Zeitung Heute : Und wenn das achte Lichtlein brennt …

Das jüdische Chanukka-Fest und Weihnachten haben verschiedene Ursprünge – und ähneln sich doch

Dagny Lüdemann

Die nächste Kerze brennt, Glühweingeruch liegt in der Luft. Rund 50 Weihnachtsmärkte gibt es in Berlin. Aber was können jüdische Berliner mit diesen christlichen Bräuchen anfangen? Wenig, denn sie feiern nicht Weihnachten, sondern Chanukka – das Fest, mit dem sie an die Wiedereinweihung des Tempels in Jerusalem erinnern. Das liegt ebenfalls im Dezember – in diesem Jahr am 25.

Jetzt gibt es zum ersten Mal einen Wintermarkt für beide Religionen. An zwölf Ständen im Hof des Jüdischen Museums werden noch bis Anfang Januar Kleinigkeiten für Chanukka und Heiligabend angeboten. Unter dem Motto „Weihnukka“ gibt es koscheres Gebäck und Glühwein.

Ursprünglich gab es zu Chanukka weder Geschenke noch einen geschmückten Baum mit roten Kugeln. Allerdings haben viele Juden inzwischen Weihnachtsbräuche in ihr Chanukka-Fest eingebaut – und auch die kommerzielle Vermarktung der Feiertage ist nicht an ihnen vorbeigegangen. Vor allem in Familien, in denen Christen und Juden gemeinsam feiern, gibt es „Weihnukka“, einen Mix aus beiden Festen. Christbaumkugeln mit Davidstern, Weihnachtsmänner, die eine Chanukkia mit acht Kerzen halten, und koschere Plätzchen in Engelsform sind Ergebnis dieser Vermischung. Früher wurden manche Juden von ihren Glaubensgenossen für diese „Untreue“ zur eigenen Tradition belächelt – aus jener Zeit stammt die Bezeichnung „Weihnukka“.

Theologisch haben Weihnachten und Chanukka nichts gemein, doch die Rituale, mit denen sie gefeiert werden, ähneln sich. Licht spielt dabei eine zentrale Rolle: Während der acht Chanukka-Feiertage wird – wie an einem Adventskranz – jeden Tag ein weiteres Licht an der Chanukkia entzündet, einem achtarmigen Kerzenleuchter, nicht zu verwechseln mit der siebenarmigen Menora, dem bekannten Symbol des Judentums.

Eine Weihnukka-Ausstellung, parallel zum Wintermarkt, läuft derzeit im Jüdischen Museum und gibt Einblicke in die Traditionen beider Feste. Gezeigt werden humorvolle Details zu unterschiedlichen Ritualen, aber auch sehr ernste Aspekte, wie die propagandistische Verklärung der deutschen Weihnacht durch die Nationalsozialisten. So gab es im Dritten Reich Christbaumkugeln und Tannenbaumspitzen mit Hakenkreuz. Insofern ist die Ausstellung eine Erleuchtung in mehrfacher Hinsicht. Sie zeigt, wie Weihnachten und Chanukka sich verändert und gegenseitig beeinflusst haben. Wer meint, zumindest über Weihnachten längst alles zu wissen, kann sich hier überraschen lassen. Und schon allein wegen des Designs der phantasievoll gestalteten Räume ist „Weihnukka“ sehenswert.

Weihnukka-Markt: bis 2. Januar, täglich außer Heiligabend 14-20 Uhr im Innenhof des Museums, Eintritt frei.

Weihnukka-Ausstellung: bis 29. Januar, täglich 10-20 Uhr, montags bis 22 Uhr im Jüdischen Museum, Lindenstraße 9-14 (Kreuzberg). Eintritt: 4 Euro.

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