Zeitung Heute : Unhappy Times

Jan Schulz-Ojala

In Zhang Yimous sehr, sehr zartem "Happy Times", soeben auf der Berlinale präsentiert, gibt es die hübsche Idee mit dem schrottreifen Bus. Der steht in einem Park in Shanghai rum und eignet sich, sind die Fenster erst mal rot angestrichen, wunderbar zum Schäferstündchenhotel für Verliebte. In Kim Ki-duks "Bad Guy" ist es ein alter Pritschenwagen, auf dessen Ladefläche unter orangefarbener Plastikplane eine Matratze liegt. Nur dient das Lotterbett nicht der wahren Liebe, sondern die schöne Sunwha (Seo Won) muss darin Freier bedienen. Über Standort und Kundschaft des rollenden Puffs bestimmt ihr Fahrer und Zuhälter Hangi (Cho Je-Hyun). So hart und böse ist die Welt in Korea.

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Weil der Mensch aber im Kino auch gerne träumt, kommt ordentlich Liebe hinzu. Vor das von Hangi und Sunwha betriebene Kleinunternehmen aber hat Kim Ki-duk, der auch das Drehbuch schrieb, Blut, Schweiß, Spucke, Kotze, Tränen, Faustschläge (unter Männern), Ohrfeigen (von Frauenhand) sowie die eine und andere Vergewaltigung gesetzt. Eine seltsame Liebe ist es, die da gedeiht. Sie steht am Ende der restlosen Zerstörung eines Selbstbehauptungswillens. Denn Hangi hat die Schülerin Sunwha mit aller Gewalt in die Prostitution gezwungen.

Auch Hangi leidet, das soll nicht verschwiegen werden. Als er Sunwha an der Straßenkreuzung, wo sie sich mit ihrem Freund verabredet hat, gewaltsam viele Sekunden lang küsst, spuckt sie ihn zur Strafe an - zweifellos eine Demütigung. Auch später, als er sie nach einer raffinierten Finte zum Anschaffen zwingt, muss er heftig gegen einen seiner Schläger einschreiten, denn der hat sich in Sunwha verliebt - auch das eine Beleidigung für Hangi, nicht wahr? Und im Zuge wechselseitiger Rache- und Strafaktionen kommt er selbst ein paarmal nur knapp mit dem Leben davon.

Kim Ki-duk hat in seinem großartigen Film "The Isle" (2000), der hohe Erwartungen in seinen Berlinale-Film schürte, aber auch in Nebenhandlungen seines nicht minder faszinierenden "Address Unknown" (2001) starke - und gewaltsame - Bilder und Szenen für die gewaltsame Kraft der Liebe gefunden. Für die Lust aufeinander, für das Habenwollen, für die Verfallenheit und den Schmerz. In "Bad Guy" aber geht es um den kalten Besitz an einem Menschen, den man sich gewaltsam unterjocht, also um etwas Unverzeihliches. Und unverzeihlich ist, dass Kim Ki-duk, nur weil irgendwann so etwas wie Liebe unter den total Erschöpften ins Spiel kommt, diesen Mord an einem fremden Selbst verzeiht.

Der Befund schmerzt - zeigen doch Dramaturgie, Bildkomposition, Rhythmus, Ökonomie und Wucht der formalen Mittel von "Bad Guy", dass der eben 42jährige Kim Ki-duk, der in nur neun Jahren sieben Filme drehte, zu Recht als das Filmgenie Koreas gilt. Seine bisherigen Arbeiten hat das Publikum in Korea nicht gemocht, "Bad Guy" nun ist dort sein erster großer Erfolg - das im Kern effekthascherische B-Picture eines A-Regisseurs. Leider offenbar gut genug für den Berlinale-Wettbewerb.

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