Zeitung Heute : Ungültig wählen

Marius Meller

Wie ein Neuberliner die Stadt erleben kann

Der Neuberliner ist verärgert. Er geht mit offenem Herzen durch die Stadt, auf dass er sie dereinst Heimat nenne, so wie er früher die liebliche Hauptstadt der Kurpfalz seine Heimat nannte. Und nun der Rückschlag: Stolz schickt er sich an, sein Wahlrecht im neuen Wahlbezirk wahrzunehmen, verunsichert durch die Wahlplakate verschiedener Kandidaten der jeweils selben Parteien in seiner Straße, erkundigt er sich persönlich beim Bürgeramt, welchem Wahlbezirk seine Wohnung genau zuzuordnen sei, aha, man wohne an der Wahlbezirksgrenze, deshalb die verwirrende Wahlwerbung, aber die Sache sei klar, Wahlbezirk 287, vielen Dank, und informiert sich gewissenhaft über die Kandidaten im Internet, zweifelt an Ströbele (Grüne), weil dieser einst sehr freundlich zu der RAF war und nun den Hanf freigeben will, fährt einmal sogar Taxi ohne Beförderungsbedürfnis (Kurzstrecke), um vom türkischen Taxifahrer Authentisches über den Kandidaten Ahmet Iyidirli (SPD) zu erfahren, studiert sorgfältig die Biografie von Kurt Wansner (CDU), begibt sich am Wahltag frühmorgens ins Wahllokal 287, blinzelt vergnügt den Wahlhelferinnen zu, nimmt seinen Stimmzettel, geht in die Wahlkabine und – liest die Namen der Pankower Kandidaten: Thierse, Nooke, Schulz. Verlässt die Kabine wieder, fragt die Helferinnen um Rat, die versichern, alles habe seine Richtigkeit, Wahlbezirk 287 sei Wahlbezirksgrenze, mache öfters Probleme, aber alles sei unter Kontrolle, alles paletti! Macht beruhigt die Kreuze (oh naiver Neuberliner!), liest tags darauf in der Zeitung über die Wahlpanne in Wahlbezirk 287, ein Koffer mit Wahlzetteln sei vertauscht worden, alle Stimmen, die vor 10 Uhr abgegeben wurden, insgesamt 54, seien ungültig.

Wie immer, wenn er ärgerlich ist, tröstet er sich mit Kafka. Dort heißt es beinahe wörtlich: „Der Neuberliner wird fröhlich sich verlieren in der zahllosen Menge der Stimmen unseres Volkes, und bald, da wir keine Geschichte treiben, in gesteigerter Erlösung vergessen sein wie alle seine Brüder.“

Neuberlinern, die vor 10 Uhr im Wahlbezirk 287 gewählt haben, sei neben Kafkas Gesamtwerk die soeben erschienene „Kleine Heidelberger Stadtgeschichte“ von Oliver Fink empfohlen (Pustet Verlag, 152 Seiten, 12,90 Euro). Vielleicht sollten wir wieder auswandern!

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