Zeitung Heute : Unheimlich neu

Keine Floskeln, keine Traditionsparolen. Der SPD-Parteitag jubelt und beschert Platzeck ein Traumergebnis

Hans Monath[Karlsruhe]

Das ganz Große muss immer einen kleinen Fehler haben, mindestens einen. 53 Minuten lang hat der Mann mit dem Dreitagebart und dem Wirbel im Haar die Spannung gehalten und seine Zuhörer in der Karlsruher Messehalle gefesselt, als ihm der kleine Fehler unterläuft. Immer wieder hat Matthias Platzeck Töne angeschlagen, die verblüffend neu sind für die Sozialdemokraten und die sie begierig aufnehmen, aber dieser Zungenschlag gehört nicht dazu. „Meine Damen und Herren…“, ruft der Redner im dunklen, gestreiften Anzug den Delegierten des SPD-Parteitags zu, um sich ganz schnell zu korrigieren: „Liebe Genossinnen und Genossen...“

Der Mann, der als zehnter Vorsitzender der ältesten deutschen Partei so vieles anders machen will als seine Vorgänger, kommt nicht aus dem Milieu der Müntefering- und Schröder-SPD. Er kommt von ganz außen, aus einer anderen Welt. Man merkt es, obwohl er schon ganze zehn Jahre dabei ist.

Das könnte eine Schwäche sein. Aber an diesem Tag will es niemand als Schwäche auslegen. Schon zwei Minuten später jubelt der Saal. „Links bedeutet immer Bewegung und Aufbruch“, ruft Matthias Platzeck. „Das ist links. Und das sind wir.“ Ergriffen sind sie, weil einer mit ganz einfachen Worten und ohne Scheu vor großen Begriffen und Gefühlen begründet, wozu ihre Partei überhaupt da ist. „Er kommt aus dem Nichts und erobert die Herzen des Parteitags im Fluge“, wundert sich der Parteilinke Gernot Erler.

Es ist an den Gesichtern oben auf dem Podium abzulesen, dass diese Rede nicht nur einen wichtigen, sondern auch einen dramatischen Moment in der Geschichte der SPD bedeutet. Franz Müntefering, der an diesem Tag so hager und kantig wie ein Raubvogel wirkt, presst die Lippen aufeinander. Seine Zunge arbeitet im geschlossenen Mund, als müsse er etwas Unangenehmes hinunterschlucken. Platzeck dankt ihm gerade und sagt, er freue sich auf die Zusammenarbeit mit dem künftigen Vizekanzler.

Auf der großen Leinwand sind die Köpfe der anderen Sozialdemokraten zu sehen, denen der Neue seine Reverenz erweist. Kurt Beck, den das Amt gereizt hat und der als stellvertretender Parteichef auf das Zugriffsrecht dann doch verzichtete, schaut etwas gequält, als der Redner voraussagt, er, Beck, werde seine Landtagswahl im Frühjahr gewinnen. Weil er „gut für die Menschen in Rheinland-Pfalz ist“. Oder Gerhard Schröder. Es ist schwer zu entscheiden, ob der gerührt ist, weil Platzeck seine Friedenspolitik in die Tradition Willy Brandts stellt, oder ob sein Gesicht so verknittert wirkt, weil er am Abend zuvor noch sehr, sehr lange an der Hotelbar saß.

Und die Delegierten? Bei vielen provoziert Platzeck ein Lächeln, manchmal auch ein Lachen. Dabei sind es gar keine bequemen Botschaften, keine schönen Versprechungen, die er dem Parteitag in seiner Bewerbungsrede unterbreitet. Genau genommen ist es eine mehr als einstündige Aufforderung, die gewohnten Denkwege zu verlassen und das Neue zu wagen. Doch da ist nichts von Mahnung oder Drohung zu hören, keine Warnung vor dem bevorstehenden Absturz. Die Grundbotschaft heißt: Ihr könnt mit dem Wandel umgehen, wir können es gemeinsam schaffen, und es macht auch noch Spaß. Sogar seinen Anspruch auf Führung formuliert der Neue so ruhig, dass er kaum auffällt. Die auf dem Podium merken es natürlich und staunen. Schließlich erzählen Platzecks Weggefährten aus Brandenburg auch gerne, dass der Chef seine Ziele sehr hartnäckig verfolgen kann und dann mit beachtlicher Energie auch Gegner aus dem Weg räumt.

Nichts an Platzecks Auftritt erinnert an jene Parteitagsreden, die ein ums andere Mal sozialdemokratische Schlüsselanliegen durchdeklinieren. Mit dem Kündigungsschutz oder dem Flächentarifvertrag hält er sich kaum auf, dafür erzählt er von großen Zielen und großer Zuversicht. Vielleicht hat sich die SPD nach solchen Sätzen gesehnt in den sieben Jahren, in denen Schröder den Kurs der Notwendigkeiten dekretierte oder Müntefering die Aufgaben in seinem Stakkato-Stil beschrieb. Platzeck sagt Sätze wie: „Unser Land ist zu beeindruckenden Erneuerungsleistungen imstande“, „gebraucht zu werden, das ist für uns Menschen eigentlich das Entscheidende“ oder „Wir brauchen in Deutschland einen neuen Geist des gemeinsamen Anpackens“.

Dass diese Rede einen Bruch bedeutet, das sieht man auch in den Mienen enger Müntefering-Mitarbeiter und Kanzler-Helfer, die am Rande des Podiums stehen und aufmerksam zuhören. Denn wenige Stunden zuvor, zu fortgeschrittener Stunde auf dem Parteiabend in der Schwarzwaldhalle in der Karlsruher Innenstadt, da war im vertrauten Gespräch auch Verbitterung und mancher aggressive Ton zu hören über Platzecks Anspruch, alles neu zu machen. Und auch Skepsis gegenüber dem Kommunikationstalent aus dem Osten. „Mal sehen, wie lange das hält, das schöne Wunder“, stichelte da ein Parteifreund.

Auch wenn Platzeck sich ganz in die Kontinuität seiner Vorgänger stellt, fordert und verspricht er eine neue Kultur der Kommunikation in der Partei. Schön ist es für die alte Führung der SPD nicht, durch das begeisterte Klatschen der Delegierten nun vorgeführt zu bekommen, was die Partei vermisst hat. Auch sind die beim Aufstand gegen Müntefering geschlagenen Wunden noch nicht verheilt. Das bekommt später Platzecks Wunschkandidat für den Posten des Generalsekretärs zu spüren, dem nur 61 Prozent der Delegierten ihre Stimme geben.

Mucksmäuschenstill wird es, als Platzeck nach ein einer und einer Viertelstunden ankündigt, er wolle „noch zwei Worte zu mir sagen“. Der Ministerpräsident, der in der DDR aufgewachsen ist, erinnert daran, dass er fast auf den Tag genau vor 16 Jahren zum ersten Mal über die Glienicker Brücke ging. Die Erfahrung des Umbruchs habe ihn mit dem Satz eines großen Sozialdemokraten gelehrt, „dass wir uns klar machen müssen, dass nichts von Dauer ist“. Das stammt von Willy Brandt. „Ich möchte mein Land gegen kein anderes Land auf der Welt eintauschen“, sagt der SPD-Chef im Aufbruch: „Es ist ein wunderbares Land.“ Das wirkt kein bisschen aufgesetzt.

Als dann der Beifall ihn immer wieder zum Aufstehen nötigt, geht Platzeck an den Rand des Podiums und reißt seltsam kantig die rechte Hand in die Höhe. Schröder umarmt den Mann, den er gefördert hat. Nur zwei Delegierte stimmen dann gegen den neuen Parteivorsitzenden. „Fast unanständig“, nennt einer seiner Vertrauten das Ergebnis von 99,4 Prozent. Das ist noch ironisch gemeint. Ernster gemeint ist das Wort, das er nach einer Pause hinterher schiebt: „Unheimlich.“

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