Zeitung Heute : Unglück im Glück

Sie erwartet ein Baby, und sie freut sich darauf. Doch als das Kind da ist, dreht sie durch. Jede zehnte Mutter kennt solche Depressionen. Der größte Fehler ist: darüber zu schweigen.

Verena Mayer

Als das Kind, das sie und ihr Mann sich so sehr gewünscht hatten, endlich da war, wollte sie nur eines: es loswerden. In Gedanken spielte sie alle Varianten durch, immer und immer wieder. Dass sie das Kind zu ihrer Mutter geben oder es adoptieren lassen könnte. Eines Tages saß sie mit ihrem Mann zusammen und schlug ihm vor, das Kind bei Pflegeeltern unterzubringen. Ihr Mann sagte nur: „Du bist krank.“ Das war ihre Rettung. 17 Tage nach der Geburt ihres Kindes ließ sie sich in eine Klinik einweisen.

Steffi W. sitzt in einem Café hinter der Humboldt-Uni, das Handy auf laut gestellt. Falls etwas mit den Kindern ist, zwei Jungs, drei und fünf Jahre alt, „bei beiden hatte ich das“. Das: eine postpartale Depression, die auch „postnatale Depression“ heißt und im Volksmund Wochenbett-Depression genannt wird. Sie trifft in Deutschland schätzungsweise 80 000 von den rund 680 000 Frauen, die derzeit jedes Jahr Mütter werden.

Eine postpartale Depression geht über das kurze Stimmungstief des „Babyblues“, der die große Mehrzahl der Mütter für ein paar Tage erfasst, weit hinaus. Sie kann vergleichsweise leicht ausfallen, dann sieht die Mutter ihr Kind als etwas Fremdes an, das nicht in ihr Leben gehört. Sie kann schwer ausfallen, dann will die Mutter sich umbringen und ihr Kind mitnehmen. Nur sprechen will kaum jemand darüber. Weil es so gar nicht zu dem passt, was man gemeinhin unter Mutterglück versteht.

Steffi W. redet darüber, auch wenn sie ihren Namen nicht preisgeben möchte. Sie ist 37, hat schöne lange Haare und gehört zu den Menschen, die größer wirken, je näher man ihnen kommt. Steffi W. spricht flüssig und wohlformuliert. Manche ihrer Sätze wirken wie Beschwörungen: So, als könnte sie „das“ am besten dadurch bannen, dass sie es ausspricht. Diese Angst vor dem eigenen Kind, vor seinem „durchdringenden Blick“, der sie zu verfolgen schien. Die merkwürdigen Gedanken, wenn sie in der Küche Messer mit scharfer Klinge sah. Die Vorstellung, „dass ich meinem Elend ein Ende setze und wir gemeinsam in den Weißensee springen im kalten Januar“.

„Das“ ist nun auch das Thema eines Films. Er heißt „Das Fremde in mir“ und erzählt die Geschichte einer Frau, die von einer postpartalen Depression so sehr aus der Bahn geworfen wird, dass sie eines Tages das Kind zu Hause lässt und davonläuft. Die junge Regisseurin Emily Atef sagt, dass sie anfangs Schwierigkeiten hatte, mit dem Thema bei Verleihern durchzudringen. Wer will schon einen Film über eine Mutter sehen, der ihr Kind gleichgültig ist? Auch sie sei mit der Vorstellung aufgewachsen, „dass eine Mutter ihr Kind nach der Geburt uneingeschränkt liebt“, sagt Atef. In ihrem Spielfilm setzt sie vor allem die wortlose Starre in Szene, die sich mit der Krankheit zwischen Vater, Mutter und Kind einschleicht. Keiner kann aus sich heraus, die kranke Mutter ist ebenso in sich gefangen wie der überforderte Vater, der seinen Job aufgeben muss, um das Kind zu versorgen. Alle schweigen sich an, selbst das Baby scheint im Laufe des Films zu verstummen.

Steffi W. arbeitet freiberuflich, als Übersetzerin für Englisch. Sie hat immer auf eigenen Beinen gestanden und ihr eigenes Geld verdient. Sie studierte, lebte ein Jahr in London und eines in Florenz. Sie hat gute Freunde, mit denen sie „Wochenenden verlabern konnte“, und die Beziehung zu ihrem Mann war so gut, dass die beiden sich eines Tages sagten, jetzt sind wir bereit für ein Kind.

Die Geburt zwei Tage nach Weihnachten war „ein Massaker“, sagt Steffi W. Sie gebraucht drastische Bilder, sobald es um „das“ geht, spricht von „Wahnsinn“ oder von einer „Front, an der der Kampf tobte“. Das Kind war groß und schwer, 26 Stunden lag sie in den Wehen, sie hatte das Gefühl, sie stirbt und ihr Bewusstsein spaltet sich vom Körper ab. Als sie es endlich geschafft hatte, war alles voller Blut, selbst ihr Gesicht war blutverschmiert. Sie sah ihr Kind an und fühlte: nichts. Nichts von dem, was sie über das Mutterwerden gehört oder gelesen hatte. Dass die Geburt der schönste Tag im Leben sei. Oder dass nur eine Mutter wisse, was Liebe bedeute. Steffi S. sah einfach nur eine „graue Wand“.

Vielleicht ist es mit dem Mutterwerden wie mit dem ersten Mal zwischen Mann und Frau. Zuvor hat man die romantischsten Bilder im Kopf, aus der Werbung, aus Büchern und Filmen. Von Erfüllung und totalem Glück. Wenn es dann so weit ist, ist man erst einmal ziemlich ernüchtert. „Einfach nur ertragen und sich fügen, so habe ich mir die Geburt nicht vorgestellt“, schreibt eine junge Mutter im Internet. „Alles war so fremd, und von Anfang an habe ich mich nicht wirklich wohlgefühlt“, eine andere.

Eine postpartale Depression kann jede junge Mutter treffen. Auslöser gibt es viele. Die Hormone, Schlafmangel oder eine familiäre Vorbelastung. Das soziale Umfeld, falsche Erwartungen oder traumatische Erlebnisse vor oder während der Geburt spielen ebenfalls eine Rolle. Forscher haben herausgefunden, dass selbst Väter depressiv werden können, wenn das Neugeborene den Alltag komplett auf den Kopf stellt.

Bei Steffi W. war es so, dass drei Tage nach der Geburt ihre Tante starb. Der Tod, so kurz, nachdem sie Leben geschenkt hatte, habe sie geschockt. „Ich dachte, einer kommt, einer geht, und ich habe den gebracht, der kommt.“

Irgendwann wurde aus den trüben Gedanken „eine Aneinanderreihung von Tagen, an denen ich nicht zu mir selbst kam“. Ihr Sohn hatte Koliken und schrie Abende und Nächte durch, Steffi W. kam nie länger als eine Dreiviertelstunde zum Schlafen. Ihre Ehe war zur abwechselnden Kinderbetreuung geworden, wobei sie den Tag, an dem ihr Mann wieder arbeiten musste, „wie ein schwarzes Loch auf mich zukommen“ sah. Sie wollte nicht allein sein mit dem Kind, hatte Angst, dass sie es verhungern lassen könnte. Ihre schönsten Momente waren die kurz nach dem Aufwachen. „Diese eine Sekunde, wenn man glaubt, die Welt ist in Ordnung“, sagt Steffi W. „Doch dann kommt sofort der Gedanke: Das Baby ist ja da.“

Ihre Tage waren eine Abfolge von Rastlosigkeit und Abstürzen, auch das ist typisch für diese Form der Depression, die jederzeit im ersten Jahr nach der Geburt entstehen kann. Sie schlief schlecht und träumte vom Sterben, sie zitterte, „dann rannte ich wieder wie ein aufgescheuchtes Huhn durch die Gegend“. Sie wollte perfekt sein und wusste doch, sie konnte es nicht sein, und das machte alles noch schlimmer.

Als Steffi W. fürchtete, eine Gefahr für ihr Kind zu werden, ging sie in das psychiatrische Krankenhaus in Weißensee. Sie wurde einige Wochen in einem Mutter-Kind-Zimmer behandelt, danach schlüpfte sie mit dem Baby bei ihrer Mutter im Erzgebirge unter. Dort erfuhr sie, dass ihre Mutter nach ihrer Geburt dasselbe erlebt hatte. Nur dass es damals keine Worte dafür gab.

Heute ist die postpartale Depression gut erforscht, sagt Adelheid Barth-Stopik, Ärztin für Psychiatrie und Psychotherapie in Berlin. Und die Heilungschancen seien „extrem günstig“, die postpartale Depression ist gut behandelbar. Mit Medikamenten und einer stationären Therapie in den schweren Fällen, in den leichten helfe es manchmal schon, eine Haushaltshilfe für die junge Mutter zu organisieren. „Viele Frauen, die eine Depression bekommen, stehen unter enormem Leistungsdruck und können sich nicht erlauben, schwach zu sein.“

Nach drei Monaten sei das meiste ausgestanden, sagt Barth-Stopik. Auch Steffi W. ging es nach zehn Wochen besser, „als die Tage Gleichmaß annahmen“. Und als sie begann, an ihr neues Leben dieselbe Tatkraft anzulegen wie an ihr altes. Sie unternahm jeden Tag etwas mit dem Kind, traf Freunde und vermied es, allein mit dem Baby zu Hause zu sitzen. Wenn „die graue Wand wieder runterfiel“, nachts vor allem und im Winter, lenkte sie sich ab. Schaltete den Fernseher ein oder ging spazieren oder shoppen. Bis „das“ eines Tages vorbei war, so unerwartet, wie es in ihr Leben gekommen war. Irgendwann war sie so weit, dass sie sich sogar ein zweites Kind zutraute. Sie wurde schnell wieder schwanger, „ich dachte mir, Zähne zusammenbeißen und durch“. Sie war dieses Mal ja vorbereitet auf das, was auf sie zukommen würde. Nach der Geburt ließ sie sich gleich stationär behandeln, recherchierte im Internet und ging zum Verein „Schatten und Licht“, einer Selbsthilfeorganisation für Frauen mit postpartaler Depression, die es seit 1996 in ganz Deutschland gibt.

Inzwischen ist Steffi W. ganz geheilt und berät selbst Frauen, abends am Telefon. Sie gibt ihnen die Adressen von Ärzten und Therapeuten, besucht sie im Krankenhaus oder hört sich ihre Geschichten an. Geschichten von erfolgreichen Frauen Mitte 30 und lange herbeigesehnten Kindern. Von großen Erwartungen und herben Enttäuschungen. Aber zumindest reden sie, sagt Steffi W. „Eine ganze Menge wurstelt vor sich hin und meldet sich nicht zu Wort.“

Steffi W. wirft einen Blick auf ihr Handy. Es hat einmal geklingelt, aber es war nichts Wichtiges, nichts mit den Kindern jedenfalls. Für jedes Kind sei eine depressive Mutter eine „massive Beeinträchtigung“, sagt Psychiaterin Barth-Stopik. Schon daher sei es wichtig, auf auffällige Krankheitssymptome bei jungen Müttern zu achten. Den Hebammen, die die Frauen nach der Geburt betreuen, würde dabei eine Schlüsselfunktion zukommen. Steffi W. wünscht sich dagegen so etwas wie Mütterhäuser – zum Beispiel Einrichtungen in Gesundheitszentren – die die betroffenen Frauen auffangen und sich um sie kümmern.

Sie sagt, sie habe lange darunter gelitten, dass sie ihrem ersten Kind nicht gerecht werden konnte, als sie krank war. Sie hat viel und lange gestillt, um wenigstens durch Nähe auszugleichen, „was ich ihm nicht geben kann“. Er sei bis heute sensibel und auch ein wenig scheu, im Gegensatz zu ihrem zweiten Sohn, der von Anfang an „ein geliebtes Kind“ gewesen sei. „Alles ist noch immer ein bisschen fragil.“

Doch irgendwann kam der erste Sommer mit ihrem Kind. Steffi W. fuhr ans Meer, an die Ostsee, und das Kind habe zum ersten Mal gelacht. „Da kam mir das Gefühl, er mag mich doch ein bisschen.“ Steffi W. sieht gebannt auf ihr Handy. Als habe sie Angst, ein Klingeln könnte die Zartheit dieses Augenblicks wieder zunichte machen.

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