Zeitung Heute : Ungewollt glücklich

Der Tagesspiegel

Von Amory Burchard

Erst im achten Monat haben ihre Eltern was gemerkt. Vorher hat sich Ira dünn gemacht. Als das nicht mehr ging, versteckte sie sich in Kiew. Eine unverheiratete werdende Mutter gab es in ihrer Familie noch nie, in dieser guten ukrainischen Familie aus Lemberg. Iras deutscher Freund saß in Berlin und erfand immer neue Gründe, warum sie noch nicht heiraten konnten. „Abtreiben“, befahl er, als Ira ihm sagte, dass sie schwanger sei und schickte eine Einladung. Das Visum bekam sie spät. Zu spät für eine Abtreibung. Die Familie verstieß sie und auch der Freund in Berlin wollte von dem dicken Bauch nichts wissen. „Runterspringen, das Kind verlieren oder Selbstmord“, dachte sie.

Fünf Monate später: Katja liegt in ihrem Bettchen. Ein frisch bezogenes Kinderbett in einem hellen Zimmer. Ein properes Mädchen mit gesunder Gesichtsfarbe. Katja weint nicht, als sie aufwacht. Sie brabbelt ein paar Babylaute. Ira nimmt sie mit einem Lächeln hoch. Sieht so eine verstoßene Mutter mit ihrem ungewollten Kind aus? „Ich fühle mich hier so …“ Ira sucht nach Worten: „Wie in einer Familie.“ Seit der Geburt haben Ira und ihr Baby eine Adresse: Kinderhaus Sonnenblume, Lessingstraße 21, 16321 Schönow bei Bernau. „Gott sei Dank, es gibt so ein Haus und Schwester Monika“, sagt Ira.

Als Schwester Monika ihr Kinderhaus Anfang 1999 eröffnete, wollte sie „Müttern das Angebot machen, zu uns zu kommen, bevor sie ihrem Kind etwas antun.“ Die Franziskanerin übergab die von ihr nach der Wende aufgebaute Suppenküche für Obdachlose in Pankow einem Ordensbruder, um sich der Rettung der ungewollten Kinder zuzuwenden. Bis zu drei nach der Geburt getötete Kinder pro Jahr werden in Mülltonnen oder auf Deponien um Berlin gefunden. Es gibt Frauen, die zu Hause entbinden, wenn die Kinder in der Schule sind. Andere gehen heimlich in den Wald oder in eine öffentliche Toilette. Sie spülen es weg oder sie vergraben es. Schwester Monika wollte, dass diese Kinder leben könnten.

Eine 15-jährige Berlinerin bekam am 11. April in einer Wohnung in Lichtenberg ein Kind. Sie oder ein „Helfer“ töteten es und warfen es in den Müllschlucker. Ein paar Monate vorher hatte eine 14-Jährige aus einem anderen Plattenbaubezirk entbunden. Sie lebte allein mit ihrer Mutter. Der war peinlich, was ihrer Tochter passiert war. Sie meldete sie von der Schule ab und sperrte sie in der Wohnung ein.

„Weggesperrt, eingeschlossen“, sagt Schwester Monika mit ruhiger Stimme. Sie hat die Fassungslosigkeit angesichts solcher Leidensgeschichten überwunden. Die Franziskanerin weiß zu viel: Dass die Bäuche Schwangerer nicht wachsen, wenn die Panik der Frauen so groß ist wie der Druck von außen. „Ich darf nicht schwanger sein, weil die Beziehung nicht stimmt oder weil die Eltern mich rausschmeißen“, übersetzt Schwester Monika den verzweifelten Text aus den Köpfen der Frauen. Sie weiß nicht nur aus den Medien, welchen Ausweg Frauen suchen, wenn ihnen niemand den Weg nach Schönow oder zu einer der „Babyklappen“ zeigt.

Eine 14-Jährige sitzt mit ihrer hilflosen Mutter in einer kleinen Wohnung und darf nicht raus. Bis zu diesem Punkt könnte dieses Schicksal dem des Müllschluckerbabys gleichen. Aber kurz vor der Geburt hielt die Mutter der 14-Jährigen den Stress mit der verängstigten Tochter nicht mehr aus. Sie ging zu einer Familienberatungsstelle und bekam die rettende Adresse in Schönow. Ein paar Tage wartete das Mädchen unter Schwester Monikas Obhut auf die Wehen, brachte das Kind im nahe gelegenen Krankenhaus zur Welt und gab es zur Adoption frei. Heute ist auch dieses ungewollte Baby ein glückliches Kind.

„Gebt uns einfach die Kinder!“ wollte sie am Anfang den Müttern zurufen. Auf der Schwelle des Einfamilienhauses in der Lessingstraße können sie ihr Baby ablegen. Sie können sich am Tag der Geburt melden, ins Krankenhaus gehen, ohne ihren Namen zu sagen und das Kind anonym zurücklassen. Auf Flyern, die Straßensozialarbeiter und Beratungsstellen verteilen, steht es so und durch Mundpropaganda spricht es sich herum. Bis heute gibt es dieses so genannte „niedrigschwellige Angebot“ im Kinderhaus. Dass einer Frau ohne jeglichen Kontakt zu Behörden oder zur Krankenkasse geholfen werden kann, ist durch Spenden gesichert. Aber Schwester Monika weiß jetzt, dass die absolute Anonymität für Mutter und Kind nur der letzte Ausweg sein darf.

Von den Müttern, die ihr Kind so ins Leben geben, hört Schwester Monika nie wieder etwas. Sie bekam jedoch Briefe und Besuch von anderen „Menschen ohne Wurzeln“. Darunter eine Frau, die vor 22 Jahren ihr Kind ausgesetzt hatte. Ein 65-jähriges Findelkind, das noch immer seine Mutter sucht. Auch eine geregelte Adoption kann für das Umfeld geheim bleiben, sagt Schwester Monika den Frauen. Eine von ihrem Mann bedrängte Schwangere, die schon ein Kind hat, kann in ihrem Heimatdorf sagen, sie mache eine Mutter-Kind-Kur. Wenn sie will, kann sie ohne Bauch gehen und wiederkommen in dieses Dorf, zu diesem Mann. Oder sie kann die „Kur“ in Schönow etwas verlängern, und „überlegen, wie ich weiterlebe, sehen, das ist nicht das Ende.“ Das sind Iras Worte. Sie ist zur Zeit die einzige Mutter in Schönow, die sprechen will. Auch sie hatte zuerst nur ihr Kind entbinden und dann weggehen wollen. Als sie das Baby sah und ein bisschen mit ihm zusammen war, konnte sie sagen: „Ich bin froh über mein Mädchen.“

Wohin mit dem Baby?

Das Kinderhaus Sonnenblume e.V. (Lessingstraße 21 in Schönow bei Bernau) nimmt Schwangere in Krisensituationen auf - und Säuglinge, deren Mütter sie nach der Geburt weggeben wollen. Informationen im Internet unter www.kinderhaus-sonnenblume.de ; Kontakt zu Schwester Monika unter 03338 / 759402 (rund um die Uhr) oder per E-mail unter kontakt@kinderhaus-sonnenblume.de

Informationen über die „Babyklappen“ dreier Berliner Krankenhäuser, in denen Kleinstkinder anonym abgelegt werden können, im Internet unter www-babyklappe-berlin.de oder telefonisch unter 0800-111 0 222. -ry

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