Zeitung Heute : Und was mache ich jetzt?

Tausende Schüler büffeln derzeit für die mündliche Abi-Prüfung. Viele haben noch keinen Plan für danach

Kai Althoetmar

Koch oder Kellner? Informatiker oder Ingenieur? Bank- oder Autokaufmann? Für die angehenden Abiturienten, die derzeit für die mündlichen Prüfungen büffeln, stellt sich die Frage: Was kommt danach? Welche Jobs haben Zukunft? Die ernüchternde Antwort der Bundesagentur für Arbeit (BA): „Alles Kaffeesatzleserei und Stochern im Nebel“, sagt BA-Pressesprecher Heinz Oberlach. Tendenziell seien die Chancen in Dienstleistungsberufen heute besser als in der Industrie. Was in drei, fünf oder zehn Jahren sei, wisse niemand.

Ein typisches Szenario: „Bei Lehrermangel stürzen sich alle aufs Lehramt und nach drei, vier Jahren beschließen die Kultusminister, keine neuen Lehrer einzustellen.“ Volkswirte nennen das „Schweinezyklus“. Auf einen Mangel hin wird auf breiter Front produziert – sind die Ferkel endlich alle groß, gibt es plötzlich ein Überangebot. Folge: Die Produktion fällt erneut ab, der nächste Mangel droht, der Zyklus beginnt von vorn. Ähnliches gilt für die Studiums- und Berufswahl. Daher ist es schwierig, Rückschlüsse aus vergangenen Jahrgängen auf die Gegenwart zu ziehen.

Dennoch lohnt es sich, frühzeitig über den Berufsweg nachzudenken. „Ich bin immer wieder erstaunt, das sich ein Großteil der Abiturienten vor dem Abitur kaum Gedanken darüber macht, was danach kommen soll“, sagt Christoph Heine von der Hochschul-Informations-System GmbH (HIS) in Hannover. „Das ist auch ein Versäumnis der Schulen. Das Thema Studium und Berufswahl sollte schon zu Beginn der Oberstufe Pflichtfach sein.“

Heine untersucht seit Jahren, nach welchen Kriterien sich junge Menschen für Ausbildungswege entscheiden. Dabei fällt auf, dass viele heutige Abiturienten mit Realismus an die Wahl ihres Studienfachs herangehen: Die Frage, welche Berufschancen das Studium mit sich bringt, spielt eine größere Rolle als früher. Einer HIS-Umfrage zufolge gaben 2004 fast 60 Prozent der Studienanfänger an, ihr Studium auch nach den späteren Jobchancen ausgewählt zu haben. Das sind mehr als je zuvor. Im Jahr 2000 spielten die Berufsaussichten nur für 37 Prozent der Befragten eine Rolle.

Im vergangenen Jahr befragte HIS Studienberechtigte zur geplanten Studienrichtung. Als beliebteste Fächer gaben die Abiturienten die Wirtschaftswissenschaften und die Lehramtsstudiengänge an. Auf sie entfallen jeweils acht Prozent aller Studienberechtigten. Danach folgen in der Rangfolge der Fächerpräferenzen Medizin, Maschinenbau, und Sozialwissenschaften. Die von Arbeitsmarktexperten erhoffte Trendwende zugunsten von ingenieurwissenschaftlichen Fächern wie Elektrotechnik und Maschinenbau, die zusammen sechs Prozent der Studienberechtigten anstreben, blieb aus. Hier erwarten die Branchenverbände in Zukunft steigenden Fachkräftemangel.

Ein halbes Jahr nach Erlangen des Abiturs gaben 39 Prozent der von HIS Befragten im Jahr 2004 an, an einer Fachhochschule oder einer Universität zu studieren (siehe Grafik). Für eine betriebliche Ausbildung hatten sich nur zehn Prozent entschieden, 1996 waren es noch 13 Prozent gewesen.

Das liegt auch an der sinkenden Zahl von Ausbildungsstellen. Die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge war 2005 so niedrig wie noch nie im wiedervereinigten Deutschland. Das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) in Bonn ermittelte 550 180 neue Vertragsabschlüsse – rund vier Prozent weniger als 2004. Für 100 Lehrstellensuchende standen 95 Stellen offen. „Am Ausbildungsstellenmarkt lässt sich seit 2002 eine Angebotslücke feststellen“, so das BIBB. Parallel zu den sinkenden Beschäftigtenzahlen sinkt der Bedarf an Azubis – ungeachtet des 2003 geschlossenen Ausbildungspaktes. „Eine durchgreifende Verbesserung der Verhältnisse auf dem Lehrstellenmarkt ist wohl nur dann zu erwarten, wenn auch die Beschäftigung wieder anzieht“, schreibt das BIBB.

Besser als in Industrie und Handwerk sieht die Entwicklung in den neuen Berufen aus, meist Dienstleistungsberufe, die seit 1996 geschaffen wurden. 2005 wurden 50 888 Verträge geschlossen, ein Plus von 3,7 Prozent gegenüber 2004.

Auf dem absteigenden Ast sind Soldaten und Zivis, 2004 leisteten der HIS-Umfrage zufolge nur 18 Prozent der Studienberechtigten Wehr- oder Zivildienst. Dagegen wächst die Generation Praktikum: Der Anteil der freiwilligen Jobber stieg seit 1996 von drei auf fünf Prozent.

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