Zeitung Heute : Unglück von Kaprun: Sammelklage für die Seilbahnopfer

Paul Kreiner

Ed Fagan ist wieder da. Nicht nur weil er Wien "really fantastic" und "so romantic" findet. Vielmehr reist der amerikanische Staranwalt zur Arbeit an. Sie besteht in der Regel darin, dass er in einem möglichst noblen Hotel einen möglichst großen Schwarm Journalisten um sich versammelt und Donnerworte loslässt. Und schon ist er wieder verschwunden.

Eigentlich wollte Fagan vergangene Woche nach Wien fahren, um in Österreich die Entschädigungsverhandlungen für NS-Opfer voranzutreiben. Aber dann brannte in Kaprun die Gletscherbahn aus. Die Bergungsarbeiten waren gerade erst angelaufen, schon ließ Fagan aus den USA die österreichischen Medien wissen: "Wenn es Angehörige von Opfern gibt, die glauben, dass ich ihnen bei ihren Ansprüchen helfen kann, werde mich zur Verfügung stellen." Drei Tage später war er dann planmäßig in Wien und sprach von einer "unglaublichen Katastrophe". Angehörige könnten bei einer Klage in den USA mit elf Millionen Mark Schadenersatz rechnen, deutete er an. In Österreich gibt es höchstens eine halbe Million Mark. Fagans eilige Ankündigung hat sich angeblich für ihn schon gelohnt. Er habe "derzeit das Mandat von 16 bis 20 Familien bekommen", sagt er.

Aber die meisten österreichischen Journalisten sind misstrauisch gegenüber Fagans Hilfsangebot. Sie nennen es sogar einem "Verstoß gegen die guten Sitten": Dem US-Anwalt gehe es nicht um die Opfer, heißt es in der Presse, sondern um sein eigenes Portemonnaie. Fagan ist in Wien unbeliebt, seit er im April in New York eine seiner berühmten Sammelklagen einbrachte, die sich diesmal gegen Österreich richtete. Die österreichische Öffentlichkeit hat, was NS-Zwangsarbeiter angeht, kaum ein Unrechtsbewusstsein. Außerdem sei Fagans Forderung unverhältnismäßig: Das Land sollte 37 Milliarden Mark Entschädigungen zahlen, etwa so viel wie Fagan zuvor dem zehnmal größeren Deutschland abverlangt hatte. Ein Staatsbankrott wäre die Folge, antwortete damals die österreichische Regierung.

Hinzu kam, dass sich Fagan beleidigend über die österreichische Verhandlungsführerin Maria Schaumayer äußerte: Noch niemals, sagte er, habe es "jemand gewagt, eine Frau gegen mich antreten zu lassen, die wie meine Oma ist". Nun, Schaumayer befand sich damals tatsächlich im Ruhestand und tritt in Haartracht und mit Täschchen außergewöhnlich altmodisch auf. Der Bitte des Bundeskanzlers, als Regierungsbeauftragte die Zwangsarbeiterverhandlungen zu übernehmen, ereilte sie mitten in einer Partie Bridge. Doch Schaumayer stand früher einmal an der Spitze der Österreichischen Nationalbank. Sie ist eisernes Auftreten gewohnt und ließ sich auch von den scharfen Tönen Fagans nicht beeindrucken. So gelang es ihr sogar, die Verhandlungen ohne Beteiligung Fagans durchzuziehen. Sie sprach nur mit der US-Regierung und den Regierungen der Nachbarstaaten. Die Entschädigungssumme handelte sie auf 900 Millionen Mark runter. Am 24. Oktober reiste Fagan zur Unterschrift an: Das Abkommen war fertig, Fagan garantierte Rechtsfrieden.

Aber auch Fagan hatte einen Erfolg errungen. Die Regierung setzte neue Verhandlungen an, wie es Fagan verlangt hatte. Diesmal sollte es über die Entschädigung für enteignetes jüdisches Vermögen während der NS-Zeit gehen. Doch auch hier geht der Streit zwischen der österriechischen Regierung und dem Anwalt weiter: Die Regierung halte historisch belastende Dokumente und Zwischenberichte der amtlichen Historikerkommission zurück, sagt Fagan. Außerdem sei der Betrag von 21 Millionen Mark, den das Land bei den Verhandlungen angeboten habe, lächerlich. Die neue Sammelklage, die Fagan in New York eingebracht hat, lautet auf elf Milliarden Mark. In Österreich hat sich diese Summe noch nicht herumgesprochen, weil das Land mit Kaprun beschäftigt war. Also äußerte sich Ed Fagan zum Seilbahn-Unglück, vorsichtshalber - vielleicht hätte in diesen Tagen sonst gar niemand Notiz von ihm genommen. Die Hauptfrage hat Fagan unklar beantwortet: Wie kann es sein, dass amerikanische Gerichte für einen Unfall in Österreich zuständig sind? Er glaube, sagt Fagan, dass sie sich für zuständig erklären, wenn nur ein Bauteil der Bergbahn aus den USA stammt.

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