Zeitung Heute : Und was machen wir jetzt?

Noch zwei Wochen bis zur Wahl Martin E. Süskind erklärt einem bayrischen Vertrauten die Berliner Republik

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Lieber P.,

im Strom der Zeit den Kopf oben und die Übersicht zu behalten, das ist schwer. Aber wem sage ich das. Wochenlang waren wir doch beide davon überzeugt, das Rennen zur Bundestagswahl sei im Prinzip gelaufen: Stoiber werde Kanzler werden, Schröder nach Hause geschickt. Ist es nicht so? Dir, als Bayern, war der Gedanke überhaupt nicht angenehm, und zum Trost konnte ich Dir nur berichten, dass die Vorstellung auch in breiteren Schichten des politischen Establishments der Hauptstadt wenig Begeisterung auslöste. Dann kamen die Flut, der Irak, das Duell…

Apropos: Hast Du’s gesehen? Und? Wer hat diesmal gewonnen? Musst Du Dir jetzt erst Deine Meinung bilden? Oder hast Du auch schon Brief-gewählt? Das ganze Wochenende stand dieses TV-Duell vor meinem geistigen Auge: Schröder links, Stoiber rechts; die beiden Journalistinnen, eifrig bemüht, mit Zwischenfragen Pep in die Debatte zu bringen. Dazwischen schlichen sich ganz andere Bilder ein: Bush und Blair in Camp David, freizeitmäßig gekleidet, Spielzeugpanzer durch den irakischen Sand schiebend; Schröder und Chirac in Hannover, im Rosengarten von Frau Doris ins ernste Gespräch vertieft; die Pythia vom Bodensee, verzweifelt über die jüngsten face-to-face-Interviews ihres Allensbacher Instituts gebeugt; Guido Westerwelle, ein letztes Mal ruhend in blau-gelber Bettwäsche, bevor der Wecker 18 Mal klingelt, und der Traum, ganz genauso zu sein wie der Kanzler und der Kandidat, auch für dieses Mal ausgeträumt ist. Und dann, der Horror: Es ist der 22.September, Wahlabend, 18 Uhr.

Thomas Bellut verkündet, völlig fassungslos, die Prognose: CDU/CSU und SPD: gleichauf. FDP und Grüne: gleichauf. PDS: raus. Die Sitzverteilung im neuen Bundestag: Rot-Grün, Schwarz-Gelb, RotGelb, Schwarz-Grün, alle gleich, das absolute Patt. Ich sage Dir, es kann passieren. Plötzlich werden sich alle zusammen mit Axel Hacke fragen: Und was machen wir jetzt? Aber es wird zu spät sein. Die Wirklichkeit kann ja, wie wir erlebt haben, schlimmer sein, als die Vorstellung von ihr.

Es ist nicht so, dass der Wahlausgang, vielmehr die Vorstellung davon, die Professionals in Berlin kalt ließe, im Gegenteil. Du ahnst gar nicht, wie es da hinter den Kulissen knistert. Die Stoiber-Crew hat eine Heidenangst, das Ding noch zu verlieren, und verbreitet deshalb bei den Kollegen nur noch Zuversicht. Die Schröder-Leute machen Dich richtig an, wenn Du auch nur den geringsten Zweifel an ihrer Siegeszuversicht äußerst. Es ist, wie in allen Wahlkämpfen bisher, nur viel, viel schlimmer.

Neulich habe ich mir erlaubt, darauf hinzuweisen, dass die SPD bei Bundestagswahlen seit 1949 nur zwei Mal besser abschnitt als die CDU/CSU: 1972 in der legendären Willy-Wahl, als selbst eingefleischte Bürgerliche für Brandts Ostpolitik votierten, und 1998, als Helmut Kohl nach 16 Regierungsjahren rundherum abgewirtschaftet hatte. In allen anderen Wahlen lag die Union stets vor den Sozialdemokraten. Was, so erlaubte ich mir zu fragen, sollte ausgerechnet in diesem Jahr für die dritte Ausnahme sprechen?

Da schauen Sie Dich an, die Schröder-Leute, sage ich Dir, als wärst Du von ’nem anderen Stern. Sie wedeln mit den jüngsten Meinungsumfragen, in denen Schröders Vorsprung vor Stoiber auf 56:35 angewachsen ist, und die Parteien Kopf an Kopf liegen und sagen: Wir schaffen das. So steht es auch auf einem riesigen Plakat auf blauem Grund, das jetzt überall zu sehen ist. Autosuggestion? Die Stoiber-Crew kontert mit einem Bild ihres Kandidaten, das „Aufwärts“ sagt und empfiehlt, den Aufschwung zu wählen.

Letztlich bleiben die Botschaften doch immer die gleichen, weshalb ich nicht ganz verstehe, warum die Wahlkämpfer Analogien ausgerechnet diesmal nicht gelten lassen wollen. Stoibers Aufschwung-Kampagne hat Helmut Kohl schon benutzt und noch vor ihm Helmut Schmidt. Derselbe Schmidt, der zwei Mal seine Wahlen gewann, indem er sie zu Abstimmungen über Krieg und Frieden erklärte. In den nächsten Tagen solltest Du aufmerksam herumgucken: Könnte sein, dass Du Plakate entdeckst, auf denen Schröder Dir angesichts der Irak-Diskussion rät, Du solltest „Den Frieden wählen“.

„Zeit für Taten“, damit lagst Du übrigens falsch. Es war Stoibers Spruch. Hätte aber auch Schröders sein können, da hast Du Recht.

Dein M.

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