Zeitung Heute : Unerhörtes Volk

Das Schweigen der Weber: In Dresden wächst die Empörung über das Verbot des Hauptmann-Stückes

Axel Vornbäumen[Dresden]

Er sagt: „Das Volk soll zu Wort kommen.“

Immer montags ist er deshalb auf der Straße, seit Wochen schon, bei Wind und Wetter, und nun, an diesem Donnerstagabend ist er deswegen sogar im Theater. Er ist zum Mikrofon gegangen, das da rechts am Rand extra für Leute wie ihn aufgebaut wurde, zögerlich eher, schüchtern. Seine Gestik verrät, dass ihm nicht wohl dabei ist. Gern hätte er „Die Weber“ gesehen, den Chor, die abgerissenen Gestalten, das gefühlte Spiegelbild seiner selbst. Hätte miterleben wollen, wie sie ihren Ärger statt seiner rauskotzen, an diesem Donnerstag, wo er doch immer nur montags an der Reihe ist. Hätte ihre Verzweiflung spüren wollen, jawoll, sogar ihren Hass auf alle die, die auch er so gern zur Verantwortung gezogen hätte.

Er hat sich nicht fein gemacht fürs Theater. Er ist in Straßenklamotten gekommen, in Jeans und kariertem Hemd. Und nun, nun muss er doch selber reden, weil „Die Weber“ nicht reden dürfen, jedenfalls nicht an diesem Abend, nicht auf dieser Bühne, nicht in dieser Inszenierung.

Er sagt deshalb: „Das Volk soll mundtot gemacht werden.“

Das ist seine Überzeugung. Er ist damit nicht allein, beileibe nicht. Er spricht aus, was alle hier denken, fast alle jedenfalls, die geblieben sind, die Schauspieler, die Zuschauer. Viele sind geblieben, und nicht nur, weil es das Eintrittsgeld zurückgibt, an diesem Abend. Er sagt, es sei ein „Skandal“, dass das Verbot des Stückes auch noch im Namen des Volkes ausgesprochen worden sei. Ausgerechnet. Ein Skandal. Es gibt Applaus.

Ja. Es geht viel durcheinander an diesem Abend im Staatsschauspiel Dresden, an dem die Schauspieler im Publikum sitzen, weil die fünfte Aufführung des Stücks von Gerhart Hauptmann nicht zustande kommt, da sie per einstweiliger Verfügung vom Berliner Landgericht gestoppt wurde – nur die Definition von „oben“ und „unten“ scheint glasklar zu sein, und die Gefühle haben ihren Leitfaden.

Kein Urteil war das, nein, schon gar keines im Namen des Volkes, eher ein erster juristischer Zwischenschritt in einem bizarren Streit, in dem es um „Werktreue“ geht, um Urheberrechte, aber eben, zumindest als Subtext, auch darum, was Kunst darf. Der Verlag Felix Bloch Erben hat das Verbot erwirkt, auf Initiative von Anja Hauptmann, der Enkelin des 1946 verstorbenen Autors. Anja Hauptmann hat „volksverhetzende Aussagen“ in der von Regisseur Volker Lösch und Dramaturg Stefan Schnabel bearbeiteten Fassung entdeckt, die „ohne Absprache und Genehmigung“ hinzugefügt worden seien – initiativ wurde die Enkelin allerdings erst, als das Stück bereits vier Mal aufgeführt war. Es gibt, bei genauerem Hinsehen, also schon ein paar Ungereimtheiten, und eine davon ist, dass der Verlag, der nun juristisch gegen die Aufführung vorgeht, noch bis zum vergangenen Wochenende eine Rezension der „Weber“ auf seiner Homepage im Internet stehen gehabt haben soll.

Im Staatsschauspiel Dresden hält man das für eine jener zahlreichen Merkwürdigkeiten, die, wie Intendant Holk Freytag sagt, „für uns nur schwer zu fassen sind“. Freytag spielt damit auf das seiner Ansicht nach „wunderbare zeitliche Zusammenspiel“ zwischen dem stärker werdenden juristischen Engagement des Verlags und dem gleichzeitigen Rückzug des Anwalts der TV-Moderatorin Sabine Christiansen an. Die hatte ursprünglich gegen eine der Textpassagen geklagt, in der es geheißen hatte: „Wen ich sehr schnell erschießen würde, das wäre Sabine Christiansen.“

Anja Hauptmann wiederum hält das mittlerweile auch für einen „Mordaufruf“, die hinzugefügten Textpassagen, gesprochen von einem Chor Dresdner Laienschauspieler, die ihre eigenen Fantasien in einem „rechtsfreien Raum“ zu Protokoll geben, seien „hanebüchen“. Im Staatsschauspiel Dresden hält man den Vorwurf für „hanebüchen“. Kunst, sagt Freytag und zitiert damit Heinrich Böll, müsse zu weit gehen, „um herauszufinden, wie weit sie gehen darf“.

Längst ist es also eine komplizierte Geschichte sich überlagernder Interessen unterschiedlicher Parteien geworden; ein schwer zu entwirrendes Knäuel, das da in der sächsischen Provinz liegt, mitten hineingeraten ins nationale Scheinwerferlicht.

Wie gesagt, auch deshalb geht wohl vieles durcheinander, an diesem Abend in Dresden , an dem die „Weber“ nicht gegeben werden – aber irgendwann steht dann doch eine Frau im Publikum auf und bringt es auf den Punkt. Sie sagt: „Ich fühle mich als Zuschauerin von Berlin entmündigt.“

Sie sagt „von Berlin“, und schon im nächsten Satz wird klar, dass sie damit gar nicht das Landgericht gemeint haben kann, sondern ein Synonym für jenen undurchschaubaren, ganz offenkundig als allgewaltig empfundenen Obrigkeitsstaat. „Das“, sagt die Zuschauerin mit vernehmbarer Verzweiflung in ihrer Stimme, „kann doch nicht sein – das hatten wir vor der Wende auch.“

Es gibt keinen Widerspruch.

Er habe, sagt Regisseur Volker Lösch an diesem Abend, „so etwas wie eine ostdeutsche kollektive Biografie“ dem Hauptmann-Stück hinzugefügt. Nun kann er besichtigen, wie die Verstimmung in Dresden darüber wächst, dass sogar die Präsentation dieser ostdeutschen Biografien auf fremdes Geheiß hin vorenthalten werden soll. „Ich stelle mir immer vor, was soll mal werden“, sagt eine 16-jährige Schülerin, „was soll aus mir werden, wenn ich mal groß bin und wenn ich jetzt schon nicht mal dieses Stück sehen darf.“

Ein Zuschauer wähnt sich mittlerweile in einer Zeit, „vergleichbar mit dem Ende der Weimarer Republik“. Wieder ein anderer beklagt, dass die Lokalzeitungen „den anderen Weber-Chor“, die 400 bis 600 Montagsdemonstranten, die immer noch durch Dresden ziehen, nicht mehr wahrnähmen. Einer beschwert sich über die Medien, die ganz generell nicht mehr an kritischer Aufklärung im Lande interessiert seien. So geht das die ganze Zeit.

Und nun, auch noch, ein Verbot der Träume, der Fantasien, selbst wenn es Hassfantasien sind? Regisseur Lösch und Dramaturg Schnabel haben ihren 33 Frauen und Männer starken Weber-Chor vor Beginn der Proben Fragen beantworten lassen. „Was kann ich besser als andere – was ist besonders an mir – bewerben Sie sich um eine Arbeitsstelle“ . Die Dresdner sollten auch beschreiben, was Arbeit im Einzelfall wieder möglich macht. „Schildern Sie Lebens- und Überlebensträume“. Schnabel war danach „überrascht, wie bescheiden die Wünsche nach Arbeit waren“. Wie bescheiden, was heißt: wie verzweifelt.

Lösch und Schnabel haben diese Wünsche als Chortext eingearbeitet. Die Dresdner Weber rufen nun: „Nicht mehr die mitleidigen Blicke der Nachbarn aushalten“, oder: „Arbeit macht frei, trifft den Nagel auf den Kopf.“ Oder: „Nicht mehr im Kriechgang durch die Gesellschaft“. Oder, bei der Bewerbung auf die Arbeitsstelle: „Sie sehen, ich kann mich vollständig selbst aufgeben. Ich bin in der Lage, mich zum Horst, zum Obst, zu machen, zum Fallobst. Fallobst kann püriert werden, kann gegessen werden. Werde ausgeschissen und kann zum Dünger fungieren. Ich verdaue mich selbst und liege so niemandem zur Last. Ich bin Ihr Mann.“

Es sind, wenn man so will, Berichte zur Lage einer sich übergangen gefühlten Nation. Figuren, wie Lösch es ausdrückt, „die sich in einem emotional aufgeputschtem Zustand befinden“ – auf der Bühne und im Leben. Für Regisseur und Dramaturg war es deshalb kein Wunder, dass die Hassfantasien, denen sich die Dresdner Weber in einem „rechtsfreien Raum“ hingeben sollten, so ausgefallen sind, wie sie ausgefallen sind. Zumal sie, wie Stefan Schnabel erläutert, als einzige der fünf vorgelegten Fragen anonym beantwortet worden seien und den Laienschauspielern freigestellt wurde, ob es sich um eine persönliche Empfindung oder die einer Hauptmann’schen Weber-Figur handele. Im Stück hört sich das dann so an: „Anhänger großer Parteien werden interniert und mit Peitschenfolter zur Arbeit angetrieben. Jugend bekommt wieder Jugendorganisationen. Straffällige Personen werden härter bestraft. Ausweisung nach Sibirien oder Verbrennung in Öfen. Liebe zur Natur. Achtung der Älteren.“

Volksverhetzung? Kunst? Oder doch tiefes Alltagsdenken? Vielleicht, sagt Wolfgang Engel, Intendant des Leipziger Schauspiels, „sollte man Frau Christiansen empfehlen, mal für eine Woche auf dem Arbeitsamt zu arbeiten“. Sie mache sich ja keinen Begriff, „was da in Gedanken gemordet, zerstückelt, getötet wird“.

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