Zeitung Heute : Unheimliches beobachten

Britta Wauer

Wie ein Ost-Berliner die Stadt erleben kann

Ich will niemanden langweilen mit Geschichten von früher, aber diesmal passt es zu einer Zukunftsvision. Es geht um einen Eckladen in Mitte. In meiner Kindheit war er mir unheimlich. Das lag an den Frauen, die dort arbeiteten. Sie haben mich beobachtet, aber das wusste ich zuerst nicht. Ich war Schulanfängerin und schon einige Monate diesen Weg gegangen. Diesmal hatte meine Mutter mich abgeholt, als eine Frau aus dem Laden gerannt kam und sagte: „Ich muss Ihnen jetzt mal ein Kompliment machen.“

Leider wusste ich damals noch nicht, was das heißt. Ich hielt „Kompliment“ für eine Beschwerde und wusste auch warum. Die Frau aus dem Laden sagte zu meiner Mutter: „Jedes Mal, wenn Ihre Tochter hier vorbei geht, singt sie laut und immer ein anderes Lied.“ Ich fand es gemein, dass sie ihr das verriet, aber noch schlimmer fand ich, dass sie mich beobachtet hatte. Deshalb habe ich nie wieder vor diesem Laden gesungen, auch als ich schon wusste, dass ein „Kompliment“ keine schlimme Sache ist.

Nach der Wende zog eine Apotheke ein. Jahrelang hat sie sich dort gehalten, sie war schließlich in einem Ärztehaus. Letztes Jahr muss es Streit gegeben haben. Die Apotheke zog ins Nachbarhaus und eine neue Apotheke eröffnete im Eckladen. Letzte Woche war ich das erste Mal drin.

Die Frau die mich begrüßte, war fröhlich und stolz. Sie hat einen Roboter, den sie „Marvin“ nennt, und weil man nicht jeden Tag irgendwo Roboter trifft, hat sie ihn mir gezeigt. Marvin ist zuständig für die Aufbewahrung der Medikamente. Er sortiert sie nicht nach Namen oder Wirkung, sondern nach Verpackungsgröße. Dafür hat er einen schmalen, langen Raum mit vielen Regalen von miniklein bis größer. Der Vorteil ist, dass er doppelt so viele Medikamente unterbringt und blitzschnell wieder findet, als das Menschen könnten. Das Schönste ist, dass man ihm durch eine Glasscheibe beim Arbeiten zuschauen kann. Es ist auf jeden Fall ein ulkiges Erlebnis, ich kann den Stolz der Apothekerin verstehen. Sicher ist es merkwürdig, Roboter zu beobachten, aber Frauen sind halt so.

„Apotheke Rosa-Luxemburg-Platz“ im Ärztehaus Weydingerstr. 18 in Mitte.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar