Zeitung Heute : Ungeklärte Sicherheitsfragen im Zahlungsverkehr bremsen E-Commerce

Martin Busche

Wieder wird sich alles um die Entwicklung des Electronic-Commerce (E-Commerce) bei der Internet-World drehen. Das war auch in den vergangenen Jahren nicht anders. Doch mittlerweile erkennen auch die größten Dollaraugen, dass das E beim Kommerz nicht unbedingt für Erfolg, sondern auch für Ernüchterung stehen kann. Dabei hören sich die Zahlen gut an, oberflächlich betrachtet. Unternehmen in Deutschland, Österreich und der Schweiz erwarten, dass ihre über Electronic Commerce realisierten Umsätze in den kommenden zwei Jahren bis zum Achtfachen ansteigen, teilt der Nachrichtendienst ADN jetzt mit. Noch vor einem Jahr seien die Unternehmen lediglich von einer Dreifach-Steigerung ihres Umsatzes ausgegangen, heißt es dort weiter. Die Studie, im Auftrag der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPF erstellt, weiß aber auch von etlichen Problemen zu berichten. So sehen viele Unternehmen ein erhebliches Effizienzpotenzial im Einsatz von E-Commerce-Lösungen. Im Klartext heißt das: Viele E-Commerce Anwendungen funktionieren nicht oder sind nicht praktikabel.

Als besonders problematisch erweist sich der Zahlungsverkehr im Netz. Selbst notorische Optimisten können die Sicherheitslücken beim einfachen Zahlungsverkehr per Kreditkarte nicht wegdiskutieren. Das verunsichert potenzielle Kunden, die dann doch lieber offline shoppen gehen. Wie wichtig Vertrauen für die Wahl des Einkaufsmediums ist, zeigt eine bereits 1998 weltweit getätigte Umfrage der Georgia Tech Corporation. Dabei begründeten sieben von zehn Befragten ihre Kaufenthaltung mit vermuteten Sicherheitsmängeln im Online-Zahlungsverkehr. Deshalb ist die Industrie in Punkto Sicherheit auch durchaus kreativ. Die Gerling-Versicherung hat ein eigenes Gütesiegel entwickelt. Andere Firmen experimentieren mit speziellem Online-Geld. Doch solange der große Schlag nicht gelingt, bleiben die Kunden skeptisch.

Dementsprechend ernüchternd sind neuere Prognosen für die Boom-Branche: Selbst durchweg optimistische Studien schätzen den Online-Anteil am gesamten US-Handelsvolumen im Jahr 2003 auf kaum mehr als sechs Prozent. Zum Vergleich: Vor zwei Jahren waren in einer Umfrage der Marktforschers Ernst & Young noch 50 Prozent der US-Einzelhändler der Ansicht, bereits dieses Jahr seien mindestens 20 Prozent ihres Umsatzes online zu erwirtschaften. Tatsächlich waren es 1999 gerade einmal zwischen 0,6 und 1,2 Prozent. Doch das kann die allerorten um sich greifende Euphorie nicht bremsen. Dabei reicht oft ein Blick auf die Bilanzen, um sich eines besseren belehren zu lassen. Dann wird deutlich, dass selbst Amazon, ein virtueller Buchladen und allerorten als E-Commerce-Pionier vergöttert, kein echtes Profitcenter mehr ist. Das Gegenteil ist der Fall: Amazon schreibt seit Jahren Millionenverluste. Das einst revolutionäre Konzept des Online-Shops, haben mittlerweile andere Anbieter kopiert und zum Teil verbessert. Der Anfangserfolg ließ sich nicht wiederholen.

Doch obwohl viele Träume nicht reifen werden: Im E-Commerce liegt immer noch ungeheures Potenzial. Das Tempo, mit dem neue Ideen auf den Markt geworfen werden, hat in einem unvorstellbaren Maß zugenommen und wird auch nicht abnehmen. Nicht zu Unrecht wird gern zwischen einer normalen und einer Internet-Zeitrechnung unterschieden. Produkte, gerade erst einmal entwickelt, lassen sich weltweit verkaufen, ohne dass sie bei einem einzigen Händler im Regal liegen. Ideen und Projekte, die vor einigen Jahren unvorstellbar schienen, gedeihen mittlerweile im weltweiten Web. Das sind Impulse, die auch für die Wirtschaft nicht wegzudiskutieren sind. Es bleibt deshalb spannend. In und auf der Internet-World.

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