Zeitung Heute : Unerlaubter Weitschuss (XVII und Schluss): Schweigen mit Dave

Benedikt Voigt

Beim unerlaubten Weitschuss pfeift der Eishockey-Schiedsrichter ab. Wir aber fangen erst richtig an. Mit Geschichten, die schon mal über das olympische Ziel hinausschießen.

Wir haben vergessen, nach seinem Namen zu fragen. Kann sein, dass er ihn bei irgendeiner Fahrt gesagt hat, kann sein, dass wir uns seinen Namen einfach nicht gemerkt haben. War ja immer sehr spät, als wir in seinen Bus stiegen. Er könnte Dave geheißen haben, oder John oder Jimmy. Wir wollen ihn Dave nennen, weil er uns an einen Amerikaner dieses Namens aus unserer alten Basketballmannschaft erinnerte. Dieser trug auch einen Schnauzbart und war sehr, sehr ruhig.

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Rückblick: Alle Berichte von den Olympischen Winterspielen Das machte Dave so sympathisch. Selten sagte er etwas anderes als "Guten Abend". Das erste Mal, als wir in seinen Bus stiegen, war er schon angefahren und hielt noch einmal an, um uns einsteigen zu lassen. "Guten Abend", sagte er, und dann nichts mehr. Kurz vor dem Ende fragte er: "Welches Hotel?" Dann stoppte er vor dem Holiday Inn und entließ uns in die Nacht. Neben Dave gab es unzählige Helfer bei den Olympischen Spielen. Alle waren sie freundlich, alle hilfsbereit, aber manchmal gingen sie einem durch ihr ständiges Lächeln auf die Nerven. Manchmal stellten sie Fragen, die sie nicht interessierten. Wo kommst du her? Ach wirklich, Deutschland? Cool.

Dave war anders. Wenn wir um kurz nach vier Uhr nachts als einzige Fahrgäste in seinem Bus mitfuhren, herrschte Schweigen. Es war eine wunderbare Stille. Betäubt von der anschleichenden Müdigkeit fuhren wir durch die Nacht, das Schweigen einte uns. Wahrscheinlich hätten wir nie etwas über ihn erfahren, wenn wir ihn nicht eines Nachts gefragt hätten. Dave kommt aus einer Kleinstadt in Montana, von der wir noch nie gehört hatten. Er fährt die College-Basketballmannschaft mit seinem Bus zu Auswärtsspielen und hält sich deshalb öfter in Salt Lake City auf. So lange wie während der Olympischen Spiele war er noch nie in der Stadt, und deshalb war er genauso froh wie wir, als das Ende der Spiele in Sicht kam. Mehr sagte er nicht, in jener Nacht, als Dave redete. Wir wollten auch nicht mehr fragen. Wir sind dann noch einige Nächte mit Dave gefahren. "Guten Abend", sagte er stets, und schwieg, bis sich die Bustür vor dem Holiday Inn öffnete. Nach dem Hotel hat er nie mehr gefragt. Nun ist die Zeit gekommen, sich zu verabschieden. Danke Dave, für alle Nächte, in denen wir gemeinsam schweigen durften.

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