Zeitung Heute : Unerlaubter Weitschuss (XIII): Olympias Mütze

Benedikt Voigt

Beim unerlaubten Weitschuss pfeift der Eishockey-Schiedsrichter ab. Wir aber fangen erst richtig an. Mit Geschichten, die schon mal über das olympische Ziel hinausschießen.

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Tagesspiegel: Alle Berichte von den Olympischen Winterspielen
Newsticker: Aktuelle Nachrichten von den XIX. Winterspielen sowie weitere Sportmeldungen Bei den Olympischen Spielen ist das wie früher im Zeltlager. Einer benutzt ständig ein seltsames Wort, sagen wir "endkrass", und plötzlich fangen alle an, dieses Wort zu benutzen. Auf einmal ist alles "endkrass", obwohl man es früher einfach gut fand oder super oder geil. Oder es färbte sich ein Campteilnehmer die Haare blond. Kurze Zeit später sitzt der nächste mit einer Tönung vor dem Toilettenspiegel und wenn sich das Zeltlager dem Ende entgegenneigt, rennen fast alle mit blondierten Haaren herum. So ist das mit der Gruppendynamik.

In Salt Lake City rückt das Ende der Olympischen Spiele näher, und inzwischen läuft die ganze Stadt mit blauen Berets herum. Diese Baskenmütze hat nichts besonderes, sie ist dezent blau, auf der Seite steht USA 2002, und auf der anderen Seite prangt der Schriftzug des Herstellers "Roots". Die Amerikaner sind ganz wild darauf. Beim Internet-Auktionshaus e-Bay kostet die Mütze bereits 200 Dollar, und vor den wenigen "Roots"-Geschäften in Utah bilden sich lange Schlangen. In Park City zum Beispiel muss man eineinhalb Stunden anstehen, um überhaupt ins Innere des Geschäftes zu gelangen. Dann kann es passieren, dass die Verkäuferin sagt: "Tut mir leid, ausverkauft, kommen Sie morgen Mittag wieder."

Dabei unterstützen die Amerikaner durch ihren Kauf nicht etwa die einheimische Wirtschaft, sondern eine benachbarte. "Roots" stammt Kanada. Das ist übrigens der zweite Renner in Salt Lake City: Weinrote Jacken mit dem Kanada-Logo. Vor dem offiziellen Ausrüstergeschäft der Kanadier in der Main Street stehen die Leute ebenfalls bis auf die Straße. Allerdings dauert es hier nur 20 Minuten, bis man drin ist.

So ganz verständlich ist der Hype um das Beret nicht. Schließlich gibt es noch jede Menge anderer Mützen in dieser Stadt zu kaufen. Eine Amerikanerin in der Straßenbahn staunt über die vielen "Roots"-Mützen um sie herum. "Ich weiß gar nicht, was die alle haben, vor zwei Jahren ist in ganz Amerika höchstens eine einzige Frau mit dieser Mütze herum gelaufen", wundert sich die Amerikanerin. Wahrscheinlich war sie noch nie in einem Zeltlager.

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