieblingsfußballer Andrej Schewtschenko vom AC Mailand über seine Lebensgefährtin freut, die früher mal die Freundin von Piersilvio Berlusconi war. Piersilvio geht jetzt mit einem Sternchen aus den Mediaset-Programmen, und Natalia Estrada, die Freundin seines Onkels Paolo, präsentiert im Berlusconi-TV die große Samstagabend-Show. So ist alles miteinander auf das Schönste verwoben, und alle sind miteinander verbandelt und verwandt.

Italien hat nach den blasierten Agnellis eine neue First Family, bei der die Frauen aus dem neuen Fernsehen kommen anstatt aus dem altem Adel. In ihrem Zentrum stehen Odysseus und Penelope. Die Sirenen sind abgelöst durch viele schöne Handymelodien. Und manchmal meckern dazu die weißen Zicklein vom Belvedere. Aber nur ganz leise.

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