Zeitung Heute : Unheilvoller Dominoeffekt

Kurz bevor die ersten Prognosen gegen 18 Uhr bekannt werden, herrscht nicht nur bei den Sozialdemokraten entspannte Zuversicht. Auch am Millerntor, dort, wo der Hamburger Kultklub FC St. Pauli spielt und die verrücktesten Fans der Fußball-Bundesliga beheimatet sind, wollen die Parteimitglieder der Grünen feiern. Doch die ersten Zahlen zeigen bereits, dass dieser Tag trotz der Zuwächse im Vergleich zur letzten Wahl 2008 ein verlorener Tag für die Hamburger GAL sein wird. Die Gesichter der Mitglieder sind dementsprechend zerknautscht, viele ziehen sich immer wieder auf die Terrasse zurück.

Dem anwesenden Grünen-Bundesvorsitzenden Cem Özdemir bleibt nichts anderes übrig, als das ernüchternde Ergebnis, völlig gegen den Bundestrend der Grünen, an der CDU festzumachen. Die seien einfach so schwach gewesen, dass nur deshalb die SPD so hoch gewinnen konnte. Das stimmt durchaus, war aber den Mitgliedern kein Trost. Sonst wird bei den Grünen bis in die Nacht hinein ausgelassen getanzt, diesmal wollte sich keiner bewegen. Die Grünen hatten ja die Koalition mit der CDU im November aufgekündigt und somit Neuwahlen möglich gemacht. Sie wollten dabei die nie sicher scheinende absolute Mehrheit der SPD verhindern, und vor allem wollten sie wieder regieren. Nun haben sie endgültig die Macht zum Mitregieren verloren.

Noch am Mittag hatte sich eine entspannte Spitzenkandidatin Anja Hajduk in ihrem Wahlkreis in Eppendorf brav in die lange Schlange der Wähler eingereiht, hatte 25 Minuten ausgeharrt, bis sie ihre Wahlzettel in die weiße Tonne mit rotem Deckel werfen konnte. Danach hatte sie im kurzen Gespräch mit dem Tagesspiegel davon gesprochen, wie gut das Verhältnis zu SPD-Spitzenkandidat Olaf Scholz sei, den sie schon lange aus Berlin und dem Bundestag kenne. Sie hatte noch darauf hingewiesen, dass es aus ihrer Sicht doch ein erfreulicher Zug von Scholz gewesen sei, die Grünen-Kernthemen im Wahlkampf zu ignorieren, so dass die Partei sich als Garant für eine innovative Umwelt- und Energiepolitik stark machen konnte.

Im großen Ballsaal des Stadions seufzte die ehemalige zweite Bürgermeisterin und Schulsenatorin Christa Goetsch tief angesichts der starken SPD und trank noch einen Schluck aus ihrem großen Weißweinglas. Wenn man so will, dann hatte Goetsch’s gescheiterte Schulreform einen unheilvollen Dominoeffekt. Erst trat der beliebte Bürgermeister und Vertraute der Grünen, Ole von Beust, zurück, dann verabschiedeten sich die Grünen aus der Koalition in dem Bewusstsein, mit der neuen CDU könne man nicht seriös regieren. Und schließlich scheiterten die Grünen an ihrem eigenen Anspruch, trotz der Regierungszeit selbst wieder als glaubwürdige Regierungspartei dazustehen. Dennoch betonte auch Anja Hajduk am Sonntagabend, dass sie nie einen Zweifel an der Richtigkeit der Entscheidung gehabt habe, die Koalition aufzukündigen.

Nun wird Hajduk in die Opposition gehen und sicherlich auch den Fraktionsvorsitz übernehmen. Andere werden sich wohl aus der Politik verabschieden. Ein totaler Neuanfang wird nicht notwendig sein, aber das „gemischte Ergebnis“, wie es Hajduk ausdrückte, wird noch zu mancher Diskussion führen. Armin Lehmann

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