Zeitung Heute : Unfallvermeidung: An Schnellfahrer appellieren oder kräftig schocken?

Joachim Göres

Mehr als 100 junge Leute zwischen 18 und 24 Jahren sterben Monat für Monat auf Deutschlands Straßen in ihren Pkw. Überhöhte Geschwindigkeit, Vorfahrtsfehler, zu geringer Abstand und Alkohol am Steuer - das sind die Hauptgründe für die tödlichen Unfälle. Am kritischsten sind die ersten drei Jahre nach Führerscheinerwerb: in dieser Zeit ist jeder zweite "Anfänger" an einem Unfall beteiligt. "Gerade junge Fahrer neigen zur Selbstüberschätzung", sagt Hauptkommissar Harald Remling, Verkehrssicherheitsberater im niedersächsischen Celle.

Er geht in Schulklassen, spricht über Unfallursachen und Unfallvermeidung, zeigt Fotos von den Bäumen zerschellter Autos, erzählt von den Opfern und der Trauer der Angehörigen. "Die jungen Leute sitzen mit offenen Mündern vor mir und hören gebannt zu. Wenn die Stunde vorbei ist, steigen sie in ihr Auto und fahren mit quietschenden Reifen davon." Viele Praktiker wie Remling sind frustriert angesichts der Ignoranz und der Verdrängung der Gefahren und ratlos angesichts des Leids, das durch jeden tödlichen Unfall immer wieder neu entsteht. "Man kann nur aufklären und hoffen, dass man dadurch einige junge Frauen und Männer vor Unfällen bewahrt", meint Remling.

Geier und Titanic

Plakate mit Appellen, die zum fairen Fahren, zum Gurtanlegen oder zum Verzicht auf Alkohol am Steuer aufrufen - das war bis vor kurzem das übliche Bild an Deutschlands Straßen. Mit mehr oder weniger witzigen Motiven sollten Autofahrer zur Einhaltung der Verkehrsregeln bewegt werden. Doch inzwischen fährt der deutsche Verkehrssicherheitsrat (DVR) mit stärkeren Geschützen beim Kampf gegen Raser auf. Im vergangenen Jahr war an den Autobahnen ein Plakat mit der untergehenden Titanic zu sehen, daneben die Überschrift "... auch zu schnell?" Derzeit grüßen Geier auf Stellwänden neben den Autobahnen die Fahrer mit der Botschaft: "Hallo Raser, wir warten".

"Die Informationsüberlastung ist inzwischen so groß, dass nur noch wahrgenommen wird, was außergewöhnlich ist oder einen psychischen Kick verspricht. Was vor Jahren noch als schockierend empfunden wurde, fällt heutzutage teilweise kaum mehr auf", ist DVR-Hauptgeschäftsführer Siegfried Weber überzeugt.

Remling ist über das Geier-Plakat empört: "Das hat nichts mit Aufklärung zu tun. Man darf nicht mit dem Leid von Unfallopfern spielen." Über die tatsächliche Wirkung von Warnplakaten an den Straßen gibt es kaum Untersuchungen. Dagegen werden die Verkehrssicherheits-Kampagnen meist im Vorfeld getestet. Das österreichische Kuratorium für Verkehrssicherheit in Graz hat dabei festgestellt, dass drastische Motive zu ganz unterschiedlichen Reaktionen führen können. Bei einem Versuch wurden Männern und Frauen zwischen 18 und 45 Jahren Bilder mit blutigen Gesichtern von schwer verletzten Unfallopfern gezeigt, in einem Begleittext wurde an die Folgen für die Familienangehörigen eines Verunglückten erinnert.

Frauen reagieren anders

Das Ergebnis: Frauen neigen unter diesen Bedingungen dazu, ihr Fahrverhalten zu überdenken und Einstellungen zu ändern, Männer reagieren dagegen negativ auf solch ein Motiv. Je stärker der Angstappell, umso eher die Bereitschaft bei Frauen, riskantes Verhalten im Verkehr zu vermeiden. Männer reagieren dagegen in der Regel, je weniger ihnen Angst gemacht wird. Das Dilemma solcher Untersuchungen: inwieweit Einstellungsänderungen wirklich zu einem anderen Verhalten im Verkehr führen und wie lange solche Effekte anhalten, bleibt offen.

Hauptkommissar Remling setzt nicht auf drastische Motive, sondern auf ein schlichtes Symbol: Straßenkreuze, die von Angehörigen oder Freunden von Verkehrsopfern am Unfallort zur Erinnerung aufgestellt werden. Er hat im vergangenen Jahr 33 Kreuze am Wegesrand fotografiert und seine Aufnahmen für eine Ausstellung zusammengestellt.

"Kreuze am Straßenrand sind etwas Positives, denn sie haben eine starke Aussagekraft und veranlassen uns, über unser eigenes Fahrverhalten nachzudenken", meint der katholische Pater Kasimir Pajor aus Celle. Eine durchaus umstrittene Meinung: in vielen Gegenden werden Kreuze am Wegesrand von den Behörden sofort wieder entfernt. "Die lenken die Autofahrer ab", heißt es dort. Spätestens im Frühjahr, wenn die Fahrbahnränder von den Landkreisen gereinigt werden, verschwinden viele Straßenkreuze. Eine wissenschaftliche Untersuchung über die Wirkung von Straßenkreuzen gibt es laut Remling bis heute nicht.

"Als mein Schwager damals das Kreuz für Michael am Unfallort aufstellte, dachten wir, dadurch fahren Pkw-Fahrer vorsichtiger. Heute glaube ich nicht mehr daran", sagt Birgit Rotemann enttäuscht. Ihr Sohn starb am 17. Juli 1993, an seinem 22. Geburtstag, als er mit seinem Wagen von einer viel befahrenen Bundesstraße abkam und gegen einen Baum fuhr. Die Enttäuschung hat ihre Gründe: "Nach Michaels Unfall gab es eine Geschwindigkeitsbegrenzung. Als dann längere Zeit nichts passierte, wurde sie wieder aufgehoben, und heute wird wieder gerast wie eh und je."

Die Ethnologin Andrea Löwer hat für ihr Buch "Kreuze am Straßenrand. Verkehrstod und Erinnerungskultur" (ISBN 3-923992-65-3) Personen in der Gegend des hessischen Gelnhausen nach ihren Gründen gefragt, warum sie für ein Unfallopfer am Unglücksort ein Kreuz aufstellten. Von einem Motorradfahrer bekam sie folgende Antwort: "Mit dem Motorrad-Club waren wir mit acht, neun Leuten da und haben den Grabstein gesetzt und alles. Und es hat geholfen. Wir haben uns auf jeden Fall besser danach gefühlt."

Kreuze am Straßenrand

Schlichte Holzkreuze überwiegen nach Löwers Beobachtung an Deutschlands Straßen, häufig mit frischen Blumen geschmückt. Es finden sich an den Rändern der Fahrbahn auch Kreuze aus Bambus oder Metall, meist namenlos oder mit den Vornamen der Opfer. Löwer hat bei ihren Interviews festgestellt, dass das Kreuz heute als Symbol des Todes dient, kaum einer stellte es aus religiösen Gründen auf.

Kreuze am Wegesrand - sie werden auch von Polizei und Verkehrswacht zur Abschreckung genutzt. So hat die Polizei auf der Bundesstraße von Dannenberg nach Lüchow besonders gefährliche Stellen mit großen weißen Kreuzen markiert. In Schleswig-Holstein war an vielen Straßen lange ein schwarzes Plakat zu sehen, auf dem ein hell leuchtendes Straßenkreuz und daneben ein rasendes Auto hervorstach.

Wenn die Motive auch umstritten sind - einig sind die Experten in Deutschland, dass auch bei schockierenden Warnplakaten dem Autofahrer immer eine Alternative mitgeliefert werden muss, wie eine Gefährdung verhindert werden kann. Letztlich ist der Erfolg jeder Kampagne wie zum Beispiel derzeit die Geier-Plakate an den Autobahnen an den Unfallzahlen zu messen. Und die stimmen eher nachdenklich: In den ersten sechs Monaten dieses Jahres starben auf deutschen Autobahnen 450 Menschen, zehn Prozent mehr als im ersten Halbjahr des Vorjahres. Die Hauptursache war zu hohe Geschwindigkeit.

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