Unendliche Debatte : Wir bauen uns kein Schloss

Gerd Appenzeller

Seit 1999 gehört die Berliner Museumsinsel zum Weltkulturerbe. Das Ensemble der innerhalb weniger Jahrzehnte in einer gewaltigen kulturellen und finanziellen Kraftanstrengung entstandenen Gebäude mit seinen Exponaten wurde vor zehn Jahren bei der Verleihung des verpflichtenden Ehrentitels als einzigartig empfunden. Seit gestern hat der Begriff Weltkulturerbe im Zusammenhang mit der Museumsinsel nun noch eine neue, geweitete Bedeutung. In einzigartiger Lage und die so nirgendwo auf der Welt zu findende Bündelung von Kunst, Geschichte und Architektur ergänzend, entstand mit dem Neuen Museum Raum für die Vor- und Frühgeschichte und für das Ägyptische Museum. Das kulturelle Erbe der Welt – auf der Museumsinsel können es Besucher aus aller Welt in einer einmaligen baulichen Konstellation bewundern. Mehr als drei Millionen kamen vergangenes Jahr. Man muss kein Prophet sein, um an eine weitere Steigerung durch den von David Chipperfield entworfenen Umbau zu glauben.

Mit dem gestrigen Festakt zur Eröffnung des Neuen Museums wurde ja nur ein Zwischenschritt, freilich ein herausragender, dokumentiert. 2001 war die Alte Nationalgalerie wiedereröffnet worden, 2006 das Bode-Museum mit seinen Skulpturensammlungen. Seit 2008 wird das in seinen Anfängen fast 100 Jahre alte Pergamonmuseum grundlegend saniert. Das wird weitere 15 Jahre in Anspruch nehmen. Schon 2013 können die Gäste aber vielleicht die Museen über die nach dem Kunstmäzen James Simon benannte Eingangsgalerie betreten, auch diese ein Entwurf David Chipperfields.

Angesichts dieser historischen und kulturellen Dimensionen überrascht es, wenn nun ein weiterer, gar der Schlussstein im Gebäude der Staatlichen Museen Preußischer Kulturbesitz, wieder infrage gestellt wird. Noch vereinzelte Stimmen nur, aber mit einer gewissen Tendenz zum Chor hinter der Bühne, fordern eine Bauverschiebung des Humboldt-Forums um vier Jahre. Es sei keine Zeit, ein Schloss zu bauen, lautet das Argument. Schließlich sei kein Geld da, und wo doch, möchte man es wohl anders verteilen. Neben diesen Dissens über die Zielvorgabe treten andere Zweifler, denen es nicht um das Pekuniäre, sondern um die Ästhetik geht. Die vormalige Kulturstaatsministerin Christina Weiss wünscht sich einen „kreativen Umgang mit dem Bundestagsbeschluss“ zum Bau des Humboldt-Forums; der lasse viel mehr offen, als die Ausschreibung dann tatsächlich gestattet habe. Heißt im Klartext: Frau Weiss möchte jene barocken Fassaden schleifen, die aber nun einmal in dem mit Zweidrittelmehrheit gefassten Parlamentsbeschluss festgeschrieben sind.

Aber es will ja niemand ein Schloss neu bauen. Eine Heimat für die außereuropäischen Sammlungen soll geschaffen werden, neben anderem. Die jetzt noch im abgelegenen Dahlem versammelten Kunstschätze aus Asien und Afrika sollen im Humboldt-Forum einen endgültigen Platz finden – an jener Stelle, an der das Schloss einmal stand, auf der Spreeinsel im Kern der Stadt, jener Spreeinsel, von der die sogenannte Museumsinsel nur ein Teil ist. Was, wenn nicht dieser Plan, ist dem Weltkulturerbe dienlich? Für diese Idee des Humboldt-Forums stimmten am 4. Juli 2002 im Deutschen Bundestag sogar 549 von 589 Abgeordneten. Eine breitere Mehrheit für ein Anliegen des Bundes – nicht Berlins, wohlgemerkt – ist ja kaum denkbar.

Nun könnte man meinen, vier Jahre Verzögerung seien kein Beinbruch. Aber Verzögerung ist die perfideste Form der Verneinung, und man wird den Verdacht nicht los, hier ginge es weniger um das „wann“ als um das „überhaupt“. Die auf 552 Millionen Euro geschätzte Bausumme hat, auf mehrere Jahre verteilt, nun wirklich keine aufregende Dimension. Der bei Gericht anhängige Streit, ob an den italienischen Architekten Franco Stella überhaupt der Auftrag zum Bau des Forums hätte vergeben werden dürfen, kann aus anderen Gründen zu neuen Zeitplänen führen. Das Projekt selbst aber kann nur von dem gekippt werden, der es auch in Auftrag gegeben hat – vom Deutschen Bundestag. Kaum vorstellbar, dass der mit einem solchen Signal seine Arbeit beginnen wollte.

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