Unicef-Skandal : Kopf oder Zahlen

Wie viel Spendengeld darf ein gemeinnütziger Verein für Berater ausgeben? Bei der Unicef-Affäre geht es vor allem um die Frage, was angemessen ist – und da gibt es nur selten eindeutige Antworten. Was sagt der Vorstand, was die Frau, die alles ins Rollen gebracht hat? Besuche im Umkreis eines Skandals

Alexander Glodzinski[Kiel] Köln[Kiel] Sandro Mattioli[Kiel] Christine-Felice Röhrs[Berlin]

Sie sitzen im vierten Stock, den ganzen Tag, neun Vorstandsmitglieder mit angespannten Gesichtern. Zwei Abgesandte der Zentrale in Genf sind ebenfalls angereist. Es heißt, sie sollen helfen, einen „sanften Übergang“ zu schaffen – aber viel wahrscheinlicher ist, dass sie da sind, um sicherzustellen, dass es jetzt ein Ende hat mit den Peinlichkeiten.

Im Unicef-Haus in Köln ist es still am Mittwoch, die Flure verwaist, aller Augen und Ohren nach oben gerichtet. Dort passiert endlich etwas, nach allzu langer Hängepartie. Gerüchte laufen durchs Haus, bestätigen sich in schneller Folge. Zwei Vorstände treten zurück; sie sollen seit 30 Jahren dabei sein. Dann: Auch die anderen Vorstandsmitglieder werden neu gewählt, am 10. April. Es ist von einem neuen Verhaltenskodex die Rede, von zusätzlichen Kontrollen, einem Sechs-Punkte-Plan. Aber wichtiger: Der umstrittene Geschäftsführer Dietrich Garlichs arbeitet nun nicht mehr für Unicef. Nur darüber, wer sein Nachfolger sein soll, wird an diesem Tag nichts bekannt.

Es ist der vorläufige Schlusspunkt einer Affäre, die seit November immer größer geworden ist. Schon jetzt hat sie einen Millionenschaden verursacht – und nicht nur das. Glaubwürdigkeit ist das Hauptkapital von Spendenorganisationen, und die von Unicef ist schwer erschüttert. Großspender drohen, ihr Engagement zu überdenken, 10 000 kleinere haben schon ernst gemacht. Allein im Dezember gab es ein Minus von drei Millionen Euro. Und die Krise betrifft nicht mehr nur Unicef: In einer gestern veröffentlichten Forsa-Umfrage heißt es, jeder vierte Bürger wolle künftig weniger für wohltätige Zwecke geben. Aus der Frage, „Was ist anständig im Spendenbusiness?“ ist schon längst die Frage geworden: Wie gewinnt man das Vertrauen der Menschen zurück?

Begonnen hat alles am 30. Mai 2007. Damals lag im Posteingangskorb der Unicef-Vorsitzenden Heide Simonis ein anonymer Brief. Ich möchte Ihnen von den Zuständen in der Bundesgeschäftsstelle von Unicef berichten und Sie gleichzeitig bitten, für Aufklärung zu sorgen. (…) In unserem Haus werden in letzter Zeit Gelder in seltsamer Höhe ausgegeben.

700 Euro am Tag - wirklich nicht viel

Jemand anderer hätte so einen Brief vielleicht in den Müll geworfen. Aber Heide Simonis, Ex-Ministerpräsidentin und gesegnet mit Bluthundtalenten, sobald es um Bilanzen geht, leitet den Brief weiter. Der Vorstand marginalisiert zunächst die Vorwürfe, die vor allem Geschäftsführer Garlichs betreffen. Und Heide Simonis tritt zurück. Aus einer internen Krise wird ein Skandal, über den Garlichs schließlich doch noch stürzt. Am vergangenen Freitag bietet er seinen Rücktritt an.

Ein paar Tage später sitzt Heide Simonis in ihrem Wohnzimmer in Kiel. „Das war schon eine schwere Prüfung für mein Nervenkostüm“, sagt sie, sie wirkt müde. Bei der Unicef dürfe nun niemand mehr mit ihr reden. Eigentlich, sagt sie still, habe sie das Ganze ja intern klären wollen.

Es geht um folgende Vorwürfe. Der ehemalige Unicef-Mitarbeiter Ulrich Zschaubitz hat auch nach der Pensionierung noch und über knapp zwei Jahre hinweg 291 000 Euro für „Beratertätigkeiten“ bekommen. Ein weiterer Berater, Victor Lietz, soll eine Provision von 30 000 Euro für eine Großspende bekommen haben, die allerdings nicht er, sondern Dietrich Garlichs selbst eingeworben hatte. Heide Simonis sagt dazu: „Wenn Sie mal überlegen, in welchen Kategorien wir sonst rechnen! Unser Überlebenspaket für Kinder mit Impfungen, Kraftnahrung und Moskitonetz kostet fünf Euro. Ich teile 30 000 Euro immer durch solche Beträge.“

Bleiben zwei Kernprobleme. Ein moralisches: dass mit Spendengeldern Beraterhonorare gezahlt wurden, die viele für zu hoch halten. Und ein organisatorisches: dass der Vorstand, wenn er gewollt hätte, viele Vorgänge nicht hätte nachvollziehen können, weil Unterlagen fehlten.

Eine Woche nach Simonis’ Rücktritt ist die Unruhe in Reinhard Schlagintweits gemütliches Wohnzimmer vorgedrungen. Schlagintweit ist 79 und eigentlich schon im Ruhestand. Stattdessen hat er nach Simonis’ Rücktritt ihren Posten übernommen; er hat Erfahrung, bis 2005 war er selber Vorsitzender. Jetzt wartet ein TV-Team, doch Schlagintweit würde am liebsten noch eine Weile nachdenken.

Da gilt es auf der einen Seite, ein Gutachten der Wirtschaftsprüfer von KPMG zu rechtfertigen. Hinweise auf persönliche Bereicherung von Garlichs haben sie nicht gefunden – dafür „in vier der fünf untersuchten Sachverhalte Verstöße gegen bestehende Regeln der Vergabe, Durchführung und Kontrolle von Transaktionen, die dem Bereich der Ordnungsmäßigkeit zuzuordnen sind“. Es fehlten Unterschriften unter Vereinbarungen, andere Aufträge wurden per Handschlag besiegelt; die 30 000 Euro für Lietz sind ganz ohne Vertrag geflossen.

Auf der anderen Seite steht für Schlagintweit ein Geschäftsführer, der Unicef groß gemacht hat. Ganz ruhig sagt er: „Dass ein Mann wegen kleinerer Versäumnisse, die niemandem geschadet haben, die kein Geld verschwendet haben, dass der jetzt wegen einer sehr komplexen Krise geopfert wird, empfinde ich als ungerecht.“ Für ihn ist das eine Frage der Maßstäbe. „Solche Honorare sind für uns Normalverdiener schockierend hoch, aber sie sind marktüblich.“

„Kein Geld verschwendet“, „marktüblich“: Der Selbstverteidigungsreflex ist tief verwurzelt bei Unicef. Es ist, als habe man immer noch nicht verstanden, dass genau diese Haltung – die Weigerung anzuerkennen, dass Garlichs Geschäftspraktiken vielen moralisch fragwürdig erscheinen – dazu geführt hat, dass mittlerweile auch Spender und Basis sauer sind. Über das Ergebnis des KPMG-Gutachtens hieß es in der Mitteilung von Unicef: „Es gab keine Unregelmäßigkeiten.“

Rein rechtlich ist Dietrich Garlichs bisher nichts vorzuwerfen, höchstens selbstherrliche Buchführung. Ist ihm ethisch etwas vorzuwerfen? Es geht in dieser Affäre vor allem um die Frage, was angemessen ist. Auf so eine Frage gibt es selten eine eindeutige Antwort.

Ulrich Zschaubitz, der Mann, der zusammen mit dem Spendensammler Victor Lietz im Mittelpunkt der Affäre steht, ist sich zumindest keines Unrechts bewusst. Er hat in seine Kölner Wohnung gebeten, ein braungebrannter 68-Jähriger mit aufrechter Haltung. Dass er nun am Pranger steht, findet er ungerecht. Gemessen an gängigen Beraterhonoraren lägen „700 Euro pro Tag am unteren Level“. Und überhaupt sei es der falsche Ansatz zu sagen, für eine Wohltätigkeitsorganisation seien die Beraterhonorare zu hoch. Man müsse auf den „return of investment“ achten, wie er es nennt. Wenn man eine Million Euro ausgibt, dafür aber zehn Millionen rauskommen, wo sei da das Problem?

Eigentlich war Zschaubitz 2005 schon im Ruhestand. Doch plötzlich herrschte in der Unicef-Geschäftsstelle Personalnot. „Ad hoc“ hätte ihn Dietrich Garlichs gebeten, die Tätigkeit des Bereichsleiters Grußkarten zu übernehmen, bis man einen Nachfolger gefunden hätte. Das dauerte zwei Jahre, in denen Zschaubitz auch noch den Umbau der Zentrale koordinierte. „Externe Dienstleistungen in einer verantwortungsvollen Position“, sagt er. Exorbitant vergütet, meinen andere. Die KPMG kam zum Schluss, am Honorar sei grundsätzlich nichts auszusetzen gewesen – aber es fehlte ein Vertrag.

Das Eintreiben von Spendengeldern ist Zschaubitz’ Spezialgebiet. Ab 1990 hat er den Bereich Mittelbeschaffung bei Unicef geleitet. Zschaubitz hat Spendenpools aufgebaut, mehr als drei Millionen Spenderadressen generiert und die EDV modernisiert. Bei seinem Amtsantritt wurden zwei Drittel der Einnahmen durch den Verkauf von Grußkarten erzielt. „Nun hat sich das Verhältnis komplett umgedreht“, sagt er stolz. Für ihn ist wichtig: Um vernünftig arbeiten zu können, müsse man sich auch externer Dienstleister bedienen dürfen. Nicht zuletzt, weil der Wettbewerb immer intensiver werde.

Tatsächlich wird ein Großteil der deutschen Spendengelder von Profis eingeholt. „An sich ist das ja auch kein Problem“, sagt Lothar Schruff, Professor für Rechnungslegung der Uni Göttingen und Spendenexperte. Die Vorgänge müssten jedoch für jeden nachvollziehbar sein. Das Zauberwort heißt Transparenz.

Noch eine Erkenntnis der letzten Wochen ist aber, dass Transparenz schwer herzustellen ist. Noch immer steht auf der Webseite von Unicef auf die Frage „wie hoch sind die Verwaltungskosten von Unicef?“ die Antwort: „Im Spendenbereich liegen die Verwaltungskosten stets unter zehn Prozent.“ Dabei sind es fast 20. Ist das nun bewusste Irreführung? Und woher stammen die Beratergehälter? Unicef-Antwort: aus dem „Gesamthaushalt“. Also: aus Spenden.

Garlichs gibt „schwere psychologische Fehler“ zu. „Schlampereien.“

Bleibt die Frage, wieso nicht der Vorstand seinen Geschäftsführer davon abgehalten hat, zu schlampen.

Ingar Brueggemann, Mitglied des Vorstands, sagt, man sei „auch naiv“ gewesen. Zwei Tage vor den Beratungen in Köln hat sie einem Gespräch in ihrer Wohnung in Berlin-Schöneberg zugestimmt, eine zierliche Frau in Marineblau, 74 Jahre alt. Sie sagt: Es schien immer auszureichen, dass es den Geschäftsführer und den Vorstand gab.

Ingar Brueggemann, zuletzt Generalsekretärin der International Planned Parenthood Federation in London, nennt die Affäre auch eine „Wachstumskrise“. Unicef sei den eigenen Leuten über den Kopf gewachsen. Neben den überschaubaren Arbeitsgruppen, die Grußkarten verkaufen, sei zusätzlich eine hoch professionalisierte Struktur entstanden. Dafür sei das Vereinsrecht nicht gemacht, sagt Brueggemann. „Da waren auf einmal Leute aus der Industrie mit Geldern in ganz anderen Größenordnungen.“

Unicef ist uns über den Kopf gewachsen

Es ist schwer zu sagen, ob Ingar Brueggemann auch am Unicef’schen Verdrängungsvirus leidet. Sie selber sagt, ihr gehe es darum, ein Bewusstsein für eine ganz neue Spendenkultur zu schaffen, für das professionelle Fundraising. Dem habe Unicef seinen Erfolg zu verdanken. „Dabei ist eine Provision von sechs bis zehn Prozent das Maximum, was Unicef in Einzelfällen gezahlt hat“, sagt sie. Aber für die ehrenamtlichen Helfer „klingt das natürlich unglaublich“. Kommunikationsfehler seien da passiert, sagt sie. Es müsse nun ein viel sensiblerer Austausch mit allen Mitarbeitern her.

Denn an der Basis ist Flucht nicht möglich. Hier fällt der Schaden am schlimmsten aus. Von hier kam das Vertrauen.

„Wir sind es doch, die für das gute Image von Unicef stehen, die wir den Leuten in ihrem Alltag begegnen“, sagt Henriette Wulf. Sie versucht, es sachlich zu sagen, es darf nicht bitter klingen. Dies ist auch ein persönlicher Konflikt.

Es ist Samstagmorgen. In der Kantine des Berliner Ensembles sitzen Henriette Wulf und Renate Wenzel, beide um die 50, beide Mitglieder der Stadtteilgruppe Steglitz-Zehlendorf. Zu Hause warten die Familien, aber das hier ist erst einmal wichtiger. Schadensbegrenzung.

Henriette Wulf und Renate Wenzel sind zwei von 8000. So viele Ehrenamtliche arbeiten in Deutschland für Unicef. Keine Organisation hat mehr. Und wohl kaum eine hat fleißigere. Denn Unicef bietet kein fest umrissenes Arbeitsgebiet für Ehrenamtliche, es fordert Eigeninitiative. Und es bekommt ziemlich viel davon. Henriette Wulf schlägt einen dicken Ordner mit Fotos auf. Eine lächelnde Renate Wenzel ist da zu sehen, hinter einem Tisch mit Unicef-blauer Tischdecke, darauf Unicef-Grußkarten. Der Kartenverkauf ist eine feste Säule der Spendenarchitektur. 21 000 Euro haben die 16 aus Steglitz-Zehlendorf im letzten Jahr erwirtschaftet; insgesamt sind über die Ortsgruppen 21 Millionen Euro zusammengekommen – fast ein Viertel der Gesamtsumme von 74 Millionen.

Aber sie stellen noch ganz andere Sachen auf die Beine. Renate Wenzel hat mal eine Kunstauktion organisiert – Ergebnis: 15 000 Euro. Sie und Tausende andere veranstalten Büchertrödel und spenden den Erlös, oder sie ziehen Pflanzen, die sie gegen Spenden für Unicef dann verschenken. Und nun wird ihnen das Gefühl, für eine gute Sache gearbeitet zu haben, zerredet. Das Gute ist plötzlich relativ, sie spüren das überall.

Ein Grundmisstrauen gegenüber Spendenorganisationen, sagt Renate Wenzel, sei schon immer dagewesen – aber nun fühlten die Leute sich bestätigt. „Wenn einer gefragt hat, sind Sie denn sicher, dass das Geld auch ankommt, dann habe ich im Brustton der Überzeugung gesagt: Vertrauen Sie mir.“ Vertrauen Sie mir! Nun rufen Freunde an und fragen, wem hab ich da mein Geld gegeben?

Henriette Wulf und Renate Wenzel haben sich mit sich selbst auf diese Sichtweise geeinigt: Unicef sei nach wie vor eine gute Sache. Sie bitten, man möge doch das nicht vergessen. Sie sagen auch: „Da haben wir viel Arbeit vor uns.“

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